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POLITIK & GESELLSCHAFT
Antje Bultmann gewissenlose GeschäfteAntje Bultmann/Hans-Jürgen Fischbeck (Hrsg.)

Gewissenlose Geschäfte

Wie Wirtschaft und Industrie unser Leben auf's Spiel setzen

Sind Vergiftungen, Unfälle, lebenslängliche Gesundheitsschäden und Todesfälle der Preis für unsere High-Tech-Gesellschaft? Zählt die betriebswirtschaftliche Bilanz mehr als die Unversehrtheit des Menschen?In diesem Buch geht es nicht um zufällige Unfälle. Die wird es immer geben. Es geht um Unternehmen, die gefährliche Produkte nicht vom Markt nehmen, an riskanten Verfahren festhalten oder neue Stoffe ohne ausreichende Prüfung in die Umwelt entlassen - und zwar obwohl sie um deren Gefährlichkeit wissen. Menschenopfer werden so in Kauf genommen. Den finanziellen Schaden, der in die Milliarden geht, tragen die Versicherten und die Steuerzahler. Die Verursacher bleiben meist unbehelligt.


Antje Bultmann, geboren 1941, studierte Verhaltens- und Sozialwissenschaften in Heidelberg, Göttinger und Tübingen. Zehn Jahre war sie als Lehrerin und Heimleiterin tätig, bevor sie ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart absolvierte. Sie leitete ein Projekt Umweltschutz und Kirche in München und ist Mitglied der Emst-Friedrich-Schumacher-Gesellschaft. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Journalistin in der Nähe von München. Hans-Jürgen Fischbeck, geboren 1938 studierte Physik an der Humbold-Universität in Berlin. Er: arbeitete von 1962 bis 1991 am Zentralinstitut für Elektronenphysik in Ostherhn Promotion 1966, Habilitation 1969 zum Thema der Festkörperphysik. Von 1977 bis 1990 gehörte er der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg (Ostregion) an und war Mitbegründer der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, 1990 wurde er erst in die Ostberliner Stadtverordnetenversammlung und später in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Seit 1992 ist er Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Mülheim/Ruhr.
Originalausgabe Dezember 1996
Copyright © 1996 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts-
gesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung
in elektronischen Systemen.
Umschlaggestaltung Agentur Zero, München
Umschlagfoto Tony Stone/Christian Bossu-Pica
Satz MPM, Wasserburg
Druck und Bindung Ebner Ulm
Printed in Germany
ISBN 3-426-77225-6
Inhalt
 
Hans-Jürgen Fischbeck
Vorwort: Moloch Wohlstand ................... 
7
Antje Bultmann/Andrea Surkus
1 Einleitung: Menschenopfer eingeplant ........ 
11
I Der Wert des Menschen: Rechenexempel  49
Jose A. Lutzenberger
2 Einäugige Ökonomie ....................... 
51
Sabine Csampai
3 Lobbykratie gegen Minderheiten? ............ 
63
Till Bastian
4 Grenzwerte für Volksverdummunggibt es offensichtlich nicht.................. 
82
Peter Kafka
5 Restrisiko - Anmerkungen zum:  Künstlichen Gewissen ..................... 
97
Christoph Bals 
6 Globale Klimapolitik: Wieviel ist ein Menschenleben »wert«?................ 
134
II Eingriff in das Leben: Beispiele  161
Linde Peters
7 Xeno-Östrogene: Bedrohen Umweltgifte mit Hormonwirkung die Fortpflanzung von
Menschen und Tieren?.................... 
163
Egmont R. Koch
8 Stärke für Afrika: Tödliche Geschäftemit gefälschten Arzneimitteln
186
Martin Hofmann
9 Grüne Gentechnik —Freilandversuche ohne Risiko 
200
Roswitha Mikulla-Liegert
10 Aus der Praxis des Verbraucherschutzes:Rückrufe in der Automobilindustrie
215
Claus Biegert
11 Strahlendes Geheimnis:
Das Südseeatoll Mururoa - Opfer des französischen Nuklearkolonialismus
233
Ute Bemhardt/lngo Ruhmann
12 Tödliche Bits: Vom Multimedium zum Hyperrisiko
253
III Lebenswerte Zukunft: Perspektiven  273
Sigrid Hopf/Antje Bultmann
13 Motive und Strukturen:Wie können wir uns ändern?
275
Ernst Ulrich von Weizsäcker
14 Gibt es einen Grund zum Technikoptimismus?.
283

Zu den Autorinnen und Autoren .............. 
291


 


Hans-Jürgen Fischbeck

Vorwort: Moloch Wohlstand

 Das technokratisch verfügte Risiko ist das Thema dieses Buches. Es war auch das Thema einer Tagung der Evangelischen Akademie Mülheim unter dem Titel »Der statistische Tod - Menschenopfer auf dem Altar des Fortschritts?« Das technokratisch verfügte Risiko ist wohl zu unterscheiden von den selbstgewählten und selbstverantworteten Risiken, die wir alle eingehen und ohne die Leben nicht möglich ist. Die technokratischen Risiken sind auch keine demokratisch beschlossenen Risiken. Dies alles wird in der Einleitung noch genauer betrachtet.

Ich frage mich aber, ob es nicht so etwas wie eine gesellschaftliche Ermächtigung für die ökonomisch ausgeübte Technokratie, eine Art Gesellschafts vertrag gibt, der Wohlstand als Gegenleistung für einzugehende Risiken vorsieht. An einen solchen imaginären Gesellschaftsvertrag appelliert offenbar der »Strategiekreis Forschung und Technologie« - ein Gremium prominenter Wissenschaftler beim vormaligen Forschungsminister Paul Krüger -, wenn er in seinem Bericht vom Juli 1994 schreibt:

»Dabei sollte allerdings in der öffentlichen Diskussion weitaus deutlicher als bisher der Zusammenhang von Risiken und Wohlstandschancen aufgezeigt werden.
In Deutschland dürfte das Wohlstandsniveau kaum zu halten sein, wenn gleichzeitig aus Angst vor Risiken technologische Entwicklungen abgelehnt oder erschwert werden. Mit ihrer Neigung, Risiken zu vermeiden, wird die Wohlstandsgesellschaft selbst zu einem Risiko für den Wohlstand.«
Mit einem Unterton des Vorwurfs wird gesagt: Wenn euch der Wohlstand lieb und teuer ist, dann nehmt auch die technologischen Risiken gefälligst in Kauf. Das heißt im Klartext: Risiken für das Leben hinnehmen, um Risiken für den Wohlstand zu vermeiden. 

Wie teuer ist uns der Wohlstand? Experten meinen, die Gesellschaft würde die Risiken einer technologischen Innovation akzeptieren, wenn sie nicht mehr als einen Toten auf 10 000 Menschen pro Jahr mit sich brächte. Ist das der Preis, den wir zu zahlen bereit sind? Wie viele solcher »Innovationen« haben wir schon? Zahlen »wir« denn wirklich? Zahlt nicht nur jener eine von 10000 Menschen im Jahr? Wer ist das Opfer, das Menschenopfer, das für unseren Wohlstand — die Wissenschaftler des Strategiekreises sagen es - geopfert werden muß? Unser Wohlstand aber hängt — auch das sagen die Wissenschaftler - vom technischen Fortschritt ab. 

Ist »Fortschritt« der Gott, dem wir in unseren Entwicklungslabors den Altar bauen, auf dem wir jeder riskanten Technologie pro Jahr einen von 10000 Menschen opfern, damit er uns »Wohlstand« beschert? Warum tun wir das? Jeder und jede von uns könnte doch dieser eine sein. Schon die Erhaltung des Wohlstands, gar nicht mal seine Steigerung, erfordern ständige technologische Innovation, ständig »neue Märkte«. Der »Fortschritt« - so sagen kritische Ökonomen - schreitet gar nicht mehr fort, sondern tritt auf der Stelle. Er ist zur Tretmühle geworden.

Mir kommt da jenes Märchen in den Sinn, in dem ein Drache regelmäßig mit Jungfrauen gefüttert werden muß, um ihn immer wieder neu zu befriedigen. Der Moloch des innovationsgefütterten Wohlstands ist unersättlich, und wir sind — anders als im Märchen — selbst dieser Moloch, solange wir am oben erwähnten »Gesell-Schaftsvertrag« mit der Technokratie festhalten. Wir sind aber auch eventuell sein Opfer. Dieses Wörtchen >eventuell< läßt uns das Ganze akzeptieren, wenn es nur für eine genügend kleine Wahrscheinlichkeit steht. Wir würden es nicht mehr akzeptieren, wenn der riskierte Tod nicht mehr statistisch, sondern zurechenbar wie eine unverschuldete Todesstrafe wäre, wie ein Justizmord also.

Wir, die Wohlstandsgesellschaft, sind also selbst dieser unersättliche Moloch. Wir können nicht mehr zufrieden sein. Sind wir von allen guten Geistern verlassen? Von welchem Geist sind wir verlassen? Mir scheint, eine der tiefsten Gründe für unsere Unersättlichkeit ist darin zu suchen, daß wir, die Zeitgenossen der Wohlstandsgesellschaft, glauben, mit dem Tode sei alles aus. Deshalb klammern wir uns an unser unerfülltes Leben. Darum bleiben wir unbefriedigt bis zuletzt, denn wir haben ja noch nicht alles gehabt und noch nicht alles erlebt, was uns das Konsum- und Dienstleistungs-Business zu bieten hat. Deshalb, so meine ich, nehmen wir den statistischen Tod in Kauf. Denn wir haben ja nichts anderes und nichts besseres mehr als unseren Wohlstand. Das müssen die statistischen Opfer mit sinnlosem Leiden oder gar vorzeitigem Tod bezahlen.

Vorzeitiger Tod? Gibt es für uns überhaupt noch einen»zeitigen« Tod? Sehen wir ihn nicht fast immer als vorzeitig an? Wir versuchen ihn doch mit allen technischen Mitteln hinauszuzögern bis auf den allerletzten Augenblick und verdrängen ihn in Kliniken und Alten-Ghettos. Unbefriedigte Menschen können nicht sterben und deshalb nicht richtig leben.

Es ist höchste Zeit, jenen imaginären Gesellschaftsvertrag »Wohlstand gegen Risiko« zur Diskussion und Disposition zu stellen, dem noch viel mehr zum Opfer zu fallen droht als die »Geopferten«, um die es in diesem Buch geht.

Unser Buch will einen Beitrag dazu leisten. Wir verkennen ja nicht, daß der technische Fortschritt wirklich ein Fortschritt war, weil er eine Fülle von Risiken, die von Krankheiten und Naturkatastrophen drohten, erheblich gemindert hat, so daß sich unsere Lebenserwartung verdoppelte. Nun aber ist nicht nur der Grenznutzen erreicht. Auch die Haftung und Rückzahlung der zuvor externalisierten Kosten werden von uns verlangt. Wir können diese unsere Sünden nicht mehr statistischen Opfern aufbürden und sie wie »Sündenböcke« in die Wüste der Geschichte schicken. Eine neue, befriedete Zivilisation muß gefunden werden. 

»Das 20. Jahrhundert ist das erste, in dem die Gattungsfrage, das heißt die Frage nach den Weiterlebenschancen der Menschheit, allgemein und unüberhörbar gestellt wird.«
Carl Amery
»Ich will wissen,
für wen ich ein Restrisiko bin!«
Sönke Rehr1
Antje Bultmann/Andrea Surkus

l Einleitung: Menschenopfer eingeplant

Gewinne um jeden Preis

In den USA wurde in den siebziger Jahren in Konkurrenz zum deutschen VW Käfer ein Kleinwagen gebaut und äußerst knapp kalkuliert. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, daß der Tank fehlerhaft konstruiert war und bei Zusammenstößen leicht explodierte. Der Hersteller berechnete, daß die Behebung der Schwachstelle pro Auto elf Dollar kosten würde. Gutachter der Firma stellten fest, daß es sie billiger käme, die Schadensersatzkosten der 180 tödlich Verunglückten pro Jahr zu übernehmen, anstatt alle Wagen nachzurüsten. Bis 1977 wurden fast 20 Millionen Wagen verkauft. Als Folge der Fehlkonstruktion starben jedoch statt der prognostizierten 720 Fälle in vier Jahren 9000 Menschen.2

In den letzten Jahrzehnten zeichnet es sich immer deutlicher ab: Fortschritt, Technologie und Wirtschaftswachstum fordern ihre Opfer. In einer Grauzone zwischen Vorsatz, Fahrlässigkeit und Unwissenheit werden die Menschen immer neuen Risiken ausgesetzt. Erheben sich Einwände, kommt das Argument: »Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist in Gefahr.« Die Neigung unserer Gesellschaft, Risiken zu vermeiden, bedrohe den technologischen Fortschritt, heißt es. 

Dennoch muß es diese Technikkritik geben. Eine offene und ehrliche Diskussion ist notwendiger denn je. Wissenschaftliche Forschung und komplizierte moderne Technologien greifen immer öfter in elementare Menschenrechte ein. Sie unterhöhlen die Grundlagen des Lebens: Als »Nebenwirkungen« verändern sich Erbgut, Fruchtbarkeit, Intelligenz, Psyche, Lebensqualität und Gesundheit. Viele Menschen sehen nur einzelne Schadenswirkungen, blicken nur in ihren eigenen Hinterhof. Die Gesamtbedrohung wird verkannt, ignoriert oder geleugnet.

Heilige Kuh: »Wirtschaftsstandort Deutschland«

 Der »Wirtschaftsstandort Deutschland« wird heute als heilige Kuh glorifiziert. Wer den leisesten Ansatz macht, die Wachstumsgläubigkeit durch eine dauerhafte und für die Zukunft gesicherte nachhaltige Wirtschaftsweise ersetzen zu wollen, wird als Technikfeind ins Reich der Outsider verwiesen. Gewinnmaximierung und schnelle Bedürfnisbefriedigung sind das Gebot der Stunde. Unternehmer' und Politikerkreise setzen sich damit gegenüber einer langfristigen Wirtschaftsweise durch, die ökonomische und ökologische Aspekte miteinander verbindet und den Bedürfnissen der kommenden Generationen Rechnung trägt.

Die Möglichkeit des Menschen, heute bereits in die Keimbahn eingreifen zu können, verleitet zu Selbstüberschätzung und Arroganz. Ist tatsächlich der achte Schöpfungstag angebrochen, wie mancherorts behauptet wird? Jürgen Rüttgers, Zukunftsminister unter der Regierung Helmut Kohl - im Namen seines Amtes eigentlich dazu verpflichtet, in seine Entscheidungen vorausschauend auch künftige Generationen miteinzu-beziehen -, will Deutschland zum Biotechnologiestandort Nummer eins machen. Nur die Brüsseler Vorschriften stünden dem noch im Weg, so der Minister. Deutschland sei ein guter Standort für Gentechnik. Seine Begründung gibt zu denken: In Deutschland bestünde im Gegensatz zu den USA eine Höchstgrenze für Haftungspflichten. Für Schäden, die darüber hinausgehen, komme der Steuerzahler auf.3 Soll das heißen, daß vor allem Unternehmen, deren Forschung ein hohes Risikopotential in sich trägt, in Deutschland ihr Eldorado finden?

Eine solche Politik steuert in die falsche Richtung. In der Zukunft geht es nicht um immer höheren monetären Wohlstand, (was ohnehin nicht machbar ist), sondern um mehr Gerechtigkeit und einen höheren qualitativen Wohlstand für alle. Die Kluft zwischen arm und reich 
wächst weltweit. Es ist absurd, wenn heute 358 Milliardäre fast ebensoviel besitzen wie die Hälfte der Menschheit, wie im Jahresreport des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) nachzulesen ist.4

Alles und bitte sofort

 Moderne Technik läßt sich nicht gänzlich verteufeln. Ohne Kino und Fernsehen, ohne Auto, Computer, ohne elektrische Haushaltsgeräte kann man sich das Leben kaum noch vorstellen. So geht es in diesem Buch nicht um die Ablehnung jeder Technik, sondern um deren lebensfeindliche Auswüchse. Es geht auch nicht um simple Schwarzweißmalerei. Im Kapitalismus gerät die Kritik an dem, was sich technischer Fortschritt nennt, allerdings oftmals zu kurz. Fortschritt kann nie so verstanden werden, daß er sich gegen das Leben richtet. Wir haben es fertiggebracht, zum Mond zu fliegen, also müßte es auch möglich sein, eine lebensfreundliche Technik zu entwickeln - eine Technik, die mit Natur und Mensch weitgehend harmoniert. Jose Lutzenberger, Träger des alternativen Nobelpreises und ehemaliger Umweltminister von Brasilien, befaßt sich in diesem Buch mit dem Scheinfortschritt (siehe S. 51). 

Die Vision der unbegrenzten Machbarkeit und die Vorstellung vom ständigen Wirtschaftswachstum verdrängen in der Gesellschaft die Sensibilität für Entscheidungen, bei denen es um Lebensrisiken geht. Die Bereitschaft, Risiken einzugehen, steigt. Der Mensch wird Teil einer Technologie. Er wird zunehmend - auch bedingt durch die scharfe Konkurrenz - auf dem Markt zur Ware, in Versicherungspolicen zum Kostenfaktor. Mathematische Größen machen vergessen, daß sich hinter ihnen Kinder, Mütter und Väter, junge und alte Menschen verbergen, die ihre Gesundheit und Lebensqualität der Konsumgesellschaft unfreiwillig opfern. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt. Entscheidungen für oder gegen Technologien werden allzuoft nur unter dem Gesichtspunkt der Gewinnoptimierung gefällt. Betroffene Minderheiten werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Der Mensch wird reduziert auf einen Kostenfaktor, Leben gegen Geld aufgerechnet.

Wieviel Mark ist ein Menschenleben wert?

 Plötzlich ist die Frage erlaubt, ob von einer bestimmten Kostengrenze an der Schutz des Lebens überhaupt noch ökonomisch zu rechtfertigen sei. Wieviel Mark ist ein Menschenleben wert?

In der Wirtschaftswoche hat Brigitte Wettwer sich mit solchen Berechnungen auseinandergesetzt. Ob es sich denn lohne, für den Kampf gegen die Rinderseuche in Europa viele Milliarden Mark auszugeben, wenn nicht einmal sicher sei, wie viele Menschen dadurch überhaupt gerettet werden könnten? Nach ihrer Meinung ist die Reaktion in Europa auf die Rinderseuche Massenhysterie. »Wann sind die Kosten für den Verbraucherschutz noch zu rechtfertigen?« fragt sie. 

Umgerechnet knapp 1,8 Millionen Mark setzten die Ökonomen des britischen Verkehrsministeriums für jeden Inselbürger bei der Projektplanung an. Das ist die Summe, die dem Land durch dessen Tod entsteht. Sie berechnet sich nach dem Sozialprodukt und den Leistungen, die das Opfer im Rest seines Lebens erarbeitet hätte. Davon wird sein Konsum abgezogen. Diese Summe wird wiederum dem gegenübergestellt, was für jedes gerettete Leben ausgegeben wird. »Je leerer die öffentlichen Kassen werden, desto weniger kann das Argument überzeugen, ein gerettetes Menschenleben sei jeden Preis der Welt wert«, so das Fazit Wettwers in der Wirtschaftswoche. Ihre Meinung: In Wohlstandsstaaten sei irgendwann der Punkt erreicht, an dem zusätzliche Risikoreduzierungen nur noch für astronomische Summen zu haben seien.5 Um Kostenberechnungen von Menschenleben geht es auch in dem Beitrag von Christoph Bals von »German Watch« (siehe S. 134). 

Natürlich kann für ein Menschenleben nicht jedes Geld der Welt ausgegeben werden, auch wenn es jedes Geld der Welt wert ist. Wettwer macht es sich allerdings zu leicht, wenn sie auf die ethische Problematik solcher Berechnungen erst gar nicht eingeht, sondern sie a priori als notwendig hinstellt. Ihre Denkweise wird allein durch marktwirtschaftliche Gesichtspunkte bestimmt. Auch in einer kapitalistischen Gesellschaft kann der Mensch jedoch nicht einseitig als Humankapital betrachtet werden. Das mündet in einen Sozialdarwi-nismus, der das »Survival of the Fittest and Riebest« propagiert.

Dieser eine bin ich nicht

 Während die Sorge um das eigene Leben individuell eine zentrale Rolle spielt, wird in vielen Fällen - ohne nachzudenken - wie selbstverständlich über das Leben anderer Menschen bestimmt. Manche Experten sprechen inzwischen davon, daß die Gesellschaft bereit sei, eine neue Technologie zu akzeptieren, wenn sie nicht mehr als einen Toten auf 10000 Menschen im Jahr fordere. Andere nehmen sogar ein Risiko von 4:10 000 in Kauf - beides aus dem Hut gezogene Zahlen. Jeder Versuch, dieses Risiko, sprich: mögliche Todesfälle, als sozial und zivilisatorisch adäquat zu verkaufen, ist in höchstem Maße fragwürdig, auch wenn es »nur« in Form von Zahlen hinter dem Komma geschieht. Menschenopfer dergestalt etablieren und juristisch legitimieren zu wollen widerspricht unserem Grundgesetz. Die Problematik wird jedoch verdrängt, weil viele Menschen sich damit nicht belasten wollen und denken: »Dieser eine bin ich nicht.«

Vom Schreibtisch aus ebnen Wissenschaftler, Ingenieure, Manager und Gutachter den Weg dafür, Risiken wie Atomkraft, das weltweite Gefährdungspotential durch Chemie und Elektrosmog, lückenhafte Emissions- und Wasserverordnungen, Staudämme, Flußbegradigungen etc. einzugehen. Solange sie nur über ihre eigene Lebensqualität und ihre Gesundheit bestimmen, kann niemand etwas dagegen einwenden. Ein Risikomanager, der vom möglichen Versagen einer Technologie selbst betroffen wäre, dürfte diese als weniger nützlich einschätzen - nach dem Motto: Nicht in meinem Hinterhof!6 Der Durchschnittsbürger ist hingegen nur ein ohnmächtiges Glied in einer Kette von Akteuren und nicht einschätzbarer Gefahren - und soll dennoch die Pflicht haben, das Risiko des technologischen Fortschritts mitzutragen.

Gefahren manifestieren sich in unzähligen Einzelschicksalen, wobei die Betroffenen in den wenigsten Fällen Aussicht auf Entschädigung haben. Was bei Autounfällen längst gang und gäbe ist, daß nämlich der Verursacher für die Schäden aufkommt, für die er verantwortlich ist, bildet im Bereich der Hochrisikotechnologie eher die Ausnahme. Entweder sind die Verantwortlichen nicht auszumachen, oder sie werden »aus Mangel an Beweisen« nicht verfolgt.7

Opfer verspottet

 Aber nicht die Verantwortlichen stehen im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Warnungen werden ignoriert. Statt dessen werden Betroffene zu »eingebildeten Um-weltkranken« oder zu »Ökochondern« abgestempelt, die Vergiftungssymptome psychosomatisch »kopieren«. Ausgangspunkt solcher Meinungsmache ist eine Studie von Wissenschaftlern aus Arbeitsmedizin, Psychologie, Psychosomatik und Psychiatrie, die unlängst am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin in Erlangen veröffentlicht und in den Medien ohne ausreichende eigene Recherche vielfach unkritisch verbreitet wurde. Weil die Autoren wenig differenzierte Untersuchungsmethoden anwandten, diagnostizierten sie bei den Patienten (ganze 94 meldeten sich in der Umweltsprechstunde des Instituts innerhalb eines Jahres! - fast halb so viele behandelt ein Umweltmediziner an einem einzigen Behandlungstag in seiner Praxis), die Umweltgifte als Ursache für Krankheitssymptome angaben, nur psychologische und psychiatrische Störungen. Hätten sie ausführlichere Anamnesen erhoben und Wohnungen sowie Arbeitsplätze auf Schadstoffe untersucht, wären die Erlanger Wissenschaftler höchstwahrscheinlich zu anderen Ergebnissen gekommen. Nicht von ungefähr wurde gerichtlich bestätigt, daß der Chef des Erlanger Instituts, Professor Gerhard Lehnert, als »Experte für Unbedenklichkeit« bezeichnet werden darf.8

In den USA hat Professor William ]. Rea, Direktor des Environmental Health Center in Dallas/Texas, 20000 Umweltkranke untersucht. Er prägte das Bild des »randvollen Topfes«, den jeder Tropfen weiteren Gifts zum Überlaufen bringt.9 Die amerikanische Umweltbehörde EPA10 hat festgestellt, daß Gifte wie Dioxin, PCP etc. wegen ihrer hohen Persistenz und Anhäufung in der Nahrungskette ein hohes Krankheitspotential bilden, das - im Körper gespeichert und immer weiter angereichert - neurotoxisch und immunschädigend wirkt.11Es erscheint dringend erforderlich, verbindliche wissenschaftliche Kriterien zu entwickeln, die eine offensichtlich interessengesteuerte oder unwissenschaftliche Auswertung von Studien einschränken oder sogar ausschließen können. Auch sollte offengelegt werden, von welcher Seite ein Institut vorrangig Aufträge erhält. Nur wenn hier mehr Sorgfalt verwandt wird, ist Wissenschaft wieder glaubwürdig. »... Das Problem unserer Zeit«, schreibt Tino Merz, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie, »sind nicht die irrationalen Ängste, sondern rational nachvollziehbare Abneigungen vor Konsequenzen.«12

Der Soziologe Ulrich Beck hat in seinem grundlegenden Werk Risikogesellschaft13das Problem der »Mogelpraxis« bei Wissenschaftlern angesprochen. Am Anfang, so schreibt er, stünden »unterschiedliche Betroffenheiten. Man befindet sich auf verschiedenen Seiten desselben Zaunes. Wenn dem Wissenschaftler ein Fehler unterläuft, kratzt das schlimmstenfalls an seiner Reputation (wenn der Fehler in den Kram paßt, kann es ihm sogar die Beförderung bescheren). Auf der Seite der Betroffenen nimmt dasselbe ganz andere Erscheinungsformen an. Ein Fehler in der Grenzwertbestimmung bedeu-tet hier unter Umständen irreversible Schädigungen der Leber, Krebsgefahr.« Grenzwertbestimmung oder Höchstmengenverordnung sind für Beck lediglich fauler »Zauber ä la >Babuhhhbaaaataaahh<« ... oder anders ausgedrückt: eine »kognitive Giftschleuse«, an deren Hebeln Risikowissenschaftler sitzen. Die Grenzwerte seien »Persilscheine« dafür, daß Mensch und Natur vergiftet werden. Sie bestimmten die Giftmenge, die der Mensch zu vertragen hat. (Vergleiche auch den Beitrag von Till Bastian zu diesem heiklen Thema, siehe S. 82.) Beck kritisiert weiter solche Experten, die die »Forderung nach einer Nichtvergiftung« zurückweisen. Sie tun das, obwohl »chemische Schadstoffe in unserer Umwelt ein signifikanter Bestimmungsfaktor der menschlichen Gesundheit und der Lebenserwartung geworden sind. Das hieße«, bemerkt der Soziologe sarkastisch: »Bitte im Zweifelsfall das Gift vor dem gefährdenden Zugriff des Menschen schützen.«14

Dies gilt vor allem auch für die unzähligen Biozide, Lindan, Pyrethroide und den neuen Kassenschlager neurotoxischer Insektizide, »Gaucho« von Bayer.15 Die weltweite Vergiftung zeigt sich drastisch in der Zerstö-rung der Lebensgrundlagen: So erhalten etwa Embryos über die Plazenta und Säuglinge über die Muttermilch bereits einen hohen Prozentsatz der Schadstoffe, die sich im Körper der Mutter im Laufe ihres Lebens eingelagert haben.16 Die Spermienkonzentration hat bis an die Grenze zur Unfruchtbarkeit abgenommen (vergleiche dazu den Beitrag von Linde Peters auf S. 163 in diesem Band). Die Anzahl der Aborte und der plötzliche Kinds -tod haben gebietsweise zugenommen.17

Ein weiteres Beispiel, wie fortgeschritten die Vergiftung der Menschen inzwischen ist, liefert die Luftbestattung der Parsen. Dieses Volk, das ursprünglich aus Persien stammt und heute in Indien lebt, pflegte den Brauch, seine Toten auf offenen Türmen auszulegen. Geier besorgten die »Bestattung«. Damit ist nun Schluß: Seit einiger Zeit verschmähen sie ihre Beute, weil sie durch starke Konzentrationen von Medikamenten für sie »ungenießbar« geworden ist, wie in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war.18

Einschätzen von Risiken

 Es ist riskant, in landwirtschaftlich intensiv genutzten Landstrichen zu wohnen. Es ist riskant, in einem Unternehmen zu arbeiten, das Schadstoffe produziert. Es ist riskant, sein Haus in der Nähe eines Vulkans zu bauen. Riskant ist es zu rauchen. Riskant ist es ebenso, neben einer stark befahrenen Bundesstraße zu wohnen. All das sind Binsenwahrheiten. Aber wie empfindet der einzelne diese Risiken, wie schätzt er sie ein, wie geht er mit ihnen um? Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, daß ein Gefährdungspotential völlig unterschiedlich wahrgenommen wird. Naturbedingte Risiken wie Sturmfluten, Risiken, an die man sich gewöhnt hat, sowie Risiken, die räumlich und zeitlich auseinanderliegen, werden eher unterschätzt. Risiken, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden, neuartige Risiken und solche, die man nicht selbst kontrollieren kann, werden eher überschätzt. Dem Schadensausmaß wird ein höherer Wert beigemessen als der Eintrittswahrscheinlichkeit. 

In der Diskussion um technische Risiken wird JulianNida-Rümelin zufolge, der sich mit dem Thema »Ethik des Risikos« auseinandersetzt, oft von »Akzeptanzproblemen« gesprochen.19 Wie der Philosophie-Professor von der Göttinger Georg-August-Universität feststellt, weist die herrschende Meinung in bezug auf dieses Thema ein klar belegbares Defizit auf. Mit »Akzeptanzpro-blemen« sei gemeint, daß sich das objektive Risiko -festgestellt durch die Häufigkeit auftretender Schäden — in der Praxis meist von der subjektiven Risiko Wahrnehmung unterscheide, weil diese oft durch einen Mangel an Informationen verzerrt sei. Die Entscheidung, riskante Technologien einzuführen, darf aber, so Nida-Rümelin, keinesfalls damit begründet werden, daß die vorausgegangenen subjektiven Abwägungen irrational seien. Maßgeblich sei »die normative Bindung an individuelle Rechte und Autonomie«. Dies macht der Philosoph an folgendem Beispiel deutlich: »Angenommen, vier Personen liegen in einer Klinik und warten auf eine Transplantation, und diese vier Personen würden sterben, wenn sie die Organspende nicht bald erhalten. Selbst in dieser Extremsituation ist es rechtlich und moralisch unzulässig, ein in die Klinik eingeliefertes Unfallopfer, das eine - wie die Ärzte das so schön nennen - infauste Prognose erhält (das heißt, man weiß nicht, ob es überlebt), sterben zu lassen, um mit seinen Organen das Leben von vier Personen zu retten.« Man müsse sich die Härte dieses Arguments klarmachen, schreibt Nida-Rümelin. Aber weder Rechtssystem noch unsere Moral erlaubten es, diesen einen Menschen zu opfern.20

Güterabwägung zwischen Menschen?

In der Transplantationsmedizin wird ein Hauptproblem bei der Einführung riskanter Technologien besonders deutlich: Hier ist die Gefahr groß, daß der einzelne Mensch zum verfügbaren Objekt und Ersatzteillager für Organe degradiert werden kann. Dieses Phänomen wird eindrücklich in dem Dokumentarfilm Tot oder lebendig von Silvia Matthies vor Augen geführt. »Hirntod ist eine Definition zum Zwecke der Organtransplantation«, sagt dort der Moraltheologe Professor Manfred Balkenohl. Dem »Hirntoten« wird der Leichenstatus aufoktroyiert, auch wenn sämtliche Lebensfunktionen noch erhalten sind.21 »Ein sterbender Mensch ist ein Mensch wie jeder andere und genießt den Schutz des Grundgesetzes und die Würde des Menschen«, bekräftigt der Professor für Theologie und Religionswissenschaften Michael von Brück. »Wenn die Wissenschaft anfängt zu definieren, was ist volles Menschsein, was ist weniger volles Mensch-Sein, dann kommen wir in Zugzwänge, die sich verheerend auswirken.«

Inzwischen hat sich die Industrie die ärztliche Fähigkeit, Organe transplantieren zu können, zunutze gemacht, Ein Pharmakonzern, der im Bereich der Transplantationsmedizin 1995 weltweit 1,5 Milliarden Mark Umsatz machte, hat sich beispielsweise an der Finanzierung von Schulungen für Pflegepersonal beteiligt, die Angehörige von Hirntoten dazu bewegen sollen, Organtransplantationen zuzustimmen.22

Fremdbestimmte Risiken akzeptieren?

 Innerhalb des Vereins Deutscher Ingenieure und Elektroingenieure kursiert die Ansicht: Der Bürger, der in unserem Staat die Freiheit hat, ein individuelles Risiko einzugehen, müsse auch bereit sein, die fremdbestimmten Risiken des technischen Zeitalters mitzutragen. So äußerte sich auch der Düsseldorfer Philosophieprofessor Alois Huning auf der Herbsttagung des Vereins Deutscher Ingenieure 1994 in München: Ohne die Pflicht, fremdbestimmte (zum Beispiel durch Gentechnologie bedingte) Risiken auf sich zu nehmen, sei kein zukunfts-orientiertes Handeln möglich, meint er. Diese Maxime leitet er unter anderem aus der »Goldenen Regel« ab: »Handele dem anderen gegenüber so, wie du willst, daß er dir gegenüber handelt.« Diese formale Beschreibung sagt jedoch noch nicht viel aus. In Konfliktfällen könne es eine probabilistische Güterabwägung geben, meint der Professor. Auch die Grundrechte des Menschen könnten bei den Güterabwägungen eine gewisse Einschränkung erfahren. Ethisches Handeln, gerade im Bereich der Technik, bedeute »zunehmend weniger eine Entscheidung zwischen >Gut und Böse<«; immer häufiger trete an die Stelle eines »>Entweder<->Oder< ein >Mehr< oder >Weniger<, eine >Gewinn- und Verlustrechnung<«. Sollen hier Menschen gegen Menschen, Energiekonsum oder Lohnausfall gegen Gesundheit aufgerechnet werden?

Menschen hätten prinzipiell ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, welche Gefährdung sie in Kauf nehmen möchten, stellt dagegen Nida-Rümelin fest. Wenn etwa eine einzelne Person beschließe, ihre Niere zu spenden, sei das legitim. Man müsse strenge Richtlinien anlegenund prüfen, ob Individualrechte verletzt werden, insbesondere das Recht der Gesundheit. Es sei aber unzulässig, so Nida-Rümelin weiter, jemanden um ökonomischer Vorteile willen zu opfern. Damit würden Menschenrechte, Lebensrechte und Bürgerrechte verletzt.23

Daß freiwillige und fremdbestimmte Risiken subjektiv und objektiv unterschiedlich bewertet werden, darf für Experten, die für die Industrie arbeiten, kein Grund sein, beide über einen Kamm zu scheren. Auch Ethikbeauftragte der Firmen, die für Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen sollen, unterscheiden vielfach nicht zwischen diesen beiden Risikodimensionen. Werbestrategen versuchen mit immer raffinierteren kostspieligen Methoden, den Konsumenten zu überzeugen. Nicht selten werden Zahlen und Fakten geschönt oder unterschlagen.24 In den Hochglanzbroschüren der Unternehmen ist jedenfalls keine Rede von den Betroffenen, ihrem Leiden, ihrem Sterben.

Die Existenz eines Volkes aufs Spiel gesetzt

 Ein einschlägiges Beispiel dafür, wie ganze Menschengruppen dem Profit zuliebe wissentlich in Gefahr gebracht werden, sind die Ogoni, ein Volksstamm in Südost-Nigeria, der verheerenden Umweltschäden ausgesetzt ist.25 Seit 1958 wird in dem 1000 Quadratkilometer umfassenden Gebiet kommerziell Öl gefördert - seitdem ist das Trinkwasser verseucht, das Ackerland unfruchtbar, die Tier- und Pflanzenwelt zerstört; durch das Abfackeln des Erdgases ist die Luft vergiftet - ein Zustand, den das Europäische Parlament als »ökologischen Alptraum« beschrieb. Das Land ist von einem Netz ausBohrtürmen und Pipelines durchzogen. Allein der Shell-Konzern hat eigenen Angaben zufolge im Niger'Delta etwa 6200 Kilometer Röhren verlegt, deren größter Teil oberirdisch verläuft: Brände und Lecks sind an der Tagesordnung. Leidtragende sind die etwa 500 000 Ogoni, die größtenteils von Landwirtschaft und Fischfang leben: In ihrem Gebiet treten häufiger als andernorts Erkrankungen der Atemwege, Krebs und Mißbildungen bei Neugeborenen auf. Im Februar 1995 gab Shell für zwei Millionen Dollar eine auf zwei Jahre angelegte Umweltstudie in Auftrag, ohne allerdings die Mosop, die Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes, daran zu beteiligen. Deren Präsident, der Schriftsteller, Umweltschützer und Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa, der das Anliegen der Ogoni international ins Bewußtsein rückte, wurde von einem nigerianischen Gericht zum Tode verurteilt und trotz weltweiter Proteste am 10. November 1995 mit acht weiteren Oppositionellen hingerichtet. Der Vorwurf: angebliche Aufhetzung des Ogoni-Volkes. Saro-Wiwa hatte mit seinen Mitstreitern sechs Milliarden Dollar Pacht und vier Milliarden Dollar Entschädigung für das Ogoni-Volk gefordert.26

Ernst Ulrich von Weizsäcker fragt in seinem Buch Faktor vier: »Hilft uns der Markt, das neue Allheilmittel, um die geforderte Nachhaltigkeit zu erreichen? ... Hat er doch gerade dafür gesorgt, daß die Erde immer mehr ausgenommen wurde. Der Markt läßt die närrischsten Entwicklungen wie die Zerstörung der letzten Urwälder vernünftig erscheinen. Der Markt war die Peitsche des Fortschritts, auch beim Abbau der Rohstoffe, bei ihrer Verarbeitung und ihrem Transport.. .«27

Rangordnung von Risiken

 Wer über die Zumutbarkeit von Risiken entscheidet, muß differenzieren. Hans Peter Dürr, Direktor am Max-Planck-Institut für Physik in München und Träger des alternativen Nobelpreises, hat eine Rangordnung aufgestellt, die die Risikodiskussion auf eine solidere Basis stellt und Entscheidungen über die Inkaufnahme von Risiken erlaubt28:

  • 1. Es werden nur Personen betroffen, welche die Anlage selbst betreiben oder sich der Gefahrensituation aussetzen ... Diese Menschen setzen sich bewußt der Gefahr aus, in der Hoffnung auf einen für sie wesentlichen Gewinn.
  • 2. Es werden auch unbeteiligte Personen betroffen, aber ein Entziehen ist prinzipiell möglich. Hierzu gehören die Gefahren des Verkehrs, des Großstadtlebens, An-siedlung unterhalb eines Staudammes etc.
  • 3. Es werden auch unbeteiligte Personen betroffen, ohne daß diese eine Entzugsmöglichkeit besitzen. Dies trifft für alle möglichen ökologischen Schäden zu — Luftverschmutzung, Wasserverseuchung - und für den kurzlebigen radioaktiven Fallout.
  • 4. Die unbeteiligten Personen haben weder eine Entzugsmöglichkeit, noch ziehen sie irgendeinen Nutzen aus den Einrichtungen, von denen der Schaden ausgeht. Hierzu zählen die längerfristigen ökologischen Schäden - Bodenvergiftung, Erosion, Zerstörung der tropischen Urwälder - und der langlebige Fallout, da diese nicht nur uns treffen, als teilweise Nutznießer eines verschwenderischen Lebensstandards und einer billigen Energieversorgung, sondern auch unsere Kinder und Kindeskinder, die nichts mehr von unseremWohlstand haben werden.
  • 5. Es wird die Lebensgrundlage der Menschheit zerstört. Dies wäre im Fall eines globalen Atomkrieges zutreffend.«Das vorliegende Buch widmet sich vor allem den Risikostufen drei und vier. Einschlägige Beispiele gibt es viele. Die erste Hochrisikotechnologie, die sich unbeeinflußt von demokratischen Strukturen in der Rüstungsindu-strie entwickelt hat, war die Atomindustrie. Im Vorfeld, als die Bevölkerung noch völlig uninformiert war, entstand hier ein Freiraum, in dem ganz »legitim«, von den Regierungen genehmigt, Verbrechen nicht nur an einzelnen Menschen, sondern ganzen Bevölkerungsgruppen verübt wurden.
Töten ganz legal

 Kriminell und menschenverachtend waren die 466 Atombombentests im Nordosten Kasachstans, denen die ehemalige Sowjetunion seit Ende der vierziger Jahren ihre Bevölkerung ausgesetzt hat.29 Bevorzugte Zeit für die tödliche Testreihe, deren Ergebnisse der atomaren Entwicklung und strategischen Planung im Falle eines Atomkrieges dienten, war der Sonntagmorgen im Sommer, da hielten sich fast alle Bewohner leicht bekleidet im Freien auf. Auf Fotografien Betroffener nach einer solchen Explosion war die Hautpigmentierung an ungeschützten Körperteilen sehr dunkel, verursacht durch extrem hohe Temperaturen. Nur einmal wurde die Bevölkerung, die in der unmittelbaren Gefahrenzone lebte, evakuiert, nämlich 1953, beim Test der großen Wasserstoffbombe. Danach verzichtete das Militär auch darauf, im Gegenteil, es setzte den zulässigen Grenzwert radioaktiver Strahleneinwirkung auf den Menschen sogar noch herauf. In Semipalatinsk, nur 200 Kilometer vom Versuchsgelände entfernt, werden heute bereits zwölf Prozent der Kinder mit Leukämie, schweren Allergien oder Erkrankungen der Atemorgane geboren. 70 Prozent der Bevölkerung leiden an Anämie, 63 Prozent weisen zum Teil schwere Schädigungen der Erbanlagen auf.30

Auch die USA gerieten Anfang 1994 mit Menschenversuchen zur Radioaktivität in die Schlagzeilen: Damals war enthüllt worden, daß das amerikanische Energieministerium und seine Vorgängerbehörden von den vierziger bis zu den siebziger Jahren etwa 1600 Menschen ohne deren Wissen zu Experimenten mit radioaktivem Material gebraucht hatten.31 In seinem Abschlußbericht vom September 1995 über die Opfer der Nukleartests kritisiert das US-Energieministerium einzig ein Zehntel der Versuche, mit denen an ahnungslosen geistig Behinderten und Gefängnisinsassen experimentiert worden war. So wurden etwa in den Strafanstalten der US-Staaten Oregon und Washington von 1963 bis 1971 die Hoden von 131 Häftlingen in hohen Dosen röntgenbestrahlt. An der Harvard Universität und am Massachusetts Institute of Technology wurden 49 geistig behinderten Jungen zum Frühstück radioaktiv verseuchte Cornflakes vorgesetzt, um den Stoffwechsel unter Einfluß von radioaktivem Eisen und Kalzium zu testen. In den fünfziger Jahren wurde im Bostoner Lying-in Hospital 23 werdenden Müttern radioaktives Eisen gespritzt, um mögliche Auswirkungen auf Mutter und Kind festzustellen. Ergebnis: Die Kinder der Testmütter erkrankten  später häufiger an Krebs als erwartet. Diese Experimente wurden mit dem Kalten Krieg gerechtfertigt und strikt geheimgehalten. In keinem Fall erhielten die »Patienten« irgendeine Nachbehandlung. 

Darüber hinaus hat das amerikanische Verteidigungsministerium in den vierziger und fünfziger Jahren 200 000 Soldaten bei überirdischen Atomtests radioaktiven Strahlen ausgesetzt. Daß so etwas auch heute noch geschieht, beschreibt Claus Biegert in diesem Band in seinem Beitrag über die Atombombentests der Franzosen auf dem Mururoa-Atoll (siehe S. 233). 

Die Staatsräson und ihre Fixierung auf einen imaginären Gegner hat Vorrang vor den Menschenrechten. Michael H. Kater, Professor für Geschichte an der York Univer-sity in Ontario/Kanada, schreibt in diesem Zusammenhang: »Tatsache ist, daß selbst in einer sich ständig kontrollierenden Demokratie der Staat wissenschaftliche und ethische Normen verbiegen oder sogar ganz abschaffen kann, ohne daß der Durchschnittsbürger davon etwas merken muß.«32

Elektromagnetisches Chaos

 In akribischer Kleinarbeit hat Egbert Kutz, Arzt für Allgemeinmedizin, in Vollersode (35 Kilometer nordwestlich von Bremen) eine Statistik über bösartige Hirn-tumore geführt. Zwischen 1981 und 1994 starben in der 2900-Seelen-Gemeinde elf Menschen zwischen acht und 66 Jahren an Astrozytomen oder Glioblastomen. Kutz, der diese Fälle in eine Landkarte eintrug, fand heraus, daß alle im Überschneidungsbereich zwischen zwei Sendeanlagen aufgetreten waren: zwischen einer  Radaranlage der Bundeswehr, seit 1968 in Betrieb, und der Rieht' funkanlage Dl der Telekom, seit 1976 in Betrieb. Die Anlagen stehen 2700 Meter voneinander entfernt. Die Hirntumoren wurden sorgfältig histologisch untersucht, unsichere Diagnosen nicht einbezogen. An Hirntumoren Erkrankte, die nur kurzzeitig in Vollersode gelebt haben, wurden ebenfalls nicht berücksichtigt. Verwandtschaftliche Verhältnisse, berufliche Expositionen und Altlasten in der Gemeinde schieden als Ursache aus. »Im Bereich der Samtgemeinde Hambergen verstarb in diesem Zeitraum jeder 676. Einwohner an Gehirntumor. Bei einer weiteren Differenzierung ergibt sich:

1. Im Gemeindebereich Vollersode starb jeder 263. an einem Gehirntumor.
2. Im übrigen Samtgemeindebereich verstarb nur jeder 1810. Einwohner an einem Gehirntumor.«33
Beim Elektrosmog ist es wie mit Kernkraft und allen anderen Hochrisikotechnologien: Auf der einen Seite stehen die Betreiber, die mit allen Mitteln zu verhindern suchen, daß schädliche Auswirkungen an die Öffentlichkeit gelangen, und auf der anderen Seite stehen die Opfer und die Experten, die unmittelbar mit ihnen zu tun haben. Wolfgang Maes, Journalist und Sachverständiger für Baubiologie aus Neuss, untersucht in Zusammenarbeit mit Ärzten seit über zehn Jahren die Auswirkungen von Elektrosmog. Inzwischen kann er sein Urteil auf Erfahrungen mit 5000 Fällen gründen: »Es sind immer wieder die gleichen Fälle. Ich brauche nur noch die Namen auszuwechseln.« Sein Buch Stress durch Strom und Strahlung, das unzählige konkrete Beispiele enthält, liest sich wie ein Krimi. »Das Netz der öffentlichen Stromversorgung wird immer dichter«, schreibt er, »die Anzahl elektrischer Kabelmeter zu Hause und am Arbeitsplatz immer höher, die Verbreitung von Sende-türmen und Funkanlagen immer stärker. In vielen zivilisierten Häusern und Gegenden ist der natürliche Strahlenpegel hinter dem Toben von millionenfach stärkeren künstlichen Strahlenpegeln schon längst verschwunden. Und Jahr für Jahr nimmt die allgemeine Elektrosmog-intensität zu und mit ihr die unnatürliche elekromagne-tische Unordnung für Mensch, Tier und die ganze Natur.« Er zitiert Bundespostminister Wolfgang Boetsch, der in den Nachrichten vorausgesagt hat, daß die Auseinandersetzung über die Kernenergie im Vergleich zu dem, was uns der Mobilfunk-Elektrosmog noch bescheren werde, nur »ein laues Lüftchen« sei.34

Einfluß und Macht ohne Verantwortung

Chemiefirmen geben sich gern den Anschein, unter der Flagge der Ökologie zu segeln. Unter dem Motto »Chemie ist umweltfreundlich« gab es etwa auf dem Münchner Kirchentag 1993 einen Stand; der Vertreter einer Chemiefirma, die den Stand sponserte, aber ungenannt blieb, hielt - in Jeans auf einem Ruderboot stehend -einen Vortrag zum Thema.

Wissenschaftler in exponierter Stellung in der Chemie-oder Atomindustrie gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Wahrnehmung von Gefahren um. Eine Methode ist, die Gefahr einfach zu ignorieren oder zu leugnen, gleichzeitig aber persönlich Vorsorge zu treffen. So verhielten sich Politiker, die nach Tschernobyl öffentlich rieten, Kinder ruhig draußen im Freien spielen zu lassen, ihren eigenen Kindern jedoch verboten, auf die Straße zu gehen. Oder jener Minister, der in seinem Gartengrundstück eine Schicht Erde abtragen ließ, aber gleichzeitig per Unter-sagungsanordnung durchsetzte, daß dies in der Öffentlichkeit nicht verbreitet werden durfte. Persönlich verfügen die Akteure über Möglichkeiten, ihr Risiko und das ihrer Familie zu reduzieren. So hat sich ein hochrangiger Fürsprecher der Atomenergie im eigenen Garten einen Atombunker bauen lassen.

Manch hochrangiger Wissenschaftler vertritt auch die Auffassung, daß er nicht mehr Verantwortung trage als jeder andere Bürger in unserem Staat. Aber tragen etwa eine Kindergärtnerin oder ein Briefträger die Verantwortung dafür, daß aus einem benachbarten Atomkraftwerk eine Dauerdosis radioaktiver Niedrigstrahlung entweicht? Haben sie die Kompetenz, die Misere abzustellen? Ihr Widerstand bliebe ohne Folgen. Macht und Kompetenz lassen sich nicht von Verantwortung trennen. Auch wenn der Direktor eines Atomreaktors mitnichten allmächtig ist, hat er doch entsprechend seiner Stellung mehr Einfluß und deshalb auch ein höheres Maß an Verantwortung.

Ein großer Atomunfall ist nicht versichert

Wer kennt nicht die verbalen Purzelbäume von »Atomexperten«, die erklären, daß Kernkraftwerke sicher seien. Die Versicherungswirtschaft ist längst zu einem anderen Schluß gekommen. Deutsche Versicherungsgesellschaften schließen in den Versicherungsbedingungen Schäden durch Atomkraft ausdrücklich aus. Die Betreiber von Atomkraftwerken können nur die Anlage selbst versichern, sowie - über die Berufsgenossenschaften - ihre Mitarbeiter. Üblicherweise wird die Deckungssumme auf etwa 500 Millionen Mark festgelegt. Das reicht gerade zur Begleichung kleinerer Schäden. Tritt ein Super-GAU (in der Dimension Tschernobyls) ein, wäre diese Summe kaum ein Tropfen auf den heißen Stein. Welche Versicherungsgesellschaft könnte schon bis zu 3000 Milliar-den Mark als Deckungssumrne aufbringen? Das wäre der Ruin der Atomwirtschaft: Ihr Strom würde dadurch unerschwinglich teuer werden und nicht mehr konkurrenzfähig sein. Deutlicher als alles andere zeigt sich hieran, daß das Risiko Atomkraft untragbar ist. 

Als Begründung für die fehlende Versicherung großer Unfälle durch Kernkraftwerke wird paradoxerweise vorgegeben, daß die Eintrittswahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls in einem Atomkraftwerk jenseits des Vorstellbaren liege. (So wird zum Beispiel als Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls der Faktor l O7 zugrunde gelegt, das heißt, daß im Mittel pro Kernkraftwerk in 107 Jahren ein GAU zu erwarten wäre, bei 100 Kernkraftwerken in 105 Jahren etc.) Die Begründung für die Katastrophenpläne sieht freilich anders aus. Hier wird plötzlich mit dem Unvorstellbaren - dem Super-GAU - gerechnet. Man geht davon aus, daß das, was beispielsweise bei einem GAU in Biblis über eine bestimmte Höchstsumme hinausgeht, von der Allgemeinheit getragen werden muß.

Verantwortungsblind

 Manche Experten weigern sich selbst dann, ihre Verantwortung wahrzunehmen, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist. So bemühte laut Egmont R. Koch undIrene Meichsner35 der ehemalige Chef des weltweit größten Behandlungszentrums für Bluterpatienten in Bonn, Professor Hans Egli, höhere Mächte, um die Schuldfra-ge der zahlreichen Aidsfälle unter Bluterkranken in Deutschland zu erklären. Im Herbst 1993 habe er die Aidsepidemie mit einem »Taifun« oder einem »Erdbeben« verglichen und die Verantwortungslosigkeit derjenigen, die mit verseuchten Blutpräparaten handelten und diese an Patienten verabreichten, als »schicksalhafte Naturkatastrophe« bezeichnet.

Wenn ein Experte eine hochriskante Technologie verteidigt, muß die Frage erlaubt sein, wie er etwas verantworten kann, für das er weder mit seiner Person noch seinem Vermögen haften und das er auch dann nicht mehr beeinflussen kann, wenn Fehler zu Katastrophen führen.

Ulrich Beck befaßt sich in seinem Buch Risikogesellschaft auch mit den psychologischen Voraussetzungen für das ignorante Verhalten von Entscheidungsträgern: »Gefährdungsbetroffenheit muß nicht in Bewußtwerdung der Gefährdung einmünden, kann auch das Gegenteil, Leugnung aus Angst, provozieren. In dieser Möglichkeit, die Gefährdungsbetroffenheit selbst zu verdrängen, unterscheiden und überschneiden sich Reichtums- und Risikoverteilung: Den Hunger kann man durch Leugnung nicht stillen, Gefahren dagegen immer weginterpretieren (solange sie nicht eingetreten sind) ,«36 Mit dem Ausmaß der Gefahr und der Unmöglichkeit, Risiken zu beseitigen, wachse die Wahrscheinlichkeit der Leugnung und Verharmlosung, schreibt der Münchner Soziologie-Professor. Die Politiker schauten tatenlos zu, die Gesellschaft suche sich ihre Sündenböcke: »Plötzlich sind es nicht die Gefährdungen, sondern diejenigen, die  sie aufzeigen, die die allgemeine Unruhe provozieren. Steht nicht immer sichtbarer Reichtum gegen unsichtbare Risiken.7 Ist das Ganze nicht ein intellektuelles Hirngespinst, eine Schreibtischente der intellektuellen Bangemacher und Risikodramaturgen?«37

Leugnen und Ignorieren ist eine Möglichkeit, mit Gefahren umzugehen, eine andere ist, sie als gegeben hinzunehmen. So wird im Spiegel berichtet, daß der Sicherheitsexperte der International Atomic Energy Organisation (IAEO) in Wien, Morris Rosen, nach der Tschernobyl-Katastrophe tatsächlich die Ansicht vertreten habe, die Atomenergie müsse auch dann weiter betrieben werden, wenn jedes Jahr ein Tschernobyl passiere.38 Ähnlich äußert sich der Soziologe Niklas Luhmann, der - ebenfalls auf Tschernobyl bezogen - fordert: Die Risikogesellschaft »muß lernen, mit Katastrophen zu leben, und zwar ganz normal und unaufgeregt zu leben, sonst verschwinden die eventuellen Katastrophen zwar nicht, aber es kommen vermeidbare Aufregungen dazu«. 

Ein weiterer psychischer Mechanismus, vor der Realität zu fliehen, ist nach Anna Freud die Identifikation mit den Aggressoren, in diesem Fall mit Risikomanagern, die zudem meist noch in hohen Positionen sitzen und entsprechend verdienen. Eine gute Lebensweise weckt das Bedürfnis, selbst daran teilnehmen zu können — anstatt mit den Betroffenen mitzuleiden.

Zynismus - aus Hilflosigkeit

 Vielen, die unmittelbar mit dem Dilemma der Hochrisikotechnologie zu tun haben, bleibt nur der Weg in den Zynismus, wie zum Beispiel Ärzten, die den Leiden  Betroffener tagtäglich gegenüberstehen. Ihre Hilfe ver-sagt bei Lindan- oder Quecksilbergeschädigten, bei radioaktiv verstrahlten Patienten und anderen. So sagte jüngst ein etablierter Münchner Mediziner zu einer Patientin, die an MCS (Multiple Chemical Sensibility -Vielfache Chemikalien-Sensibilität) leidet: »Wir müssen uns den neuen Bedingungen in unserer Gesellschaft anpassen. Die Menschen, die das nicht können, sollen doch aussterben.« Eine andere Äußerung, die in diese Richtung geht, lautet: »Alle müssen sterben. Wenn die Leute an radioaktiver Verstrahlung sterben, müssen sie schon keinen anderen Tod sterben.« Solche Aussagen sprechen für sich.

Technikbewertung: Luftbuchungen für die Zukunft?

 In den fünfziger Jahren entstand in den USA die Disziplin »Technology Assessment« (TA) als politische Entscheidungshilfe. In der Technikfolgenabschätzung wird versucht, Risiken im voraus einzuschätzen. Das Risiko berechnet sich dabei aus dem möglichen Schadens-umfang, der mit der erwarteten Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert wird.

Inwiefern sind aber Technikfolgenabschätzungen überhaupt verläßlich und damit für die Zukunft relevant.7 Praktische Erfahrungen sind im Vorfeld der Einführung einer neuen Technik meist nicht vorhanden. Bis heute haben sich Wissenschaftler in ihren Prognosen immer wieder geirrt. Man denke nur an den eingangs geschilderten Kleinwagen. Wollte man den Experten wegen solcher Fehlprognosen einfach Industriehörigkeit unterstellen, greift man zu kurz. Es ist äußerst schwierig, das Risikopotential zu erfassen. Selbst vorhersehbare Pannen sind nicht zwangsläufig beherrschbar. 

Hans Peter Dürr merkt kritisch an: »Wahrscheinlich-keitsaussagen entfalten ihre Prognosefähigkeit nur bei einer sehr großen Zahl von Ereignissen. Für eine verläßliche Prognose des nächsten Einzelfalles taugen sie prinzipiell nicht. Denn, wie im Glücksspiel so auch im Unglück kann das sehr Seltene schon im nächsten Augenblick passieren.«39

Bei Risikoabschätzungen geht es nur um Zahlen. Das bietet eine Möglichkeit, die mit der Gefahr verbundenen Angstgefühle ins Abstrakte zu transferieren. Mit Zahlen läßt sich viel machen, man kann sie schätzen, Maßzahlen einführen, sie addieren oder subtrahieren und multiplizieren. Wenn aber beispielsweise die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen Störfall oder für einen kontinuierlichen Schaden wegen der Unzahl unübersichtlicher Parameter, die dabei eine Rolle spielen können, kaum zuverlässig geschätzt werden kann, gibt die subjektive Bewertung dieser Faktoren letztlich den Ausschlag. Wird der Schaden als sehr hoch, die Eintritts Wahrscheinlichkeit aber als sehr niedrig eingeschätzt, wird der Risikofaktor als sehr klein und damit für die Bevölkerung als zumutbar betrachtet. In der Regel sind solche Abschätzungen oft nicht einmal von außenstehenden Fachleuten - und damit um so weniger von Entscheidungsträgern wie Richtern oder Politikern - nachzuvollziehen, geschweige denn von einem betroffenen Laien. Von Technikbewertung kann man keine Lösung der Probleme erwarten. 

Technik absolut sicher?

 Die Technik sei »inhärent sicher« (das heißt, in sich selbst sicher) zu machen, laute das Gebot der Stunde, so die Überzeugung von Prof. Dr. Albert Kuhlmann, Präsident der Weltkonferenz für Sicherheitswissenschaften. Das »Zeitalter des Dienens an der Technik« sei vorbei. Es ginge jetzt um die »Beherrschung der Technik«. Kuhlmann stellt dabei die »sichere Technik« dem Menschen gegenüber, der Fehler macht. Die »Schnittstelle Mensch/Maschine« müsse neu gestaltet und das technische Know-how verbessert werden, so der Vorschlag des Professors.40

Mit dieser mechanistischen Denkweise übersieht Kuhlmann jedoch, daß, was für einfache Systeme vielleicht noch gelten mag, bei komplexen Technologien ver-sagen muß. Zudem gibt es eine solche »Schnittstelle« in der Realität gar nicht, weil der Mensch die Technik nicht nur bedient, sondern gleichzeitig ihr Urheber ist.

In der Hochrisikotechnologie können Fehler tödliche Konsequenzen haben. In hochkomplexen Systemen sind prinzipiell zu jeder Zeit immer und überall Fehler wahrscheinlich, vielmehr ist es umgekehrt nahezu unmöglich, keine Fehler zu machen, (vergleiche auch den Beitrag von Peter Kafka in diesem Band S. 97). Eine unübersichtliche Anzahl von Menschen ist an der Planung, der Herstellung des Materials, der technischen Fertigung, der Pflege und Wartung, der Bedienung und Anwendung beteiligt. Auch spätere Eingriffe in solche Technologien sind wiederum fehleranfällig. Wenn dann Fehler auftauchen, sind die Konstrukteure meist unauffindbar. Daß der Mensch die Technik absolut in den Griff bekommen könne, ist eine Milchmädchenrechnung. Am Beispiel der Informatik illustrieren das Ute Bernhardt und Ingo Ruhmann in diesem Band (siehe S. 253).

Gewöhnung an lebensfeindliche Technik

 Anonym zu töten wird in der High-Tech-Gesellschaft moralisch akzeptiert. Die Begründung: Es gibt kein Leben ohne Risiko. Selbst auf die Straße zu gehen sei riskant, heißt es, und jeder trage zur Zerstörung der Lebensbedingungen bei. Das sind Sandkastenargumente: Man kann nicht aus bereits bestehenden lebensbedrohenden Risiken den Schluß ziehen, daß neue Risiken legitim seien, genausowenig wie sich eigene Gewalttätigkeit ethisch damit rechtfertigen läßt, daß andere auch gewalttätig sind.

Der Gebrauch vieler riskanter Technologien wird zur Gewohnheit, und Gewohnheit macht blind. Ein Netz von Abhängigkeiten entwickelt sich, eine Technik baut auf der anderen auf. Institute für Technikfolgenabschätzung entstehen. Unternehmer organisieren effektives Risikomanagement. Plötzlich ist ein ganzer Apparat der Risikotechnologie entstanden. Das Rad ist nur schwer zurückzudrehen, da viel Geld im Spiel ist.

Unersättlicher Hunger nach dem Übermorgen

 In einem Brief an Papst Paul IV. schrieb Carl Amery 1974: »Nicht Rost und Motten« seien unsere wirklichen Feinde, eher »der gräßliche, unersättliche Hunger nach dem Übermorgen, der alles Glück des Augenblicks auf der Zunge zu Asche verwandelt und alle Schöpfung, die uns umgibt, zu toten Objekten der Ausbeutung und Zerstörung werden läßt... Rost und Motten sind, natur wissenschaftlich gesprochen, Teile von Regelkreisen,welcher das Leben zu seiner Erhaltung bedarf.«41 Nicht die Mücke, die uns steche, sei der Feind, mahnt der Grenzgänger zwischen Literatur, Politik und Ökologie, sondern der Mensch, der ihre Spezies ausrottet und damit ein Ungleichgewicht in dem komplizierten System des Lebens schafft. Eine Versöhnung mit der Erde und dem Mottenloch könne auch gleichzeitig eine Versöhnung mit Sterben, Tod und Vergänglichkeit sein. 

Die »Acts of God« - Tod, Pest, Hunger und Krieg -, vom Menschen als Schicksal hingenommen, würden verdrängt durch die »Acts of Man«, so der österreichischePhilosoph Paul Blau in seiner Festrede zum Erscheinen von Carl Amerys Buch Die Botschaft des Jahrtausends.42 
So erkennt Amery in Überbevölkerung, Auto- und Atomwahn, der Chemie, der Ausbeutung unserer Ressourcen sowie der Vergeudung von Energie und dem Vabanquespiel der Genmanipulation die neuen apokalyptischen Reiter. Entschieden wendet sich Blau mit Amery gegen die »Mordszivilisation«, die »unerträgliche Lebensfeindlichkeit unseres Kulturentwurfs«, den er als Coca-Cola-Movie-Motorcar- Culture« geißelt: »Prost Mahlzeit, McDonald's!« Das neue Schlagwort » Planetary Management«, mit dem man versuche, die Umwelt in den Griff zu bekommen, verurteilt er scharf als ein »Instrument totaler Entmündigung«. 

Keine Mehrheitsdiktatur

 Erhard Ratz, Beauftragter des Landeskirchenamtes für Naturwissenschaft und Technik, der viel mit der Industrie zu tun hatte, fragte 1989 die Herausgeberin in einem persönlichen Gespräch über Schadensauswirkungen von Atomkraftwerken und Pestiziden: »Wie soll man entscheiden, ob eine neue Technologie, die Gefahren in sich birgt, verwirklicht wird oder nicht?« Er vertrat die Meinung, man solle über die Zumutbarkeit von Risiken demokratisch abstimmen. Weil wir mit Mehrheitsentscheidungen der Problematik jedoch kaum gerecht werden, hat der Gesetzgeber im Grundgesetz die elementaren Menschenrechte festgeschrieben. 

»Die Frage ist heute, ob und wann die Demokratie, wenn sie ohne die externen, das heißt kulturellen Ressourcen bestehen müßte, mit internen, das heißt politischen Mitteln zu stabilisieren, um nicht zu sagen, zu retten wäre«, meint Professor Michael Th. Greven vom Institut für Politische Wissenschaften der Universität Hamburg in einem Artikel, der sich unter anderem mit der Bedeutung von Mehrheitsentscheidungen in der Demokratie auseinandersetzt. »Die Herstellung von >Konsens< ist dabei ein wichtiger, aber unzureichender Schritt. Vielmehr ist demokratisch mit >Konsens< überall da normativ und faktisch nicht mehr zu rechnen, wo nicht zumutbare Folgen der Politik gesellschaftlich einseitig geworden sind. Warum sollte auch jemand einer mit Mehrheit beschlossenen Politik oder einer Entscheidung eines Gerichts zustimmen oder Gehorsam schulden, wenn für ihn die Gewißheit feststeht, daß dadurch seine Gesundheit dauerhaft und ernsthaft beschädigt würde?«43

Erstmalig hat übrigens eine Spanierin, Gregöria Löpez Ostra aus der südostspanischen Provinz Murcia, 1994 ein bemerkenswertes Grundsatzurteil in Straßburg er' kämpft. Die Frau lebte mit ihrer Familie nahe einer Anlage für chromhaltige Abwässer aus Ledergerbereien, aus der stinkende und giftige Dämpfe entwichen. Nach einem mühsamen Weg durch sechs Instanzen erkannte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg den Anspruch der Familie auf gesunde Luft als Menschenrecht an. Die Richter sahen dieses Menschenrecht nicht erst dann als verletzt an, wenn jemand bereits erkrankt ist. Es genügte bereits eine Belästigung, die das Privatleben einschränkt. Hiermit geht der Europäische Gerichtshof weit über das deutsche Recht hinaus.44
 

Wo bleibt die Würde des Menschen?

Im Grundgesetz Artikel l, Absatz l heißt es: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Und in Artikel 2, Absatz 2 wird versprochen: »Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.« Mancher ein bißchen mehr? In unserer Demokratie ist das Grundgesetz für jeden Staatsbürger, für die Bürokratie und die Politiker verbindlich. Heute scheint die Demokratie jedoch in Gefahr zu sein, durch eine Lobbykratie abgelöst zu werden. Mit diesem Thema setzt sich Sabine Csampai in dem Kapitel »Lobbykratie gegen Minderheiten« in diesem Band auseinander (siehe S. 63). 

Einen anderen Aspekt beleuchten Georg Weber und Armin Nassehi von der Universität Münster, die die Menschenopfer der Frühzeit mit den Todesopfern unserer Zeit vergleichen.45 Während die Opfer früher mythisch-sinnhaft zu verstehen gewesen seien, seien heute die Opfer etwa des Straßenverkehrs prinzipiell unversiegbar. Erstens sei der Mensch heutzutage kaum exi-stentiell an seine gesellschaftlich geforderte Tätigkeit innerhalb des Wirtschaftssystems gebunden. Und zweitens widerspreche der Opfertod dem modernen aufgeklärten Anspruch, Menschenwürde und Menschenleben als höchste Güter zu schützen und den Menschen niemals als Mittel, sondern nur als Zweck zu werten. Dennoch: Die Logik unseres Systems ist eine andere. »Das Maß der geforderten Handlungsrationalität ist primär nicht das Leben, nicht einmal das menschliche Überleben, sondern allein die Systemerhaltung der gesellschaftlichen Teilsysteme Wirtschaft und Politik«, schreiben Weber und Nassehi. »Gesteuert werden alle Prozesse nur über das Medium Geld.«

Vor allem in der Freiwilligkeit des Opferkults in früheren Zeiten liege der Unterschied zu heute, meinen Nassehi und Weber. Bereits im Mittelalter allerdings bestimmten weltliche und geistliche Obrigkeiten, wer als Hexe oder Märtyrer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. In puncto Freiwilligkeit unterscheidet sich damit die aufgeklärte Moderne kaum vom Mittelalter, wenn heute Verantwortliche in Wirtschaft und Politik indirekt darüber entscheiden, wo geopfert wird.

Wolfgang Stück, Vorsitzender des Ökologischen Ärzte -bundes und Vizepräsident des ISDE (International Doc-tors for Environment) aus Koblenz, der den ersten Klimagipfel 1992 mitveranstaltet hat, fordert, daß der Schutz von Leben, Gesundheit, Erbgut und der Erhalt der Lebensgrundlagen in nationale Verfassungen und die Charta der Vereinten Nationen aufgenommen werden muß. Außerdem sollen seiner Ansicht nach nationale Umweltgerichte sowie ein internationaler Umwelt' gerichtshof eingerichtet werden, damit »Nachweltverbrechen« geahndet werden können.46

Doppelter Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch?

 Daß es einen Ausweg aus diesem Dilemma gibt, zeigt Ernst Ulrich von Weizsäcker im Kapitel »Gibt es Grund zum Technikoptimismus ?«in diesem Band (siehe S. 283). Er belegt anhand von Beispielen, daß die alternative Wirtschaftsweise eine lohnenswerte Investition in die Zukunft wäre. Seine These: Bei halbiertem Naturverbrauch könne der Wohlstand verdoppelt werden; neue Arbeitsplätze würden geschaffen. Nicht nur könnten neue Technologien unseren Wirtschaftsstandort sichern, mehr noch, Deutschland könne auf diesem Gebiet auf dem Weltmarkt führend werden.47 Das Schlüsselwort ist dabei nicht eine vorgeblich sichere, sondern eine »fehlerfreundliche Technik« in einem fehler-toleranten Umfeld. Ein Abbau der Denkschranken könnte also lebensfreundliche Alternativen zu riskanten Technologien eröffnen. Diese alternativen Technologien warten nur auf mutige Unternehmer, die über den Tellerrand schauen.

Der Wunsch, ewig zu leben, ist unerfüllbar. Carl Amery erinnert daran, daß Leben nur möglich ist, weil es den Tod gibt. Er erweitert den Satz Albert Schweizers: »Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das auch leben will«, zu: »Ich bin Leben, das leben will und deshalb tötet und selbst getötet wird.« Wir könnten nur versuchen, schlimme Grausamkeiten zu vermeiden. »Vor allem müssen alle Deutungen grobschlächtiger Darwinisten zurückgewiesen werden, welche den Haß zwischen Menschen und den Massenmord, sei es direkt oder indirekt, in Befehle der Natur umlügen.«48

 

Anmerkungen

1) Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod. und Würde, List, München 1994 Der 19jährige Sönke Rehr aus Niedermarschacht starb 1992 als eines unter mehreren Leukämieopfern nahe des Atomkraftwerks Krümmel in der Eibmarsch. (Zitiert nach Uwe Harden: »Ich will wissen, für wen ich ein Restrisiko bin - Die Leukämie in der Elbmarsch« in Vergiftet und alleingelassen, hrsg. v. Antje Bultmann, Knaur, München 1996, S. 167 ff.). Immerhin müssen die Leukämiefälle bei Krümmel jetzt gerichtlich geprüft werden. Das könnte Folgen für die gesamte deutsche Kerntechnik haben. (Süddeutsche Zeitung, 22. 8. 1996)
2) Zitiert nach Hans Lenk: Ethik und Technik. Reclam, Stuttgart 1993, S. 198
3)Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 29. 8. 1995
4) Zitiert nach Süddeutsche Zeitung vom 17. 7. 1996
5)Wirtschaftswoche Nr. 15, 4. 4. 1996
6) G. Marks, D. von Winterfeldt: »Not in my backyard«, Journal of Applied Psychology 69, 1984
7) Antje Bultmann: »Unser täglich Gift«, in: Vergiftet und alleingelassen, hrsg. v. A. Bultmann, Knaur, München 1996
8) Otmar Wassermann: »Fälschung und Korruption in der Wissenschaft«, in: A. Bultmann, F. Schmithals (Hrsg.): Käufliche Wissenschaft, Knaur, München 1994, S. 234
9) William]. Rea: Chemical Sensivity, Vol. 2. Lewis Publishers 1992
10) W. Farland: »USEPA's Reassessment of Potential Exposure and Health Risks of Dioxin and Related Compounds«. Vortrag bei der Dioxin-Informationsveranstaltung »EPA Dioxin Reassessment«; vergleiche Organohalogen Compounds 22, 1995
11) Tino Merz, in: Gaifl 4, 1995, S. 267
12) ebda.
13) Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1986, S. 100
14) Ebda. S. 82 und 85 f.
15) H. Müller-Mohnssen: »Frühe Erkennung des Krankheitsbildes«, in: A. Bultmann (Hrsg.): Vergiftet und alleingelassen. Knaur, München 1996
16) Umgekehrt können sich Mütter über ihre Kinder entgiften: Je mehr Kinder sie haben, desto weniger Gifte haben sie in ihrem Körper. Beim fünften Kind enthält ihr Körper nur noch die kurzfristig aufgenommenen Schadstoffe.
17) Hagen Scherp, Evelin Weigelt, Constantin Oxynos, Ivan Gebefügi: Gesundheitsrisiken persistenter Umweltchemikalien. München 1990. M. Schlumpf, W. Lichtensteiger (Hrsg.): Reihe »Kind und Umwelt«; Bd. 2: Humanmilch. 1993; Bd. 3: Schadstoffe heute. 1995; Sinkt die Fertilität? 1996, Institute of Pharmacology University of Zürich. Hans-Walter Döring: Unfruchtbar durch Umweltgifte, rororo, Reinbek 1992. Deutscher Kinderschutzbund (Hrsg.): Umweltschutz, ist Kinderschutz- Eigenverlag 1983/85
18)Süddeutsche Zeitung vom 24. 12. 1994, S. 9: »Selbst die Geier meiden die Türme des Schweigens«
19) Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Angewandte Ethik, Kröner, Stuttgart 1996, S. 808
20) Ebda., S. 826
21) Silvia Matthies: Tot oder lebendig. Fernsehfilm in der Reihe »Stationen«, Bayerischer Rundfunk 1995
22) Ebda.
23) Nida-Rümelin, a. a. O., S. 820
24)Antje Bultmann: »Experten im Zwielicht«, in: A. Bultmann, F. Schmithals (Hrsg.): Käufliche Wissenschaft, Knaur, München 1994, S. 19 ff.
25) Manfred Loimeier: Zum Beispiel Ken Saro-Wiwa, Göttingen 1996
26) Ebda.
27) Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory B. Lovins, L. Hunter Lovins: Faktor vier. Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch. Droe-mer, München 1995, S. 25 f.
28) Hans Peter Dürr: »Konzepte für eine langfristige Energieversorgung«, unveröffentlichtes Manuskript
29) Minette von Krosigk: »Atomangriffe auf die eigene Bevölkerung«, Süddeutsche Zeitung vom 24. 2. 1993; »Radioaktiv verseuchtes Essen«, Freitag Nr. 36 vom 1. 9. 1995. Die Atomtest-Anlage bei  Semipalatinsk wurde 1993 von der kasachischen Regierung geschlossen.
30) Ebda.
31) Michael H. Kater: »Der Buchenwaldgeruch«, in: Die Zeit Nr. 3, 14. 1. 1994,3.41
32) Ebda.
33) Egbert Kutz: »Erkenntnisse über das Vorkommen von bösartigen Gehirntumoren in der Gemeinde Vollersode«, Februar 1996
34) Wolfgang Maes: Streß durch Strom und Strahlung. Schriftenreihe Gesundes Wohnen, Institut für Baubiologie und Ökologie Neu-beuern IBN, 1995
35) Egmont R. Koch, Irene Meichsner: »Ärzte und die AIDS-Epidemie unter Blutern«, in: A. Bultmann, F. Schmithals (Hrsg.): Käufliche Wissenschaft. Knaur, München 1994, S. 185 ff.
36) Ulrich Beck: Risikogesellschaft, a. a. O., S. 100
37) Ebda.
38)Der Spiegel 5/1992: »Wir töten euch ganz leise«, Interview mit Wladimir Tschernosenko
39) Hans Peter Dürr: »Die Grenzen der Technik im Industriezeitalter«, Vortrag auf der Tagung der SPD-Bundestagsfraktion am 26. April 1996: »10 Jahre Tschernobyl«
40) Albert Kuhlmann, Vortrag in der Evangelischen Akademie Tutzing auf der Tagung »Alles im Griff«, 19.-21. Juli 1991
41) Joseph Kiermeier-Debre (Hrsg.): Carl Amery. »... ahnen, wie alles, gemeint war«. List, München 1996, S. 126
42) Paul Blau über: Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod und Würde, a. a. O.
43) Michael Th. Greven: »Demokraten fallen nicht vom Himmel«, in: Das Parlament vom 16. 12. 1994
44) Jörg Weber: »Ein Menschenrecht auf gesunde Luft«, Greenpeace Magazin 2/1995
45) Armin Nassehi, Georg Weber: Tod, Modernität und Gesellschaft, Westdeutscher Verlag, Opladen 1989, S. 266
46) Wolfgang Stück, in: Rhein-Zeitung vom 27. 4. 1995
47) Vgl. auch Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory B. Lovins, L. Hunter Lovins: Faktor vier, a. a. O.
48) Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends, a. a. O., S. 22

I Der Wert des Menschen: Rechenexempel

Jose A. Lutzenberger
2 Einäugige Ökonomie

Es wird immer vorausgesetzt, eine Wirtschaft sei nur gesund, wenn sie permanent wächst. Wie ist es möglich, daß die Mächtigen so etwas überhaupt glauben können? Das kommt wohl daher, daß unser heutiges Wirtschaftsdenken auf einer Ebene stattfindet, in der Natur nicht vorkommt. Man stellt sich einen fließenden Strom vor, der von einer Unendlichkeit zu einer anderen reicht. In diesem Modell erscheinen die Ressourcen unseres Planeten unerschöpflich. Zwar wird zugegeben, daß so manches zu Ende geht, beispielsweise das Erdöl. Doch werden immer neue Substitutionen postuliert: Wir haben ja noch genug Steinkohle, Kernenergie aus Kernspaltung, dann die Kernverschmelzung oder Sonnenenergie, großtechnisch genutzt, und, vielleicht in ferner Zukunft, Energie aus dem Zusammenprall von Materie und Antimaterie. Doch tut sich auf der anderen Seite ein unendlich großes Loch auf für all unseren Müll und Abfall. Auch wenn überall die Deponien bereits platzen, die Flüsse und Meere vergiftet sind, wir werden neue Wege finden, und wenn wir eines Tages unseren Dreck per Rakete zur Sonne schießen müssen. Also, die Möglichkeiten sind grenzenlos, läßt uns dieses Modell glauben. 

Wenn ich davon ausgehe, daß der Strom zwischen zwei Unendlichkeiten fließt, dann gibt es natürlich keinen Grund, warum er nicht immer breiter werden kann.Diesen immer mächtiger werdenden Strom sehen die Wirtschaftswissenschaftler angetrieben von einem geschlossenen Kreislauf von Geld. Geld läßt sich aus dem Nichts schaffen.

Die Welt ist aber nicht so. Geld läßt sich auch nicht essen. Alle lebenden Systeme bestehen aus geschlossenen Kreisläufen von Ressourcen. Die Abfälle und Leichen der einen sind immer die Rohstoffe der anderen. Wenn das Leben Ressourcen verbrauchte wie unsere Wirtschaft, dann wäre es wohl schon ganz am Anfang, noch im Stadium der Komplexität von Bakterien, erloschen.

Fortschritt wird heute von Politikern und Ökonomen nur am Bruttosozialprodukt, das Bruttosozialprodukt am Geldstrom gemessen, ohne Rücksicht darauf, was der Geldstrom anstellt. Wenn wir in Brasilien ganze Berge abbauen, um billig Eisenerz und Aluminium in die Erste Welt zu exportieren, dann wird in unserem Bruttosozialprodukt nur aufaddiert, wieviel Devisen die Exporteure dafür kassiert haben. Nirgends in dieser Rechnung wird der Abbau des Berges, das nicht mehr existierende Erz, der zerstörte Wald abgezogen. Der Ökonom will Reichtum durch Abbau von Natur schaffen. 

Es ist absurd, das Bruttosozialprodukt als Maßstab für Fortschritt zu sehen. Die Rechnung, die hier gemacht wird, geht nicht auf. Angenommen, die Umweltverschmutzung würde derart zunehmen, daß wir alle krank sind, mehr Ärzte brauchen, Krankenschwestern, Medikamente, Krankenhäuser — das Bruttosozialprodukt würde entsprechend wachsen, für die herrschenden Ökonomen wäre das ein Fortschritt. Eine gesündere Bevölkerung wäre demnach ein Mangel an Fortschritt!

Der Markt kennt keine Bedürfnisse

 Nach dem Zusammenbruch der repressiven Regimes im Osten glauben heute viele, allein der Mechanismus des freien Marktes könne all unsere wirtschaftlichen Probleme lösen. So, wie er heute funktioniert, führt der Markt aber zu immer größeren ökologischen Katastrophen. Der Markt ist zwar ein kybernetischer Mechanismus zum Ausgleich von Kräften, aber zu sozial und ökologisch wünschenswerten Ergebnissen führt er nur, wenn alle Kräfte präsent sind. Dies ist aber nie der Fall. Nehmen wir ein Gedankenexperiment. Eine sehr wertvolle alte chinesische Vase wird versteigert. Im Raum befinden sich Museumsdirektoren und andere, die wissen, wie kostbar das Stück ist. Der Anbieter ist aber ein Dieb, der sie möglichst schnell loswerden will. Wenn sich die potentiellen Käufer abstimmen, gelingt es ihnen, für einige wenige hundert Dollar abzuschließen. Dies ist die Situation der Rohstoffe aus der Dritten Welt. Wer bietet denn hier das Tropenholz an? Doch nicht die Einwohner dieser Wälder, die verzweifelt für deren Erhaltung kämpfen!

Auch sieht der Markt nur Kaufkraft, ausgedrückt in Geld, nicht echte Bedürfnisse. Der arme Teufel, der in Kalkutta auf dem Bürgersteig verreckt, als seine ganze Habe nur ein Lendentuch hat und morgens von der Müllabfuhr mitgenommen wird, hat enorme Bedürfnisse, aber keine Kaufkraft. So wird der größte Teil der Menschheit vom Markt gar nicht wahrgenommen. Ein grundsätzlicher Fehler in unserem Wirtschaftsdenken basiert auf einer Verwechslung, die oft wohl vorsätzlich geschieht. Politiker reden von Volkswirtschaft, meinen aber immer die Betriebswirtschaft. Wenn ein Manager sagt, das kann ich nicht machen, das ist nicht ökonomisch, oder: Das kann man nur so und so machen, sonst ist es unwirtschaftlich, dann meint er seine Be-triebswirtschaft. Es kann aber etwas für einen Betrieb gut sein und für eine Volkswirtschaft sehr schlecht und umgekehrt. Angenommen, an einer bestimmten Stelle gäbe es Petroleum, es würde aber so tief lagern, daß mehr Energie für die Pumpe aufgewendet werden müßte als dabei herauskommt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht müßte man es in der Erde lassen. Für einen mächtigen Unternehmer aber, der sich die Förderpumpe oder den Preis subventionieren läßt, kann es ein gutes Geschäft sein. So ähnlich läuft die Sache auch bei der Kernenergie. Die Politiker akzeptieren meistens die Sprache der Technokratie. Sie sind oft gar nicht in der Lage, das zu durchschauen, weil sie die Ideologie der Technokratie kritiklos verinnerlicht haben.

Fünf Milliarden Autos?

 An der Situation, wie sie heute im Transportwesen herrscht, läßt sich sehr klar erkennen, daß die jetzige Form der globalen Industriekultur, die Konsumgesellschaft, keine Zukunft hat. Man braucht nur eine einfache Rechnung aufzumachen, und zwar genau die gleiche, die die Bosse der Autoindustrie anstellen. Sie freuen sich über die gewaltigen Marktchancen, die unter anderem in China auf sie warten. Diese Leute scheinen tatsächlich zu glauben, daß in nicht allzu ferner Zukunft der letzte Chinese in der Gobi-Wüste und der letzte Gummisammler am entlegensten Ufer Amazoniens es auch auf zwei und vielleicht mehr Wagen pro Familie bringen wird.

Wir haben heute schon mehr als eine halbe Milliarde Personenkraftwagen auf unserem Planeten, Lastkraftwagen und andere Nutzfahrzeuge nicht eingeschlossen. In den Ländern der sogenannten Ersten Welt liegt das Verhältnis pro Auto zur Einwohnerzahl teilweise schon bei 1,7. Würde die gleiche Rate für alle Menschen auf der Welt gelten, kämen wir auf über drei Milliarden Wagen. Wie lange kann der Planet das verkraften?

Dabei soll es nicht einmal bleiben. Diejenigen, die eine unentwegt wachsende Wirtschaft wünschen, freuen sich auf die Industrialisierung der Dritten Welt und das Bevölkerungswachstum. Für das Jahr 2020 wird mit mindestens acht Milliarden Menschen gerechnet. Kann man sich fünf, sechs oder sieben Milliarden Autos auf der Erde vorstellen?

Das kann die Erde nicht verkraften. Wenn wir das erreichten, wären wir alle tot. Es käme zunächst zu Zusammenbrüchen im Lebensstil und in der Bevölke-rungszahl. Die Materialschlachten und Verwüstungen wären so grotesk, daß sie alles bisher Geschehene in den Schatten stellen würden. Schon heute führen allein die Stahlgewinnung und die Erzeugung von Aluminium zum Abbau ganzer Berge in Amazonien (Carajäs), zu Staudämmen (Tucuri), die Tausende von Quadratkilometern intakten Regenwald überfluten, um elektrischen Strom zu produzieren. Indirekt führte das Tucuri-Cara-jäs-Projekt durch die sogenannte Erschließung der Wildnis zur Entwaldung eines Gebietes von über 100000 Quadratkilometern, um ein Viertel größer als Österreich. In den Köpfen unserer Technokraten ist Wildnis in ihrer intakten Form wertloses Gelände. Aber mehr als 10000 Menschen, friedlich lebende Waldbewohner, darunter Gummisammler, verloren ihre Existenzgrundlage, landeten in den Slums der Städte. Für zwei Indianerstämme war es das Ende.

Es werden heute überwiegend Techniken und technologische Infrastrukturen gefördert, die von den Mächtigen in deren Sinn konzipiert und entwickelt werden, die uns dann aufgezwungen werden, oft von den Lobbys in den Parlamenten und in Brüssel mit der entsprechenden Gesetzgebung abgesichert und legitimiert. Oder sie werden uns schmackhaft gemacht mit einem für die meisten Menschen unwiderstehlichen Reklameschwall. Etwa, wenn Autos uns nicht mehr als effiziente Transportmittel, sondern als Statussymbole angeboten werden. Wenn einer sich für hunderttausend Mark ein Auto kauft, könnte er sich gleich ein Schild umhängen: »Ich bin doof!« Für das gleiche Geld kann ich doch dauernd Taxi fahren, brauche mich nicht um Parkplatz, Auftanken, Versicherung kümmern, und es bleibt noch Geld übrig. Das Privatauto ist sowieso das unwirtschaftlichste und verschwenderischste Massentransportmittel. Man frage einen Fabrikbesitzer oder Manager, ob er sich eine Maschine zulegen würde, eine teure, komplexe, rasch alternde Maschine, die mehr als 90 Prozent der Zeit herumsteht und auch während sie arbeitet die anderen gleichartigen Maschinen stört - man denke an die verstopften Autobahnen. 

Die persönliche Mobilität, die immer für das Auto ins Feld geführt wird, könnte durchaus erhalten bleiben, vorausgesetzt, es gäbe bessere öffentliche Verkehrsmittel, ergänzt durch öffentliche Personenkraftwagen für die Strecke von der Haltestelle bis zum Endziel. Insgesamt käme uns das weit billiger, die Materialschlachten mit den Autos könnten um 80 bis 90 Prozent reduziert werden, mit enormen Einsparungen an unwiederbringlichen Ressourcen. Warum macht man so etwas dann nicht? Weil das der Technokratie nicht paßt. Auch das Argument mit den Arbeitsplätzen zieht hier nicht. Wo immer die Technokratie Arbeitsplätze einsparen kann, tut sie das rücksichtslos.

Kalkulierter Verschleiß

 Kalkulierter Verschleiß und geplante Veralterung, das hat nichts mit dem Erhalten von Arbeitsplätzen zu tun, sondern nur mit Umsatzerhaltung und -ausweitung. Jedes Jahr werden neue Automodelle entwickelt, die kaum technische Vorteile bieten, dafür aber unnötig geänder-ten Firlefanz: zum Beispiel immer neue Formen für Schlußlichter, Chromzierate etc., wofür es schon nach wenigen Jahren keine Ersatzteile mehr gibt.

Subventionstourismus, Zerstörung und Ausbeutung

 Neben der Mißorganisation des Transportwesens ist die fehlgeleitete moderne Landwirtschaft ein weiteres Bei-spiel der Auswüchse unserer Konsumgesellschaft. Sie gilt als extrem effizient im Vergleich zu traditionellen Bauernkulturen. Während früher 40 oder mehr Prozent der Bevölkerung auf dem Land arbeitete, heißt es heute, es genügen circa zwei Prozent, um als Bauern die Ge-samtbevölkerung zu ernähren und noch dazu Überschüsse zu produzieren. Eine phantastische Steigerung der Effizienz - wenn dieser Vergleich stimmte. Er hinkt aber. Der traditionelle Bauer war, gesamtwirtschaftlich gesehen, ein autarkes System der Produktion und Verteiung von Nahrungsmitteln. Er produzierte seine eigenen Betriebsmittel, Dünger, Energie und anderes, und brachte seine Produkte zum größten Teil über den Wochenmarkt zum Konsumenten. Der heutige Bauer ist nur noch ein Traktorfahrer, ein kleines Schräubchen in einer gewaltigen Infrastruktur der Technokraten. 

Wenn wir die Effizienz der heutigen Landwirtschaft mit der von früher vergleichen wollen, dann müssen wir eine andere Rechnung aufstellen. In dem Maße, wie sie direkt für das heutige System der Produktion, Verarbeitung und Verpackung von Lebensmitteln beitragen, müssen wir die Arbeitskräfte und Arbeitszeiten mitrechnen: Von den Ölfeldern in Saudi Arabien, im Irak und Iran, in Venezuela und andernorts, den Gasfeldern im Osten, den Bergwerken in Carajäs, Amazonien, den Stahlküchen, Aluminiumhütten, in dem großen Staudamm, am Tucuri, der den subventionierten Strom für die Aluminiumhütten liefert; in der Agrarchemie mit ihren Kunstdüngern und Giften, den Phosphatminen in Nordafrika, den Kalibergwerken, den Kunststoffabriken für die Produkte der Verpackungsindustrie; im Transportwesen - besonders wo es unsinnig ist, wie wenn in Schleswig-Holstein Schweine mit Soja aus Südamerika gemästet und geschlachtet werden, dann nach Süditalien verfrachtet, dort Salami italiano gemacht, die in Bayern verzehrt wird; in den großen Sojamonokulturen in Süd- und Zentralbrasilien mit dem gesamten technischen, chemischen und sonstigen Zubehör, das dazu gehört; in der Seeschiffahrt, die Sojaschrot, Tapioka und Ölpalmentorte über Ozeane transportiert; im Banksystem, soweit es all diese technologischen und kommerziellen Strukturen finanziert. Dann kommt ein großer Teil der modernen Informatik, Rechner und Programmierer hinzu, dann die Bürokraten, die darüber entscheiden, ob der Apfel zu rot, die Banane zu krumm oder die Birne zu klein ist; zu allem Überfluß auch noch die Unternehmen, die Saatgut züchten, das nicht mehr keimfähig und gegen die eigenen Herbizide resistent ist, die sich das obendrein patentieren lassen und darauf hinarbeiten, daß die Bauern nur noch patentiertes Getreide kaufen dürfen und, und, und. Dazu all die Subventionen! Diese Rechnung hat meines Wissens noch niemand aufgestellt. Alles eingeschlossen, kämen wir in der Gesamtwirtschaft wohl auf 40 Prozent der Arbeitszeit aller Berufstätigen.

Eigentlich hat doch nur eine Umverteilung von Arbeitsplätzen stattgefunden. Die Person, die in der Bank vor dem Rechner sitzt und die Kredite für die Bauern, Agrar-gifte, Dünger etc. bearbeitet, zählt zwar nicht als Bauer, ist aber ein Teil des Gesamtapparats der Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln. Eigentlich geht es darum, daß es der Industrie gelungen ist, dem Bauern von seiner Arbeit all das abzunehmen, was gewinnbringend und sicher ist, und ihm nur das läßt, wo er Risiken eingeht: Klima, Schädlinge, hohe Kosten für Betriebsmittel, nidrige Preise für seine Erzeugnisse.

In die eigene Tasche lügen

 Es stimmt auch nicht, daß die moderne Landwirtschaft, auf den Hektar gerechnet, viel ertragreicher ist als eine gute Bauernkultur. Das mag in extremen Fällen so sein, wenn ein holländischer Landwirt bis zu zehn Doppelzentner Korn pro Hektar Land erntet. Das ist aber normalerweise nicht so. In Brasilien, in Rio Grande do Sul, haben die deutschstämmigen Bauern früher mit ihrem vielseitigen Wirtschaften weit über zehn Tonnen Nahrung pro Hektar geerntet: Korn, Gemüse, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Maniok, Obst, Zucker, Schnaps, Wein, Hopfen und vieles mehr. Sogar das Vieh hat sich dort noch ernährt. Die großen modernen Monokulturen kommen trotz Fruchtfolge mit Soja im Sommer und Weizen im Winter nicht einmal auf vier Tonnen im Schnitt. Und hier wird nicht für die hungernden Menschen im eigenen Land produziert, sondern für die fetten Kühe im Gemeinsamen Markt.

Zur Energiebilanz in der Landwirtschaft braucht man nicht viel zu sagen, außer daß sie fast immer negativ ist. Das ist ein Skandal, da doch die Landwirtschaft jahrtausendelang davon gelebt hat, daß Sonnenenergie über Photosynthese biochemisch gebunden wird, als Nahrung, als Rohstoff, als Brennstoff. Heute stecken wir mehr Energie hinein, als wir herausholen, noch dazu fossile Brennstoffe, die nicht nachwachsen. 

Am schlimmsten sind aber die sozialen Kosten der sogenannten modernen Landwirtschaft. Überall in der Welt wurden im Laufe der letzten 50 Jahre gesunde, organisch gewachsene soziale Strukturen vernichtet. Der Zerstörungsprozeß geht weiter, wie man in Spanien beobachten kann. In Mexiko führt er jetzt zum Bürgerkrieg, siehe Chiapas. Weltweit sind Hunderte von Millionen Bauern und Landarbeitern in die Slums der Großstädte gezogen oder, wie in Brasilien, in die letzten Winkel der Wildnisse eingedrungen, beispielsweise nach Amazo-nien. Das unbeschreibliche Elend dieser Menschen und die Ökologische Verwüstung sind die Kosten unserer »fortschrittlichen« Landwirtschaft, die bei jeder Rechnung unter den Tisch fallen. In Bangalore, Indien, fand  am 3. Oktober 1993 eine von den Medien totgeschwiegene gigantische Protestaktion statt. Eine halbe Million Menschen aus Indien und ganz Südostasien, einschließlich einiger Vertreter aus Afrika und Lateinamerika, demonstrierte für eine nachhaltige bäuerliche Landwirtschaft und gegen das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT), die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds und Biotechnologie - sie erklärten sich aber für regenerativen, organischen Landbau in bäuerlicher Struktur. Endlich ein Hoffnungszeichen! 

In den schweren Nachkriegs jähren nach 1945 konnten in Deutschland und Österreich die Städter bei den Bauern auf dem Land hamstern gehen. Das haben sie heute vergessen. Die Bauern hatten Kartoffeln, Getreide, Gemüse, Obst, Eier, Käse etc. Heute kauft selbst der Bauer seine Lebensmittel im Supermarkt. Die Frau geht - soweit möglich - andernorts arbeiten, damit der Hof gehalten werden kann. Die Bauern bauen nicht mehr vielseitig an. Sie sind Spezialisten und total abhängig von der Industrie, den Energieunternehmen, dem Bank- und Transportwesen. Noch nie waren wir so verwundbar wie heute. Wäre ich ein Verteidigungsminister, ich würde mich um die Wiederherstellung eines gesunden nachhaltigen Bauerntums kümmern, nicht um Raketen. 

Wir müssen grundsätzlich neu überlegen, was wir wollen. Wir müssen uns fragen, was ist Fortschritt. Wenn Fortschritt das ist, was wir in den letzten 50 Jahren praktiziert haben, dann mag das ganz gut gewesen sein für einen kleinen Teil der Menschheit, aber katastrophal für 80 Prozent der Menschen und für die Natur. Es ist ja auch undenkbar, den Lebensstandard der Ersten Welt auf die Gesamtbevölkerung der Erde auszubreiten. Während der Wohlstand unter den Reichen weiter wächst, wird die Dritte Welt immer ärmer, die Erde immer mehr verwüstet. Und wo werden in unseren heutigen Märkten die zukünftigen Generationen berücksichtigt? Und wie steht es mit der Schöpfung? Es stimmt etwas nicht mit unseren Zielen.

 Mit der Natur rechnen

Wir brauchen eine neue Buchhaltung, eine Buchhaltung, die den wirklichen Fortschritt mißt. Dann müßten aber Schäden und Verluste, Abbau von Natur abgezogen werden. Dann müßten wir uns auch fragen, ob die Menschen wirklich glücklicher sind mit dem, was wir heute Fortschritt nennen.

Das Dogma der Notwendigkeit unbegrenzten Wachstums bringt positive Rückkopplung ins System. Positive Rückkopplung ist eine Verhaltensform, die eine Reaktion hervorruft, die das Verhalten noch verstärkt - wie ein Schneeball. Dem Schneeball können wir nicht helfen mit mehr Schnee und mehr Hang. Positive Rückkopplung führt grundsätzlich zu Instabilität und Kollaps. 

Wir müssen eine homöostatische Wirtschaft entwickeln, eine Wirtschaft mit negativer Rückkopplung, Eine homöostatische Wirtschaft kann durchaus sehr dynamisch sein, sie muß nicht stagnieren. Sie ist stabil, nicht statisch. Lebende Systeme sind alle homöostatisch, aber sehr dynamisch. Wir brauchen also eine Technologie und Wirtschaftsweise, die nicht vom Konsum der Natur leben, sondern sich in die natürlichen Systeme eingliedern..
 


Sabine Csampai

3 Lobbykratie gegen Minderheiten?

In einer Demokratie ist die mehrheitliche Zustimmung durch den einzigen Souverän, das Volk, die Grundlage der Politik. Jahrtausendelang war die Diktatur durch Minderheiten die einzig praktizierte und teilweise auch die einzig vorstellbare Form von Führung. Doch auch wenn niemand sich überwundene Politikformen der Willkür, der Unfreiheit der Mehrheit zurückwünschen dürfte, bleibt angesichts der Realpolitik die Frage, ob die Mehrheit tatsächlich in der Lage ist, kompetent und verantwortlich Politik zu gestalten. Oder anders gefragt, weiß die Mehrheit, was sie wirklich will, oder ist sie nur eine manipulierte Masse, die willig den Einflüsterungen oder verschreckt den Drohungen der Kapitalinteressen folgt?