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| Originalausgabe März
1996
© 1996 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Umschlaggestaltung Adolf Bachmann, Reischach Umschlagfoto Das Fotoarchiv/Robert Chasin, Essen Satz MPM, Wasserburg Druck und Bindung Eisnerdruck, Berlin Printed in Germany ISBN 3-426-77214-054321 Immer öfter lösen vom Menschen verursachte Umweltschäden Gesundheitsgefahren aus. Die Opfer all der Schadstoffe in unserem Alltag tragen nicht nur bleibende körperliche Schäden davon. Sie werden von vielen Ärzten, Gutachtern, Anwälten und Richtern auch noch gnadenlos bekämpft, denn jeder gewonnene Prozeß könnte ja eine Lawine von weiteren Schadenersatzansprüchen auslösen.,'Um das zu verhindern, ist der Industrie nahezu jedes Mittel recht: Das Spektrum der Maßnahmen reicht von Psychiatrisierung über Prozeßverschleppungen bis zu handfesten Einschüchterungen. Betroffene und Experten schildern in diesem Buch aber nicht nur solche skandalösen Praktiken, sondern berichten auch davon, wie die übermächtige Allianz aus Wissenschaft und Industrie besiegt werden kann. Eine Risikoliste der wichtigsten Gefahrenstoffe und ihrer Symptome, Tips für den Umgang mit Behörden und Gerichten sowie Adressen von Selbsthilfegruppen machen dies Buch zu; einem wichtigen Ratgeber für alle Betroffenen. |
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Antje Bultmann, geboren 1941, studierte Verhaltens- und Sozialwissenschaften in Heidelberg, Göttinger und Tübingen. Zehn Jahre war sie als Lehrerin und Heimleiterin tätig, bevor sie ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart absolvierte. Sie leitete ein Projekt Umweltschutz und Kirche in München und ist Mitglied der Emst-Friedrich-Schumacher-Gesellschaft. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Journalistin in der Nähe von München. |
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| Inhalt
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Volker Zahn Ein Eingriff
in die Natur
provoziert den nächsten - das ist ein Naturgesetz
Wir haben es heute eben nicht mehr mit einer Handvoll Stoffen aus lokalen Quellen zu tun, sondern mit einer »toxischen Gesamtbelastung«, einem Phänomen, das bereits 1956 von dem Heidelberger Professor für Umweltpathologie Fritz Eichholz beschrieben wurde, der sich schon damals mit Zivilisationsschäden befaßte. Ende 1993 war in vielen wissenschaftlichen Zeitschriften eine kleine Notiz über eine japanische Forschergruppe zu lesen, die die zwölfmillionste chemische Verbindung synthetisiert haben will. Wie die unzähligen Substanzen auf Umwelt und Gesundheit wirken, liegt völlig im dunkeln. Nur ungefähr 1500 Substanzen hingegen werden beispielsweise in der MAK-Liste (Liste der maximalen Giftkonzentration am Arbeitsplatz) für gefährliche Stoffe aufgeführt. Über Luft, Wasser und Boden werden die Schadstoffe von der belebten Natur aufgenommen. Durch Atmen, Essen, Trinken und Körperkontakt gelangen die Gifte bei Mensch und Tier über die Eingangspforten - hauptsächlich der Lunge, des Verdauungsapparates und der Haut -in den tierischen und menschlichen Organismus. Jeder Schadstoff für sich allein hat einen eigenen Wirkungsmechanismus bei seiner Aufnahme, der Verarbeitung durch den Stoffwechsel, der Speicherung und Ausscheidung. Oft lernen wir erst nach Jahrzehnten, wie die giftigen Kreisläufe und Wirkungsmechanismen der bereits lange auf dem Markt befindlichen Schadstoffe funktionieren. In der Schulmedizin anerkannt ist mittlerweile nur die gesundheitsschädigende Wirkung von Zigarettenrauch. Sowohl beim aktiven als auch beim passiven Rauchen werden eine Unzahl verschiedener Chemikalien mit inhaliert, wobei hier nur Benzpyrene, Cadmium, Formaldehyde und Vinylchlorid genannt werden sollen. Wie, wann und wo genau die schädigenden Stoffe bei aktivem und passivem Rauchen auf Säuglinge, Kinder, Schwangere und alte Menschen und chronisch Kranke wirken, ist bisher, trotz Forschung in Milliardenhöhe, nicht bekannt. Es kommt jedenfalls unter anderem zu Reizzuständen, chronischer Bronchitis, Gefäßveränderungen oder Krebs. Welche Menschen nach welcher Menge Zigaretten nun geschädigt werden, läßt sich nicht vorausbestimmen. Von einem Gemisch von Wohn- und Textilgiften sowie von Schadstoffen durch Verkehr, Industrie und Landwirtschaft wird der menschliche Organismus nun ebenfalls stark geschädigt. Diese logische Aussage wird von der Wissenschaft derzeit zwar nicht anerkannt, aber verschiedenste Umwelterkrankungen wie das Müdigkeitssyndrom, das vielseitige Chemikaliensyndrom (MGS) oder das Sick-building-Syndrom haben hier ihre Ursache. Gefahrlich sind auch viele Gifte am Arbeitsplatz, besonders die Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Zinn, Palladium, dann die große Zahl von Lösungsmitteln, Organo-chlorverbindungen wie Dioxine, Furane, polychlorierte Biphenyle, Formaldehyde und auch Asbest. Die meisten dieser Gifte wirken vor allem auf Gehirn und Nervensystem, ferner auch auf Leber, Immunsystem, Haut, Lunge, Nieren und letztlich auf jede Körperstruktur. Ein Eingriff außen zieht einen Eingriff innen nach. Wenn der Mensch zu dieser Erkenntnis nicht gelangt, werden ihn die chronischen Erkrankungen und in zunehmendem Maße auch die Unfruchtbarkeit bald einholen. Anzeichen dafür sind ja schon vorhanden. Solch eine Kette von Wirkungen soll exemplarisch am Beispiel der Pflanzengifte in der Nahrungsmittelerzeugung und in der Holzwirtschaft deutlich gemacht werden. Ein Großteil der Nahrungsmittel in der Welt wird unter Einsatz von großen Mengen Pestiziden, Kunstdüngern und sonstigen Giftmischungen erzeugt. Zusätzlich werden über die Abgase durch Industrie und Verkehr noch weitere Giftmengen von den Pflanzen aufgenommen. Die nicht direkt von den Pflanzen absorbierten Schadstoffe werden über die Verdunstung in die Wolken aufgenommen und regnen über der Erde ab. Pestizide, die in Kanada gespritzt werden, regnen ir; Irland ab. Die Gifte wirken nun direkt auf das Wachstum aller Pflanzen, indem sie die Feinstrukturen der Zellen zerstören. Es kommt aber auch darüber hinaus indirekt zu einer Einlagerung von Giften in den lebenden Zellen. Im Boden werden Kleinstlebewesen wie Bakterien oder Sporenpilze durch Gift geschädigt. Als Folge können die Pflanzen Spurenelemente, Nährstoffe und weitere lebenswichtige Stoffe, die sie zum Wachstum brauchen, nur erschwert aufnehmen. Diese nährstoff- und vitaminarmen Pflanzen werden nun über die Nahrung vom Menschen aufgenommenund, und so wie außen in der Natur der schädigende Einfluß der Gifte gewirkt hat, so tritt nun auch die innere schädliche Wirkung im Körper des Menschen ein: Ein großer Teil verschiedenster Mikroorganismen in Mund, Magen und Darm wird vernichtet. Das heißt, der Eingriff in die belebte Natur durch das Ausbringen von Chemikalien provoziert den nächsten Eingriff in den Organismus des Menschen selbst. Dies ist ein Naturgesetz, welches wir Menschen anerkennen müssen. Was außen vernichtet wird, wird auch innen vernichtet. Es ist halt nun einmal nicht so, daß sich die chemischen Spritzmittel in nichts auflösen, auch wenn Experten uns das weismachen wollen. Bei der industriellen Nahrungsmittelverarbeitung werden den Lebensmitteln dann zusätzlich noch einmal etwa 8000 chemische Zusätze beigemischt: zur Konservierung, zur Verschönerung, zur »verbrauchergerechten« Vermarktung. (Zugelassen sind allerdings nur etwa 350 Zusatzstoffe.) Wer soll das auf Dauer aushaken? Ein Anbau unserer Lebensmittel im Einklang mit der Natur, wie es Bioland, Demeter und viele andere ökologische Anbauverbände schon tun, ist ein Anfang. Solche hochwertigen, vitalstoffreichen Lebensmittel sollten wir frisch zubereiten und frisch verzehren, um dem Organismus Schutz zu bieten vor weiteren Angriffen. Aber nicht nur über die Nahrung kommen die Pestizide zu uns zurück. Ein Giftkreislauf schließt sich auch über die Holzwirtschaft. Die großen Mengen ausgebrachter Pflanzengifte in der Forstwirtschaft kommen - nach dem Fällen der Bäume und entsprechender Verarbeitung des Holzes zu Baustoffen und Möbeln - durch Ausdünstungen der Chlorverbindungen in den Häusern wieder auf den Menschen zurück. Die Folge: Er wird krank. Die Vermeidung dieses schleichenden Vergiftungsprozesses wird nur dann möglich sein, wenn der Gifteintrag in die belebte und unbelebte Natur durch den Menschen angehalten wird. Dann könnte sich langsam wieder ein Gleichgewicht zwischen der Welt der Natur und dem menschlichen Organismus einstellen. Wie heikel dieses Gleichgewicht ist, veranschaulicht folgendes Beispiel: Im Menschen stehen etwa 40 Billionen Zellen miteinander in einer sinnvollen Verbindung und Wechselwirkung. Sie kommunizieren über minimale chemische und elektrische Prozesse. Wie das möglich ist, ist heute nur ahnungsweise zu erklären: Das planvolle Zusammenspiel hat sich in vier Milliarden Jahren entwickelt.1 Denkt man nur daran, daß der Mensch in der Lage ist, tausendstel Gramm Moschus durch das Sinnesorgan der Nase wahrzunehmen, wird deutlich, wie hochsensibel das ganze System des Lebens ist. Hier unbedacht einzugreifen bedeutet Zerstörung. Deshalb gilt die umweltmedizinische Forderung: Deine Baustoffe sollen Deine Heilstoffe sein.
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Anmerkung 1)M. P. Jaumann in: I. Kolloquium, Würzburg 1993, DGUT e. V., Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie |
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Antje Bultmann Einleitung: Unser täglich Gift Erdbeeren unterm Weihnachtsbaum Kein Mensch weiß, weshalb Erdbeeren mit Aromastoffen und Farbstoffen geimpft werden. Ist es wirklich notwendig, in das Grundnahrungsmittel Brot Gips hineinzu-backen, Weizen zu bestrahlen oder der Wurst Um-rötungsmittel beizufügen? Und weshalb müssen Teppiche oder das Holz in einem Pferde- oder Kuhstall noch mit Gift behandelt werden? Solche Fragen ließen sich beliebig vermehren. Allein Spezialbedürfnisse anspruchsvoller Konsumbürger können hier nicht ausschlaggebend sein. Schmecken doch Kartoffelchips ohne Aromastoffe genauso gut, sind doch Plüschtiere ohne Azofarben mit krebserzeugenden aromatischen Aminen oder Männerhemden ohne Formaldehyd ebenso schön und riechen doch frischgelüftete Räume (vor allem auf die Dauer!) besser, als wenn man sie mit Hilfe von Duftsprays parfümiert. Chemie bestimmt unser ganzes Leben. Ihr ist es zu verdanken, daß Erdbeeren auch unterm Weihnachtsbaum liegen, Motten die Teppiche meiden, Lebensmittel lange halten. Doch das Chemiewunder hat seine Kehrseite, die nicht unmittelbar wahrnehmbar ist: Dioxine, Schwermetalle, Hormone, Antibiotika, Pestizide verseuchen Luft, Wasser und Boden. Angst vor dem mündigen Verbraucher? Weshalb werden nicht auf allen Waren, Bauteilen, Möbeln, Kleidungsstücken und Nahrungsmitteln usw. die chemischen Zusatzstoffe offen deklariert? Darauf gibt es nur eine Antwort: Bedenken könnten den Konsumenten veranlassen, eine Ware nicht zu kaufen. Das hätte wirtschaftliche Einbußen zur Folge. Wenn der Trend allerdings so weitergeht wie bisher und immer mehr Gift in die Nahrung, Kleidung, Möbel usw. gelangen, wird es später immer schwieriger, Kontrollen einzuführen. Man wird nicht wissen, wonach zu suchen ist. Über die Frage, ob eine Ware chemisch bearbeitet werden muß oder nicht, könnte gegebenenfalls noch diskutiert werden. Nicht allerdings darüber, daß jeder Bürger ein Recht darauf hat, sich zu informieren und sich die Waren auszusuchen, die er für richtig hält. Desinformationskampagnen über bestimmte Chemika-lien seitens der Industrie machen die Sache noch komplizierter. 1Wenn die Informations- und Entscheidungsfreiheit des Bürgers sabotiert wird, ist das eine Bankrott erklärung unserer Demokratie. Nicht jeder spürt die schädlichen Auswirkungen der Umweltgifte. Den Betroffenen sieht man - soweit die Intoxikation (Vergiftung) noch nicht weit fortgeschritten ist - äußerlich oft kaum etwas an. Schwerstbehinderte meiden den Kontakt mit der Öffentlichkeit. Viele Geschädigte verdrängen ihr Leiden, solange es irgend möglich ist. Etliche wollen die verseuchte Arbeitsstelle oder Wohnung nicht verlassen, obwohl ihnen bewußt ist, daß hier die Ursache für ihr Leiden liegt. Manche warten so lange, bis sie keine Chance mehr haben, wieder gesund zu werden. Und selbst in diesem Stadium gibt es Menschen, die die wirkliche Ursache nicht wahrhaben wollen. Ein Gärtner beispielsweise, den ich auf den immensen Pestizideinsatz in seiner Baumschule angesprochen hatte, verharmloste die Pflanzengifte und wehrte alles rundweg ab. Kurz darauf starb der Mann an Kehlkopfkrebs. Seine Familie macht trotzdem genauso weiter ... Am Gift scheiden sich die Geister Es wundert nicht, daß sich Außenstehende kein Bild machen können. Wer nicht betroffen ist, will sich die Stimmung nicht verderben lassen, urteilt oft vorschnell, ohne zu wissen, worüber er spricht. Andere meinen: »Alles ist halb so schlimm.« Eigentlich sollten die vielen Berichte über Betroffene all jene warnen, die bisher verschont geblieben sind. Schließlich sitzen wir ja doch alle im gleichen Boot. Während früher in den Medien nur ab und zu über Umweltskandale berichtet wurde, vergeht heute kaum eine Woche ohne neue Meldungen. Als Reaktion darauf kommt es jedoch weder zu einer erhöhten Wachsamkeit, noch wird nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Statt dessen spaltet sich die Öffentlichkeit in zwei Lager. Auf der einen Seite sind die Betroffenen und für die Sache engagierte Ärzte, Rechtsanwälte und Wissenschaftler, die zwar äußerst sachkundig sind, jedoch oft wenig Einfluß haben. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die selbst keine entsprechenden Erfahrungen gemacht haben und deshalb skeptisch sind, oder solche, die ein bestimmtes Interesse daran haben, daß Informationen über Schadstoffauswirkungen unterdrückt werden; oft verfügen sie über viel Einfluß und Geld. Auch der Spiegel läßt sich in einer Titelgeschichte »Feldzug der Moralisten«2 hämisch über Betroffene aus. Er bläst in das Hörn der Ignoranten, spricht von »vermeintlichen Opfern« und bezeichnet unliebsame Rufer in der Wüste als »Gutmenschen« mit »moralistischem Größenwahn«. Was sich da breitmache, sei eine »psychogene Massenreaktion«, zitiert der Spiegel den Münchner Toxikologen Thomas Zilker vom Klinikum Rechts der Isar. In dem Artikel ist weiter die Rede von »Hysterie«, »Neurosen« und »Depressionen«, die das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen in einer Studie als Ursache für Kopfschmerzen und Allergien festgestellt haben will. Nur waren die wenigen angewendeten klinischen Tests, mit denen die Gifte diagnostiziert werden sollten, völlig unzureichend. Hätten die Wissenschaftler (zwei Arbeitsmediziner, ein Psychologe, ein Psychosomatiker und ein Psychiater) u. a. Wohnung oder Arbeitsplatz auf Gifte untersucht und entsprechend den Ergebnissen die Blutuntersuchungen durchgeführt, wären sie sicher zu einem völlig anderen Ergebnis gekommen. Allerdings wäre ein solches sogenanntes Umweltmonitoring (Analyse von Schadstoffen in der Umwelt) vermutlich auf den Widerstand der Arbeitgeber der Betroffenen gestoßen, die in der Regel nicht gern verraten, mit welchen Schadstoffen Arbeitsplätze belastet sind. Blut- und Urinuntersuchungen auf ein paar zufällige Gifte heißt, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu suchen. Im übrigen sind viele Gifte weder im Blut noch im Urin, sondern nur in den Organen und im Fettgewebe nachweisbar. So verrät diese Studieallenfalls, daß es kaum Tests gibt, Umweltgifte nachzuweisen. Gerne hätte man auch gewußt, weshalb der Verfasser der Studie von vornherein die Fragestellung schwerpunktmäßig auf psychologische Probleme lenktefAuf den ca. 25 Seiten des Leitartikels findet sich im übrigen kein einziges plausibles Beispiel, das die These von den »Ökochondern« belegt. Zudem stelltjsich die Frage, weshalb der Spiegel zu dieser wichtigen Sache ein Institut (ohne es ausdrücklich zu nennen) zitiert, dessen Leiter, Professor Dr. Gerhard Lehnert, er an anderer Stelle scharf kritisiert hat.3 Dort schreibt er unter anderem: »Das Hamburger Sozialgericht bescheinigte dem Gutachter (gemeint ist Lehnert, die Hrsg.) 1989 in einem Prozeß, den die Witwe eines durch Dioxin vergifteten Boeringer-Arbeiters gegen die Chemie-Berufsgenossenschaft angestrengt hatte, >eine Interessengebundenheit<. Lehnert hatte die Beschwerden des von Chlorakne, Speiseröhrenkrebs, Muskelschwäche, Nervenleiden und Gehirnschwund gezeichneten Mannes nach Aktenlage als >alters- bzw. gefäßsklerosebedingt< beurteilt.« Lehnert, der mit der Holzschutzmittelfirma Desowag einen Beratervertrag habe, sei bekannt für seine Industriefreundlichkeit ... Man muß kein Nobelpreisträger sein, um zu erkennen, daß die oben zitierte Studie ganz auf der Linie seines Instituts liegt. Das sah auch der Verfasser, der Arbeitsmediziner Thomas Kraus, so. Er widmete einen Sonderdruck der Studie seinem Chef zum 65. Geburtstag. Unterstützt wird diese Sichtweise, die alles auf die Psyche reduzieren will, durch plausibel klingende Theorien, denen zufolge jedem körperlichen Leiden ein seelischer Konflikt zugrunde liegt. Danach führen verdrängte Wünsche und unbefriedigte Bedürfnisse - so meinen etliche Psychosomatiker und Psychiater - zu Symptomen wie Migräne, Bluthochdruck, Bauchschmerzen, Krebs usw. Besonders geeignet, diese Theorie zu stützen, sind Krankheiten, deren Ursache unklar ist und die zunächst mit herkömmlichen naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachzuweisen sind. Man denke zum Beispiel daran, wie lange Magenschleimhautentzündung fast immer als psychisch bedingt angesehen wurde. Die Aufwertung des Psychischen in unserer Zeit mag sicher berechtigt sein. Das sollte jedoch nicht dazu mißbraucht werden, Umweltsünden wegzudiskutieren. Nebelkerzen inmitten der Naturwissenschaft Wie sich beispielsweise nach dieser Neurosethese die Zunahme von Allergien oder der Neurodermitis bei Neugeborenen erklären läßt, ist höchst fraglich. Soll man vielleicht davon ausgehen, daß Mütter ihre Babys bereits im Mutterleib telepathisch mit ihren Ängsten psychogen indoktrinieren? Ein anderes Beispiel bringt der Mainzer Medizinstatistiker Jörg Michaelis. Der Wissenschaftler verbreitete allen Ernstes, daß eine »Radio-phobie«, sprich eine eingebildete Angst vor radioaktiven Strahlen, zu Leukämie führen kann. Er will nämlich eine erhöhte Leukämierate dort beobachtet haben, wo ein Kernkraftwerk erst in der Planung war.4 Auch wenn es an den Haaren herbeigezogen ist: Immer wieder taucht in Gutachten über Vergiftungsfälle die Beurteilung »demonstrative Symptomatik infolge konversionsneurotischer Fehlentwicklung« auf.5 Es sei hier unbestritten, daß es in Ausnahmefällen auch psychogen bedingte Allergien gibt. Um solche Fälle geht es in diesem Buch nicht. Manche Patienten haben jedoch neben einer psychischen Krankheit auch noch eine Allergie. Vor allem aber gibt es viele Menschen, die vergiftet sind und, aus der unerträglichen Situation ihrer Krankheit heraus, »schwierig« werden. Nachgewiesen ist darüber hinaus, daß Chemikalien und Schwermetalle beim Menschen irreversible Nervenschäden bewirken können. Wenn man den Versuchen des Wissenschaftlers Helmuth Müller-Mohnssen und seines Mitarbeiters Armin Tippe das ihnen gebührende Gewicht beigemessen hätte, wäre mindestens den heute Pyrethroidgeschädigten viel Leiden erspart geblieben (und den öffentlichen Kassen viel Geld). Schon im Mai 1984 wiesen die beiden Wissenschaftler in Experimenten an Wirbeltiernerven nach, daß diese durch Pyre-throid (ein angeblich »natürliches« Pestizid) irreversibel geschädigt werden.6 Darüber, welche Krankheitssymptome verschiedene Gifte anrichten und wo sie vorkommen, kann der Leser sich am Ende des Buches anhand der Tabelle von Klaus-Peter Böge und Mareke Wieben informieren. Vergiftete, deren Psyche sich verändert, erkennen das in aller Regel. Sie können die Realität sehr wohl wahrnehmen und haben eine genaue Erinnerung daran, wie sie früher agiert und reagiert haben. Wie schlimm es für manch einen Umweltkranken ist, zu merken, wenn der Kopf nicht mehr das tut, was er soll, nicht mehr das leistet, was er früher geleistet hat, das kann leider nur der Betroffene selbst ermessen. Viele schämen sich deswegen und versuchen ihren Zustand zu verheimlichen. Das Erlebte ist kaum kommunizierbar. Wer vermag das schon nachzuvollziehen? Die meisten toxisch Geschädigten entwickeln eine Multiple Chemical Sensibility (MGS), das bedeutet: eine vielfache Sensibilität auf Chemikalien aller Art. Wenn überall etwas ist, das krank macht, kommt leicht das Gefühl auf, daß man in dieser Gesellschaft unerwünscht ist, daß man kein Recht hat, zu leben, oder daß einem die Lebensqualität abgesprochen werden soll. Die allgegenwärtige, unsichtbare Bedrohung durch allergieauslösende Chemikalien verdichtet sich zu einer großen exi-stentiellen Angst. Nicht unberechtigt: Es gibt inzwischen zu viele Leichen am Weg. Ratsuchende sind verzweifelt, oft mißtrauisch, enttäuscht, vielleicht sogar aggressiv - was verständlich ist, wenn man bedenkt, welche Odyssee von Arzt zu Arzt sie oft hinter sich haben. Ihr Anliegen können sie dem Arzt gegenüber oft nicht in der erwarteten Gelassenheit äußern. Wenn dieser keine ausreichende Empathie, das heißt, nur ein unzulängliches Einfühlungsvermögen hat, wird er die Gefühlsausbrüche schnell als psychopathische Symptome werten. Aus solcher Situation allerdings dann noch den Schluß zu ziehen, daß Allergien und Vergiftungssymptome letztlich auf Hysterie und Neurosen beruhen, und flugs lediglich eine »Paranoia« (Verfolgungswahn) zu konstruieren, entbehrt jeder seriösen wissenschaftlichen Basis und Erfahrung. Hier werden Ursache und Wirkung vertauscht. Ganz schlaue Experten sprechen gar von einer »toxikopen« Psychopathie, soll heißen, einer ein-gebildeten Vergiftung. Und das, obgleich es - wie aus umfangreicher internationaler Literatur bekannt - inzwischen eine große Zahl von Giftgeschädigten gibt, die die gleichen Symptome haben. Sicher, der Arzt hat es auch nicht leicht. Dem Patienten ist meist äußerlich nichts anzusehen. Wie will er ihn von einem eingebildeten Kranken unterscheiden? So mancher hat keine Erfahrung mit Umweltkrankheiten und weiß über die einschlägige Diagnostik wenig Bescheid. In Unkenntnis werden selbst solche Patienten, die sich völlig adäquat verhalten, als Psychopathen deklariert, mit Psychopharmaka abgespeist und voreilig in die Psychiatrie überwiesen. So wird ein Patient, der verständlicherweise ohnehin am Ende seiner Kräfte ist, auch noch tief in seinem Selbstwertgefühl gekränkt. Neurotische Halbgötter in Weiß? Die Ignoranz vieler Ärzte, mit der sie Allergikern und Vergifteten gegenübertreten, ist auffällig. Etliche lassen sich in Gegenwart der Patienten sehr abfällig über andersdenkende Kollegen aus. Können sie ihre Hilflosigkeit oder Inkompetenz nicht verkraften? Oder handelt es sich um Verdrängungsversuche, frei nach Christian Morgenstern: »Und also schließt er messerscharf, daß nicht sein kann, was nicht sein darf«? Oder liegen dem Bedürfnis, solche Patienten in eine Psychiatrie zu überweisen, vielleicht neurotische Ängste und Machtbedürfnisse zugrunde? Oder führt die Angst, selbst davon befallen zu werden, dazu, daß Ärzte die Symptome nicht zur Kenntnis nehmen wollen? Unerträglich wird es, wenn ein Arzt - und sei es aus schierer Hilflosigkeit heraus - seine Position dazu ausnützt, den Patienten einfach abzuschieben. Wenn der schiffbrüchige Robinson Crusoe seinem Freund, dem Eingeborenen Freitag, vom Schnee berichtet hätte, würde der vermutlich wohl nur ungläubig gestaunt haben. Das wäre verständlich. Doch wenn ein Berliner Neurologe in einer Konferenz vor den versammelten Koryphäen der deutschen Arbeitsmedizin und Toxikologie behauptet, daß es keine Schädigungen durch das Insektizid Pyrethroid gibt, ist das ein unverzeihliches Wissensdefizit, das ihn als Facharzt disqualifiziert. Geradezu unglaublich mutet es an, wenn solch ein Arzt dann auch noch Weiterbildungskurse anbietet oder darüber Vorlesungen in der Universität abhält. Die Arzt-Patient-Beziehung ist nicht nur deshalb schwierig, weil Ärzte eine ihnen unbekannte Krankheit nicht wahrhaben wollen und sich deshalb entsprechend ablehnend verhalten. Manche sehen sich auch gern als Vertreter des Fortschritts der Menschheit und fühlen sich als Verfechter einer modernen Schulmedizin - wie Harald Theml in seinem Beitrag beschreibt - zur Treue gegenüber der Chemie verpflichtet. Sie meinen deshalb, ein gewisses Risiko für Gesundheit und Leben müßte hingenommen werden, wenn der Nutzen das rechtfertigt. Einmal abgesehen davon, wer hier den Nutzen hat und wer bestimmt, was das für ein Nutzen ist - wer mag schon als Patient zu einem Arzt gehen, der ihn im Hinterkopf gleichsam als Opfer der Zivilisation akzeptiert? Läßt sich etwa das Wohl des einen Menschen gegen das Leiden eines anderen aufrechnen? Nein, eine solche Güterabwägung kann es nicht geben, diese mehr oder weniger bewußte Unterscheidung zwischen Individuen, die ein Recht auf ein lebenswertes Leben haben, und denen, die das nicht haben, weil sie vielleicht anfälliger sind, ist nicht zu vertreten. Ansätze für andere, menschen- und naturfreundliche Lösungen finden sich in unserer reichen Gesellschaft überall. In Wirtschaft und Politik hat eine solche Güterabwägung daher nichts zu suchen. Erst recht nicht in einer Arztpraxis, selbst wenn der Arzt von sich meint, einer Elite in unserer Gesellschaft anzugehören und ein System schützen zu müssen, das den Vorrang des Starken vor den Schwächeren zu seiner Ideologie erklärt hat. Auch wohlmeinende, dem einzelnen Patienten zugewandte Arzte können ihr Fachwissen häufig nicht anwenden und mitunter keine eindeutige Diagnose stellen. Noch schwieriger ist es mit der Therapie. Selbst Ärzte, die sich in Umweltmedizin haben weiterbilden lassen, können oft nicht helfen. Das ist um so schlimmer für den Betroffenen, je schlechter es ihm geht. Alle nur möglichen Untersuchungen und Tests werden gemacht, Therapien ausprobiert, Kuren durchgeführt. Die Patienten aber können nicht begreifen, daß man ihnen womöglich einfach gar nicht helfen kann. Die ganze Situation rechnet sich mancher Arzt leicht als Mißerfolg zu. Er will nicht aus seiner Rolle als kompetenter Helfer aussteigen und will sich keine Blöße geben. Für ihn ist es auch nicht einfach, mit den existentiellen Ängsten der Patienten umzugehen. Ein Schritt zur Verbesserung der Beziehung wäre es, wenn der behandelnde Arzt auch bereit ist, vom Patienten zu lernen. Unerfüllbare Erwartungen der Geschädigten Es gibt allerdings auch Patienten, die mit ihrer Krankheit nicht fertig werden und das an ihrem Arzt auslassen. Sie stellen ihn auf ein Podest und erwarten, was niemand leisten kann. Werden ihre Erwartungen nicht erfüllt, werden sie aggressiv. Einige Arzte, die sich in der Umweltmedizin engagieren wollten, haben deshalb das Handtuch geworfen. Die Patienten sollten bedenken, daß Ärzte oft nicht nur den Angriffen enttäuschter Kranker ausgeliefert sind, sondern gleichzeitig auch von Berufsgenossenschaften oder Krankenkassen bedrängt werden, die ihre Diagnosen in Frage stellen und die Leistungen nicht zahlen wollen.Ein anderes Problem besteht darin, daß es sich schnell herumspricht, welche Ärzte sich in der Umweltmedizin engagieren und auf Seiten der Patienten stehen. Deren Praxen sind so überlaufen, daß sie dem Ansturm nicht mehr gewachsen sind. Mancher Arzt beginnt morgens um sechs und zieht erst abends um 22 Uhr seinen Kittel wieder aus. Gutachten, die die Berufsgenossenschaften zur Beurteilung von Intoxikationen in Auftrag geben, haben nur zu oft das gleiche vorhersagbare Ergebnis: Alle Ansprüche der Betroffenen werden in der überwiegenden Zahl der Fälle abgeschmettert. Man muß kein Hellseher sein, um die Gründe dafür zu erkennen. Auch wenn die Anträge auf Berufsunfähigkeit oder Frührente kreuz und quer durch die Bürokratie komplizierte Wege gehen und es oft Jahrzehnte dauert, bis ein gültiger Bescheid vorliegt, scheint jeweils vorher festzustehen, was dabei herauskommt. Einige der gängigsten Begründungen, bei denen umweltbedingte gesundheitliche Störungen und entsprechende neurotoxische Schäden nicht als solche anerkannt werden, lauten wie folgt (siehe auch den Beitrag von Peter Binz)
Die Aggressivität der Opfer ist verständlich. Ihr Leiden ist nicht schicksalsbedingt, sondern menschengemacht. Und dann haben sie es mit Arbeitsmedizinern zu tun, die meist - ohne praktische Erfahrung und ohne sie gesehen zu haben - ihre Diagnosen nach Aktenlage erstellen. Andere verfassen Expertisen, die nicht ihrem Spezialgebiet entsprechen. Aber selbst, wenn sie vom Fach sind, zeigen sich manche Ärzte erstaunlich ahnungslos. Den Betroffenen wird, obwohl sie ein Recht darauf haben, oft keine Einsicht in ihre Akten gewährt. Gegen derartige Gutachten anzugehen ist nervenaufreibend, kompliziert und hat wenig Aussicht auf Erfolg. Doch auch nicht jeder Vertreter der Berufsgenossenschaften ist mit dem jetzigen Berufsunfähigkeitsverfah-ren glücklich. Das Verfahren gilt als zu langwierig und aufwendig. Kritik wird auch an den Experten laut, weil sie die Gutachten viele Monate und länger herumliegen lassen. An die Politiker ergeht die Forderung, sie sollten sich eindeutiger ausdrücken und die Verordnungen im Sozialgesetzbuch so fassen, daß jeder weiß, woran er ist. Solange das allerdings nicht geklärt ist, müssen die Versicherungen, Berufsgenossenschaften usw. für den Schaden geradestehen. Die Betroffenen brauchen Geld zum Leben, und zwar mehr als der Durchschnittsbürger. Schließlich wollen sie alles für ihre Gesundheit tun, was noch möglich ist. Oft geben Betroffene ihr letztes Geld für Heilbehandlungen aus, die nicht von der Kasse übernommen werden. Solange es keine andere Lösung gibt, müssen die Berufsgenossenschaften darum für die Schäden am Arbeitsplatz aufkommen. Obgleich das Geld knapp ist, denken die Versicherungen in der Regel nur im Zusammenhang mit Autounfällen daran, sich von den Verursachern das Geld zurückzuholen. An Hersteller von Schadstoffen treten sie nicht heran, selbst in Fällen, wo Zusammenhänge zwischen dem Kontakt mit dem Schadstoff und der Krankheit erwiesen sind. Statt dessen bedienen sie sich per Beitragserhöhung bequem aus den Taschen der Versicherungsnehmer. Nicht nur ein bereits Erkrankter, auch ein Gesunder müßte bei begründetem Verdacht die Möglichkeit haben, vorsorglich seine Wohnung oder seinen Arbeitsplatz auf giftige Substanzen untersuchen zu lassen. In Düsseldorf testet die örtliche Innungskrankenkasse (IKK) in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt bei begründetem Verdacht die Wohnung aus. Das Geld für den »Gift-Check auf Rezept« ist gut investiert. Nach Aussage der IKK leiden bis zu 30 Prozent der Bevölkerung unter Auswirkungen von Innenraumgiften. Mit dem Test soll verhindert werden, daß aus akut Vergifteten teure Langzeitpatienten werden. Andere Versicherungen ziehen inzwischen nach. Hier müßten alle Versicherungen mitmachen - und sich selbstverständlich anschließend bei dem Schadensverursacher das Geld wieder holen. Eine Änderung wird unumgänglich sein, denn auf die Dauer werden die umfangreichen gesundheitlichen Schäden durch Intoxikationen für Versicherungen unbezahlbar werden. Wenn Patienten ihren gesundheitlichen Zustand verbessern wollen, müssen sie den größten Teil selbst dazu beisteuern, indem sie die Nahrungsgewohnheiten, die Wohn- und Arbeitsbedingungen umstellen. Das ist aus finanziellen Gründen oft kaum möglich und stößt auch sonst fast immer auf erhebliche Widerstände in der Familie, beim Vermieter oder Arbeitgeber. In einer verseuchten Wohnung ist es außerordentlich schwierig herauszufinden, wo die Schadensquelle ist. Sind es die Teppichböden, die Holzdielen, der Schrank, die Wandfarbe? Inzwischen gibt es verschiedene Umweltambulanzen, die eine Wohnung aus testen können. In schlimmen Fällen hilft nur die Entsorgung des kompletten Hausrats. Näheres erfährt der Leser in dem Kapitel »Tips für Geschädigte« von Volker Zapke. Werden neue Möbel, Teppiche, Kleidung angeschafft, muß erst umständlich recherchiert werden, ob darin nicht Gifte wie Permethrin, Deltamethrin, Lindan, Formaldehyd usw. enthalten sind. Qualitätssiegel sagen nicht immer etwas über Qualität aus. Wo Naturreinheit garantiert wird, liegt der Preis hoch. Zu der Belastung in Innenräumen kommt die Bedrohung von außen: Gärtnereien, Spenglereien, Industrieanlagen oder Müllverbrennungsanlagen - alles kann das Leben zur Qual werden lassen. Tausend Umständlichkeiten — heißt das Lebensqualität ? Für viele Vergiftete ist der Speisezettel kurz. Oft leiden sie unter verschiedenen Lebensmittelallergien. Eine bestimmte Diät muß eingehalten werden. Beim täglichen Einkauf muß darauf geachtet werden, was im Brot, im Saft, in tiefgefrorenem Fleisch, Gemüse usw. enthalten ist. Nicht nur pestizidbehandeltes Gemüse oder Obst muß gemieden werden, auch Lebensmittelzusätze wie Geschmacksstoffe, künstliche Färbemittel und Konservierungsstoffe. Trinkwasser ist heute ein verdünnter Chemiecocktail von Chlordioxid, Ozon, Chloroform, Pflanzengiften usw. So können aus Lebensmitteln allmählich und schleichend Tötungsmittel werden. Man denke daran, daß die griechische Kultur womöglich an Bleivergiftung zugrunde gegangen ist. Einladungen anzunehmen, auf
Feste zu gehen, soweit in diesem Zustand möglich, ist ebenfalls ein
Risiko. Wie reagieren wohl Gastgeber auf die Frage, was in der Mayonnaise
ist oder ob die Holzdecke mit Insektiziden behandelt wurde?/Aber es sind
nicht nur die Zusätze Besuche bei Bekannten und Freunden, die rauchen oder in belasteten Wohnungen wohnen, müssen je nach gesundheitlicher Disposition ausfallen. Viele Kranke ziehen sich aus ihrem Bekanntenkreis vollständig zurück. Manche schämen sich ihrer Krankheitssymptome wie übermäßiges Zittern, Schweißausbrüche oder Konzentrationsstörungen und trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Es gibt Geschädigte, die nur mit Atemmaske in die Stadt gehen oder kein Kaufhaus mehr betreten können. Reisen birgt ebenfalls Risiken. Wer weiß, ob nicht das Hotelzimmer - wie vielerorts üblich - mit Insektengiften ausgesprüht wurde? Spaziergänge führen womöglich durch frisch gespritzte Felder. Ein Umzug kann zum Horrorerlebnis werden. Woher im voraus wissen, ob die neue Wohnung und der neue Arbeitsplatz belastet sind? Soll man alles erst testen lassen? Wenn ein Vergifteter zusätzlich eine Infektion bekommt, hat er schlechte Karten. Viele MCS-Kranke sind gegen zahlreiche Medikamente allergisch. Sie vertragen kaum etwas von dem, was die Pharmaindustrie an Arzneimitteln anzubieten hat. Diese können Hautausschläge verursachen, Sehstörungen bewirken, sich auf Kreislauf und Herz schlagen oder Entzündungen an den Organen hervorrufen, Völlig unnötigerweise enthalten viele Medikamente Geschmacks- und Farbstoffe, werden Cremes künstliche Duftstoffe zugesetzt, die von Allergikern und Vergifteten nicht vertragen werden. Bis das richtige Medikament gefunden ist, vergeht wertvolle Zeit. Manche Betroffene müssen Wohnung und Arbeit aufgeben. Oft brechen die Familien auseinander. Die Kranken fallen durch das soziale Netz und enden in Hilflosigkeit, Verzweiflung und Desorientierung. Zu einer unheiligen Allianz schließen sich Politiker und Wissenschaftler, Arbeitsmediziner, Toxikologen, schadstoffproduzierende Unternehmen, Versicherungen und in ihrem Fahrwasser auch Behörden gegen die Vergifteten zusammen. Auch wenn hier keiner Verschwörungstheorie das Wort geredet werden soll: Im Ergebnis wirken alle diese Kräfte gegen den Kranken. In öffentlichen Sitzungen, Vorträgen und Diskussionen geben oft Vertreter der Industrie den Ton an, die jeden Vorhalt geschickt parieren, plötzlich über angebliche Wohltaten ihres Produktes in der Dritten Welt berichten oder belanglose Antworten geben, die alles und nichts sagen. Mitarbeiter der Berufsgenossenschaften verweisen meist darauf, daß nichts bewiesen und daher nichts daran zu ändern sei. Ihre Konflikte können die Vergifteten nicht allein bewältigen. Sie brauchen Anwälte, die ihr Anliegen kompetent in der Öffentlichkeit vertreten. In den letzten Jahren schießen Selbsthilfegruppen wie Pilze aus dem Boden. Einige haben sich etabliert, viele lösen sich kurz nach der Gründung wieder auf. Doch immer wieder entstehen neue. Der Bedarf ist da. Immer mehr Betroffene suchen dort den Rat und die Hilfe, die sie von staatlichen Stellen nicht bekommen. Selbsthilfegruppen leisten teilweise hervorragende Arbeit. Die, die eine effektive Arbeit nachweisen können, müßten kommunal unterstützt werden. Sie entlasten die öffentlichen Kassen und sparen den Versicherungen durch ihre Beratung viel Geld. Um ein wirkungsvolles Gegengewicht zu bilden, das auch politisch nicht über-gangen werden kann, müßte allerdings ein größerer Zusammenhalt unter den Gruppen entstehen. Trotz des Unrechts, das ihnen angetan worden ist: Das Wichtigste für die Betroffenen ist, sich um die eigene Gesundheit zu sorgen. Nur Wut auf die Industrie und politisches Engagement in eigener Sache machen niemanden gesund. Manche Therapien können das Leben erleichtern. Für den Erkrankten steht an erster Stelle: sich den richtigen Arzt zu suchen und gegebenenfalls das richtige Krankenhaus, das sich auf ihre Symptome spezialisiert hat und ökologisch eingestellt ist. Natürlich muß die Vermeidung von Giftstoffen bei Produkten, ihrer Behandlung und Herstellung im Vordergrund stehen. Die wissenschaftlichen Kriterien für Studien auf dem Gebiet der Umweltmedizin müssen angehoben werden. Es muß bei begründetem Verdacht auf Schadstoffe am Arbeitsplatz ein Arbeitsverweigerungs-recht geben. Der Unternehmer muß eine volle Produkthaftung übernehmen. Die Beweislast muß beim Verursacher liegen und nicht beim Geschädigten. In Japan beispielsweise gibt es vorläufig - bis eine bessere Lösung gefunden ist - einen Fonds, in den jeder Unternehmer, der mit Schadstoffen irgendeiner Art zu tun hat, Beiträge zahlen muß, um für eventuelle spätere Schäden aufzukommen Es gibt in jeder Berufsgruppe schwarze Schafe, und um die geht es hier. Es geht um bestimmte Ärzte, nicht um alle Ärzte. Es geht um bestimmte Gutachter, nicht um alle Gutachter. Es geht um eine bedenkliche Tendenz von Berufsgenossenschaften, Ansprüche von Geschädigten möglichst abzuweisen, nicht um alle Mitarbeiter der Berufsgenossenschaften. Vor allem aber geht es darum, die Opfer unserer vergifteten Gesellschaft selbst zu Wort kommen zu lassen und ihre Leiden endlich ernst zu nehmen. Nur wenn wir vor den Schäden unserer industriellen Lebensweise nicht länger die Augen verschließen, können Wege zu menschenfreundlichen Produktions-, Arbeits- und Lebensverhältnissen gefunden werden. Dazu ist es unabdingbar, ein Klima offener Auseinandersetzung zu schaffen, in dem auch die vielen kritischen Stimmen aus Berufsgenossenschaften, Unternehmen, Medizin und Wissenschaft sich offen äußern können, statt — aus Furcht um ihre Stellung — nur hinter vorgehaltener Hand. Verschwörungstheorien auf der einen Seite und Ökochonder-gesäusel und Besserwisserei auf der anderen Seite schaffen die Konflikte nicht aus der Welt. Auch totschweigen hilft nicht weiter. Sich den Problemen stellen und umdenken muß das Ziel sein. Schließlich kann schon morgen jeder selbst betroffen sein. An dieser Stelle möchte ich mich bei den vielen Einzelkämpfern, den Selbsthilfegruppen, den Ärzten und Wissenschaftlern bedanken, die mich mit Informationen und Adressen versorgt haben und ohne die das Buch in dieser Form nicht zustande gekommen wäre. |
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| Anmerkungen
Wer gute Erfahrungen mit Entgiftungs- und anderen Therapien gemacht hat, möge bitte der Herausgeberin schreiben: Knaur Verlag, Rauchstr. 9-11, 81679 München.Gefälligkeitsgutachten sammelt Professor Otmar Wassermann, Toxikologisches Institut der Universität Kiel, Brunswiker Str. 10, 24103 Kiel. 1.)
Auch die ganze Diskussion über die angebliche Naturidentität
von synthetischen Stoffen gehört hierher. Immer noch lassen sich Leute
täuschen, wenn ihnen der Kammerjäger mit Gasmaske beteuert, er
würde »bloß« den Naturstoff der Chrysantheme verwenden,
um Käfer oder Ameisen aus dem Haus zu vertreiben. Abgesehen davon:
In der Natur gibt es viele Gifte. Niemand würde z. B. auf die Idee
kommen, das Gift der Tollkirsche oder getrocknete Beeren der Eibe als Würzmittel
anzubieten.
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| I Grift am Arbeitsplatz | ||
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Martin Hofmann Ein
gelähmter Arbeiter und seine Gutachter
»Das
einzige, was nie
bestritten wurde, ist die Tatsache, daß er krank ist.«
Doch Beckmesserei soll mit den Einlassungen nicht betrieben werden. Auch ein angesehener Mediziner darf sich widersprechen und muß sich nicht an jeden niedergeschriebenen Satz erinnern, wenn er den gleichen Sachverhalt noch einmal bewertet. In dem Brief an den praktischen Arzt macht der Mediziner überdies auch darauf aufmerksam, daß die Chemikalie Frigen »bisher keine neurologischen Schäden« verursacht habe. Allerdings steckt die Leidensgeschichte des Albert G. (Name auf Wunsch der Familie geändert) zu sehr voller Widersprüche, Merkwürdigkeiten und Gegensätze, als daß Allzumenschliches sie erklären könnte. Dennoch haben sich der halbseitig gelähmte Mann, seine durchaus lebensbejahende Frau und die zwei inzwischen erwachsenen Kinder mit ihrem Schicksal fast vollständig abgefunden. Denn Nachforschungen, um die Hintergründe aufzudecken, verlaufen seit Jahren im Sand: Auf Unterlagen läßt sich nicht zurückgreifen, wichtige Papiere sind anscheinend verschwunden. Hat sie eine interessierte Seite aufgekauft, wie das Ehepaar mutmaßt? Beweisen läßt sich das nicht. Hinweise, daß die Vorfälle verschleiert wurden, finden sich aber genug. Mühsam, fast zentimeterweise schleppt sich der Mann aus der Wohnstube über den Flur. Voll konzentriert schiebt er sich an der Wand entlang, mit einer Hand hält er sich aufrecht. Schleifend zieht er das linke Bein nach. Seit fast 20 Jahren quält sich der gelernte Maschinenschlosser durch seine Dreizimmerwohnung. »Das einzige, was nie bestritten wurde, ist die Tatsache, daß er krank ist«, sagt Hilde G. Ihre Stimme klingt nicht bitter, eher nüchtern und traurig. »Von Anfang an war auch klar, daß man an der Lähmung nichts mehr ändern kann«, begegnet die Frau rasch der Vorstellung, es könne noch Hoffnung auf Heilung geben. Das Ehepaar würde sein Los auch mit Fassung tragen. Doch die ärztliche Diagnose läßt das kaum zu. Multiple Sklerose (MS) - »mit hoher Wahrscheinlichkeit« - lautet der Befund. Doch kann das sein? Nicht nur der Krankheitsverlauf läßt den geistig wachen Patienten und seine Angehörigen an diesem Urteil zweifeln. Sein Zustand hat sich in zwei Jahrzehnten nicht merklich verändert. Auch Erkrankungsschübe treten nicht auf, wie sie für rund 80 Prozent der MS-Opfer typisch sind. Gehört er eben zu dem übrigen Fünftel, dem diese Schmerzen erspart bleiben? Die Vorgeschichte zu seinem Leiden legt andere Schlüsse nahe. Achtzehn Jahre lang funktionierte Albert G. als treuer und zuverlässiger Mitarbeiter der Firma Bauknecht. In der Reparaturabteilung des Calwer Herstellers von Haushaltsgeräten — das Unternehmen hat inzwischen zweimal den Besitzer gewechselt - behob er zusammen mit rund zehn Kollegen Defekte an Kühlgeräten. Die Beschäftigten trennten Kupferrohre der Gefrieraggregate auf, erhitzten die Lötstellen mit Schweißbrennern, um sie aufzuwuchten, und ließen die Kühlflüssigkeit ab. Danach fahndeten sie in dem feingliedrigen Röhrensystem nach undichten Stellen: Sie leiteten dazu Stickstoff ein, um Risse und Löcher aufzuspüren, ersetzten schadhafte Leitungen, löteten unter hohen Temperaturen (bis 800 Grad Celsius) die Schwachstellen zu, entfernten die Luft aus den Rohren, füllten die Kühlflüssigkeit wieder ein und verschlossen das Leitungssystem. Albert G. setzte täglich bis zu zehn Geräte instand. Die Chemikalien, mit denen ständig hantiert wurde, haben einen ungewöhnlichen Bekanntheitsgrad erlangt: Fluorchlorkohlenwasserstoffe (kurz: FCKW) zersetzen in einem komplizierten Prozeß den dreiatomigen Sauerstoff, das Ozon, im Oberhaus der Erdatmosphäre. Durch diesen Ozonabbau gelangen mehr harte ultraviolette Strahlen der Sonne auf die Oberfläche unseres Planeten, schädigen die menschliche Haut und hemmen das Wachstum von Tieren und Pflanzen. Albert G. atmete das Kühlmittel - der Chemiekonzern Hoechst (Frankfurt a. M.) verkaufte es unter dem Handelsnamen Frigen - fast 20 Jahre lang an seinem Arbeitsplatz ein. Meist fünf Tage pro Woche. Seine Kollegen und er ließen das unbrennbare Gas aus mindestens zwei Dritteln der kaputten Kühlschränke frei in die Raumluft ab. Aus den übrigen Geräten war es schon zuvor in die Atmosphäre entwichen. Abgesaugt wurde die Chemikalie nicht. Lediglich ein Ventilator befand sich an einer Seitenwand der Werkstatt (das arbeitsmedizinische Gutachten spricht später von zweien). »Ständig herrschte in dem Raum ein beißend-stechender Geruch«, berichtet G. Durch das Ausblasen der Leitungen mit Stickstoff und Preßluft reicherte sich die Raumluft zusätzlich mit den Substanzen Frigen R 12 (Dichlordifluormethan) und R 22 (Monochlordifluormethan) an. Da die Lötflammen ständig brannten, dürften sich die beiden Stoffe auch in Chlor- und Fluorwasserstoff, Phosgen sowie elementares Chlor zersetzt haben. Nebenher trocknete G. häufig alte Gerätekapseln - 15 bis 20 Stück am Tag -, aus denen noch Frigen ausgaste. An Recycling dachte Bauknecht auch schon: Die Kupferleitungen wurden nach Reinigung in einem Tri-(Trichlorethen-) oder Per-(Perchlorethen-)Bad wieder verwendet. Auch diese Giftstoffe dürften sich in der Atemluft angereichert haben. Was genau an Gasen und in welcher Zusammensetzung durch den Raum schwirrte, weiß niemand. Von Messungen des Unternehmens haben die Beschäftigten nie etwas gehört. Lediglich ein Sicherheitsdatenblatt der Firma Hoechst für die Chemikalie (Frigen) empfahl, das Einatmen der Dämpfe zu vermeiden und Arbeitsräume gezielt zu entlüften. Die ersten Anzeichen von G.s Erkrankung reichen etwa ins Jahr 1967 zurück. Ausgedehnte Wanderungen des Schwarzwaldvereins konnte er nicht mehr so durchstehen wie gewohnt. »Ich spürte ein dumpfes Gefühl in den Beinen«, schildert er die Symptome. Diese Schwere in den Gliedmaßen nimmt in den folgenden Jahren zu. Gleichgewichtsstörungen treten auf. Auch der linke Arm fühlt sich schwer an, wird ungeschickt. Nach seinem Jahresurlaub 1975 sucht G. seinen Hausarzt auf. Dieser beruhigt ihn: »Das werden vorübergehende Streßerscheinungen sein.« Kurz vor seinem körperlichen Zusammenbruch konsultiert der Maschinenschlosser den Betriebsarzt. Dieser bescheinigt ihm nach der Untersuchung, er sei kerngesund. Kurze Zeit später ist der 41jährige gelähmt. Der örtliche Internist weist ihn stationär in die neurologische Universitätsklinik Tübingen ein. Er könne ihm nicht helfen. Sein Verdacht: Multiple Sklerose. Rund fünf Jahre - mit Unterbrechungen - wird G. in Tübingen untersucht. »Es gibt kein Körperteil, das nicht getestet, durchleuchtet, abgetastet wurde«, weiß Frau G. Selbst die Entnahme von Gewebeproben kann das Rätsel, wodurch die Lähmung ausgelöst wurde, nach Auskunft des behandelnden Neurologen, Professor Johannes Hirschmann, nicht lösen. Auch ein Computertomogramm - gefertigt an der Uni Ulm - bringt keinen Aufschluß. Gegenüber Frau G. betont Hirschmann, die Ursachen der Erkrankung seien nicht zu finden, ein Beweis, daß der eingeatmete Chemiecocktail sie ausgelöst habe, könne nicht erbracht werden. Nach weiteren Experimenten erklärt ein Uni-Kliniker: »Wir können nichts tun.« Daraufhin kehrt der Patient nicht mehr in die Klinik zurück. Ihm ist klar, daß die Schulmedizin ihm nicht helfen kann. Über Unterlagen der zahllosen Tests und Versuche verfügt die Familie damals nicht. Erst nachdem sie einen Rechtsanwalt einschaltet, erhält sie 1993 Einblick in einen Teil der Krankenakten, die jedoch nur spärlich Auskunft geben. An älteren Schriftstücken findet sich dort ein Befundbericht vom Februar 1980. Die Uni-Neurologen bestätigen darin: Ursache der Lähmung »dürfte am ehesten eine atypische Verlaufsform einer Enzephalomyelitis disseminata« (ausgebreitete Entzündung von Gehirn und Rückenmark) sein. Übersetzt heißt das: Multiple Sklerose. Da niemand exakt weiß, wie MS entsteht, wird diese Frage auch nicht beantwortet. Dafür war bereits 1975 in der Medizinischen Poliklinik der Uni Tübingen bei Herrn G. eine weitere Krankheit ungeklärter Ursache diagnostiziert worden: ein Morbus Boeck. Typisch für dieses Leiden sind ein Anschwellen der Lymphknoten, eine entzündete Regenbogenhaut des Auges und fleckige Verschattungen der Lungen. Diese Krankheit wurde mit der Höchstdosis Cortison bekämpft. Die Chemikalienbelastung am Arbeitsplatz wurde in dem Schreiben an den niedergelassenen Internisten im Heimatort des Patienten als mögliche Ursache nicht einmal erwähnt. Vorsichtiger äußert sich Hans Konietzko, damals Privatdozent, zwei Tage vor dem Arztbrief in einem Bericht an seine Neurologen-Kollegen: »Ich glaube nicht, daß sein derzeitiges Leiden auf die Expositionsverhältnisse am Arbeitsplatz zurückzuführen ist, kann es aber auch nicht sicher ausschließen.« Da die Frigene »als völlig ungefährlich« gelten, hebt der Arbeitsmediziner auf die Zersetzungsprodukte ab. Am Institut solle im Laufe eines Monats »experimentell« geklärt werden, ob aus den FCKW nicht doch »sehr gefährliche neurotoxische Schadstoffe entstehen können«. Stutzig macht Konietzko, daß vier weitere Arbeitskollegen von G. Frühinvaliden sind und ein anderer bereits 1974 gestorben ist. Dem Betriebsarzt habe er aufgetragen, die Diagnosen und die Todesursache der Beschäftigten zu ermitteln. G. mußte - wohl um die Versuche realitätsnah ablaufen zu lassen - den Arbeitsmedizinern bis ins Detail schildern, wie der Arbeitsraum aussah, welche Apparate wo aufgestellt waren und wie der Arbeitsprozeß ablief. Zuvor war nach seiner Darstellung ein Versuch der Tübinger Ärzte gescheitert, die Reparaturwerkstatt bei Bauknecht in Augenschein zu nehmen. Die Firmenleitung habe sie abgewiesen, versichert G. Über den Umgang der Mediziner mit ihm kann sich der halbseitig Gelähmte übrigens nicht beklagen. Im Gegenteil. »Wie in Watte gepackt« sei er sich vorgekommen. Prof. Hirschmann bemerkte gegenüber der Ehefrau zudem: Ihr Mann sei der einzige, der die zahlreichen medizinischen Untersuchungen psychisch durchstehe. Auch arbeitsrechtlich erledigt die Uni-Klinik alle Formalitäten für ihren Patienten. Rückwirkend zum 17. Mai 1976 wird er frühberentet. Den Schwerbehindertenausweis unterschreibt er am Krankenbett. Die Mediziner haben ihm das Formular besorgt. Mit einer Meldung als Berufskrankheit will Dr. Konietzko jedoch noch warten, wie er schriftlich vermerkt. Was ist aus den Vorhaben und Recherchen des Arbeitsmediziners geworden? Was ergaben die Experimente? Das Ehepaar hört nichts mehr davon. Da er sich wie ein Versuchskaninchen vorkommt, bricht G. - wie schon erwähnt - den Uni-Klinik-Aufenthalt resigniert ab. Zunehmend beschleicht ihn das Gefühl, niemand wolle ernsthaft die Hintergründe, die zu seinem Leiden führten, ergründen. Seine frühere Abteilung bei Bauknecht ist laut Beschäftigtenliste spätestens 1978 geschlossen worden. Frühere Kollegen berichten, daß nach G.s Erkrankung und vor Schließung der Werkstatt Herren des Hoechst-Konzerns im Calwer Werk ein und aus gingen. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Erstmals Zweifel an der Tübinger Diagnose - »am ehesten ist es MS« - meldet der Nervenarzt Dr. Brinkmann an. Er untersucht G. 1982 im Auftrag der Landesversicherungsanstalt (LVA) Baden, um ein Rentenkontrollgutachten zu erstellen. Den Nachweis eines Befalls der Hirnnerven sieht der Mediziner allein durch die elektrophysiologische Untersuchungsmethode der Uni-Nervenklinik als nicht erbracht an. »Die chronische Schadstoffexposition dürfte« als Auslöser für die schwere neurologische Störung des Patienten wahrscheinlicher sein, urteilt er. Als weiteren Anhaltspunkt führt Brinkmann den vollkommen gleichbleibenden Verlauf der Erkrankung an, räumt jedoch ein, daß dies auch bei MS möglich sei. (1988 teilt die LVA mit, dieses Gutachten könne sie dem Patienten nicht zusenden. Kurz darauf befindet es sich aber doch in seiner Rentenakte.) Nach einem von Brinkmann befürworteten Kuraufenthalt G.s in der Psychosomatischen Klinik Schloß Waldleiningen (Odenwald) empfehlen im Sommer 1983 auch die dort behandelnden Ärzte, der Frage einer berufsbedingten Schädigung von Rückenmark und Gehirn nachzugehen. Das Entstehen der Lähmung halten sie für nicht geklärt, MS nur für eine Verdachtsdiagnose. Drei Jahre später erwähnen die Mediziner nach einem weiteren Aufenthalt des Patienten, daß Untersuchungen auf MS nach wie vor ohne faßbares Ergebnis geblieben seien. Außerhalb seiner vier Wände sei G. inzwischen ausschließlich auf den Rollstuhl angewiesen. Nun nimmt sich G.s neuer Hausarzt, Dr. Thomas Allmendinger, seiner Sache an. Er wendet sich an Prof. Konietzko sowie an den Arbeitsmedizinischen Dienst der Berufsgenossenschaften in Pforzheim. Ersterer, inzwischen Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin der Universität Mainz, bittet Allmendinger Mitte Mai 1987, das Leiden als Berufskrankheit zu melden, obwohl er keine großen Chancen für eine Anerkennung sehe. Denn: Neurologische Schäden durch Frigene seien bislang noch nicht beobachtet worden. Sie könnten aber trotzdem existieren. Der Professor erwähnt auch, daß er 1981 die Arbeitsplätze besichtigt habe. Besonders auffällig seien sie ihm nicht erschienen, allerdings seien sie auch nicht mit denen von 1971 identisch gewesen. Eine merkwürdige Bemerkung. Drei Jahre zuvor war die Abteilung aufgelöst worden. Selbst die Wände der Werkstatt waren frisch gestrichen. Die Ärzte der Berufsgenossenschaften raten von einer Berufskrankheitenanzeige ab. Der Arbeitsmediziner Dr. Schmitt hält eine »durch Frigenexposition verursachte neurologische Systemerkrankung für wenig wahrscheinlich«. An der MS-Diagnose besteht für ihn kein Zweifel. Er warnt überdies vor dem »erheblichen Verwaltungsaufwand«, den eine solche Anzeige verursache. Sein Vorschlag: Die Problematik solle bei der zuständigen Berufsgenossenschaft (BG) für Feinmechanik und Elektrotechnik erst einmal informell abgeklärt werden. Die BG schaltet daraufhin ihren Berater, den Hamburger Arbeitsmediziner Prof. Dieter Szadkowski, ein. Seine »gründliche Literaturrecherche ergibt keinerlei Hinweise, daß die FCKW oder ihre Zersetzungsprodukte neurologische Erkrankungen verursachen können«. Erst ein halbes Jahr nach dieser Mitteilung erkundigt sich die BG bei Herrn G. schriftlich nach den Bedingungen an seinem früheren Arbeitsplatz. Doch sein Hausarzt wartet nicht mehr länger, sondern meldet G.s Leiden als Berufskrankheit. Sein Verdacht: Die Gase haben die Lähmung ausgelöst. Außerdem findet er in den Unterlagen der Tübinger Neurologen von 1975, 1976 und 1977 weder nach Untersuchungen der Hirnflüssigkeit noch nach der Auswertung des Computertomogramms Anhaltspunkte für das Bestehen einer MS. Prof Konietzko hatte dem Allgemeinmediziner zuvor schon angeboten, auf seine Voruntersuchungen zurückzugreifen. Doch welche meint er? Helmut Eisele, viele Jahre Sanitäter bei Bauknecht, kennt die Tübinger Experimente samt der Ergebnisse aus einem Schreiben des damaligen Privatdozenten an den Betriebsarzt der Firma. Da die Stelle bei Eingang des Briefes nicht besetzt war, oblag es Eisele, ihn zu öffnen. Darin schilderte Konietzko, daß Spinnen nach Begasen mit Frigen Lähmungen gezeigt hätten. Eine Ablichtung dieses Berichts hat Eisele auch dem Betriebsrat zukommen lassen. Doch sowohl der Betriebsrat als auch der Professor bestreiten die Existenz des Schreibens wie der Versuche. Der Sanitäter hält dagegen: »Ich hab das selber gelesen, bei vollem Bewußtsein.« Brief und Kopie sind verschwunden. So steht Aussage gegen Aussage. Um die Sache aufzuklären, besucht das Ehepaar G. das Arbeitsmedizinische Institut Tübingen. Konietzkos Kollegen lassen sich jedoch verleugnen. Am Telefon erklärt der Leiter, Prof. Friedrich Wilhelm Schmahl, er könne in der Angelegenheit leider nicht weiterhelfen: »Da war ich noch nicht in Tübingen.« Unterdessen läuft die Berufskrankheitenanzeige. Statt Monate, wie die BG dem Betroffenen in Aussicht gestellt hat, vergehen vier Jahre, bis der Fall G. entschieden wird. Was die Familie besonders verdrießt: Alljährlich, kurz vor Weihnachten, erhält sie einen Vordruck über den Stand des Verfahrens. Um es abzuschließen, fehle noch dieses Gutachten, dann jene Stellungnahme, heißt es da. Daß G.s Leiden schließlich nicht als Berufskrankheit anerkannt wird, versteht sich. Im neurologischen Zusatzgutachten urteilt Prof. Mayer (Uni Tübingen), MS sei »mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen«. Weil aber große epidemiologische Studien fehlen, könne mit letzter Sicherheit nicht ausgeschlossen werden, daß eine »chronische Exposition gegenüber Frigenen und deren Zersetzungsprodukten neurologische Spätschäden hervorrufen könnten«. BG-Berater Prof. Szadkowski interpretiert diesen Satz in seiner Stellungnahme als »salvatorische (hilfsweise) Klausel eines vorsichtigen Wissenschaftlers«. Durch den Nachweis spezifischer Antikörper habe der Neurologe MS als gesicherte Diagnose doch bestätigt. Eine neurotoxische Wirkung werde den FCKW nicht zugeschrieben, fährt er fort. Seine Kollegin Barbara Griefahn hingegen schreibt in dem Buch Arbeitsmedizin unter dem Stichwort »halogenierte Kohlenwasserstoffe« (FCKW): »Bei der chronischen Intoxikation (Vergiftung) ist fast immer mit einer deutlichen Affektion des Zentralnervensystems zu rechnen.« Prof. Konietzko schließt sich in seinem abschließenden Gutachten von 1992 allerdings dem Hamburger Urteil an: »Aufgrund toxikologischer Überlegungen ist es ganz unwahrscheinlich, daß diese Substanzen selbst in hohen Konzentrationen in der Lage sind, chronische neurologische Schäden hervorzurufen.« Er räumt ein: »Eine authentische Besichtigung der Arbeitsabläufe konnte 1981 nicht mehr erfolgen, da die Abteilung aufgelöst und die Räume weitgehend leer waren.« Auch im Handbuch Gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe werden Dichlordifluormethan (R 12) und Monochlordifluormethan (R 22) eine geringe Giftwirkung zugesprochen. Russische Autoren, heißt es in dem Standardwerk mit dem Untertitel Toxikologisch-arbeitsmedizinische Begründung von MAK-Werten (MAK = maximale Arbeitsplatz-Konzentration), berichteten, daß Arbeiter, die in Produktionsanlagen für R 22 beschäftigt waren, den höchsten Krankenstand unter den Mitarbeitern in FCKW-Betrieben aufwiesen. Häufig traten auf: Krankheiten des oberen Atmungsapparates sowie des kardiovaskulären (Herz und Gefäße) und des nervösen Systems. Zu R 12 merkt die Loseblattsammlung an, die Substanz verteile sich rasch ins Blut wie in die Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit. Das Gas werde auch von Körpergewebe aufgenommen. Experimente mit hohen Dosen (1500 Milliliter pro Kubikmeter Luft) hätten aber keine Vergiftungen bei Menschen gezeigt. Diese Versuche dauerten 14 Tage. Läßt dies den Schluß zu, daß jemand, der die leicht süßlich riechenden Chemikalien fast zwei Jahrzehnte lang in unbekannten Menge einatmete, dadurch nicht geschädigt wird? (US-Wissenschaftler berichten übrigens schon 1977 von einer 14jährigen, die nach intensiver Inhalation von Dichlordifluormethan starb.) Doch zurück zu Herrn G. und seinen Kollegen. Er versichert, daß bislang keiner, der in seiner Abteilung längere Zeit beschäftigt war, das Rentenalter erreicht habe. Vier Kollegen sind mittlerweile gestorben. Außer ihm selbst wiesen mindestens noch zwei Reparateure Lähmungen auf. Ein Zufall? Andere Kollegen leiden an rheumatischen Beschwerden, deren Ursache wohl nicht einwandfrei geklärt ist. Dennoch: Nach Prof. Konietzko steht bei dem zuerst Verstorbenen der Krankheitsbeginn in keinem zeitlichen Zusammenhang mit seiner Tätigkeit bei Bauknecht. Er starb mit 40 Jahren. Seine Krankheitsunterlagen sind nach Auskunft des Landesgesundheitsamts nicht auffindbar. Der andere Tote hatte laut Konietzko Diabetes, nach Auskunft seines Sohnes starb er an einem schweren Nervenleiden. Die Leiche wurde vom pathologischen Institut der Uni Tübingen obduziert. Einen Bericht darüber habe er nicht erhalten, schreibt der Mainzer Arbeitsmediziner. Dennoch reichte er für die Verstorbenen im November 1990 noch nachträglich Anzeigen über eine Berufskrankheit ein. Warum? Die ehemaligen behandelnden Arzte der übrigen erkrankten Mitarbeiter der Reparaturwerkstatt leben inzwischen nicht mehr, wie die Gesundheitsbehörde herausfand. Auch hier fehlen die Krankenakten. Bei einem Kuraufenthalt lernt G. einen Rollstuhlfahrer kennen, dessen Arbeit darin bestand, auf dem Stuttgarter Güterbahnhof Frigen umzufüllen — viele Jahre lang. Die Erkrankung gleicht der seinen. Doch auch dies spielt für die Anerkennung seines Leidens als Berufskrankheit keine Rolle. Der Bauknecht-Sanitäter Walter Eisele meint: »Erst wenn den Arbeitsmedizinern 10000 Fälle mit gleichen Umweltbelastungen präsentiert werden, akzeptieren sie diese als Berufskrankheit. Dabei ist die Berufsgenossenschaft gerade auch für Einzelschicksale da.« Die Sozialminister der Bundesländer sehen das genauso. Sie verabschiedeten am 14. Juli 1995 im Bundesrat einen Gesetzentwurf, nach dem kein eindeutiger Nachweis mehr geführt werden muß, ob Belastungen am Arbeitsplatz zu einer Erkrankung führten. Mit »hinreichender Sicherheit« müsse feststehen, daß »die Krankheit durch die besonderen Bedingungen des Arbeitsplatzes verursacht ist«, um als Berufskrankheit anerkannt zu werden. Das baden-württembergische Arbeitsministerium begründet diese Initiative damit, daß 1993 von 5929 Anträgen nur 10,7 Prozent als entschädi-gungspflichtig anerkannt wurden — so wenig wie nie zuvor. Die Arbeitsmediziner leisten - bei einem satten Zubrot für ihre Gutachtertätigkeit - ganze Arbeit. Der Bundestag hat dem Vorhaben der Länder übrigens noch nicht zugestimmt. Herrn G. dürfte der Vorstoß ohnehin kaum noch etwas nützen, obwohl er Widerspruch gegen den Bescheid der Berufsgenossenschaft eingelegt hat. Er wird sich mit seiner bescheidenen Erwerbsunfähigkeitsrente und der Gewißheit, von den Ärzten als Versuchsobjekt benutzt und fallengelassen worden zu sein, weiter durchs Leben schleppen. |
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| II Wohngifte | ||
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Jörg Rheinländer »Die
glauben alle, du gehörst in die Klapse«
Wieder einmal hofft Ursula Marquard. Eine Fachklinik in Nordfriesland für Patienten mit Pestizidbelastung und damit einhergehenden psychischen Problemen ist der neue Strohhalm, an den sich die 32jährige Wiesbadenerin klammert. Einer der Umweltmediziner, die sie behandeln, hat ihr den Aufenthalt empfohlen. Die Kasse wird die Kosten tragen - das ist wenigstens etwas. Ein neuer Versuch, mit einer Krankheit fertig zu werden, die jahrelang niemand ernst genommen hat und die heute noch viele für Einbildung halten. »Es ist eine Rennerei für nichts«, sagt Ursula Marquard. »Von Amt zu Amt, von Arzt zu Arzt. Und keiner glaubt es einem. Eigentlich wollte ich alles hinschmeißen.« Daß ihr zum Heulen zumute ist, muß sie nicht sagen: Das sieht man. Längst ist es nicht mehr Wut, sondern das Gefühl der Ohnmacht, das sie so fertigmacht. Ratlosigkeit: Das Wort beschreibt am besten den Zustand, in dem sich die junge Frau befindet. Wenn sie von ihrer Krankheit erzählt, dann muß sie oft nach Worten suchen; nicht selten bleibt sie mitten im Satz hängen, hat Schwierigkeiten, sich zu erinnern, über was sie gerade gesprochen hat. Auch das sind Folgen der Vergiftung, die Ursula Marquards Leben radikal verändert hat. Angefangen hat die Leidensgeschichte 1987, kurz nachdem die Kammerjäger in ihrer damaligen Wohnung in Wiesbaden gewesen waren. Schon bald danach begannen
die Beschwerden. Zuerst
Eine Erklärung für diese Symptome hatte keiner. Der Hausarzt, der Ursula Marquard behandelte, vermutete Hausstaubmilben als Verursacher der Beschwerden. Gegen die war dann auch die Therapie gerichtet. Ein Erfolg stellte sich nicht ein. Die Beschwerden blieben. Zwar fand auch der Arzt es seltsam, daß Besucher der Wiesbadenerin über dieselben Symptome klagten, solange sie in der Wohnung waren, und daß die Probleme wieder verschwanden, sobald sie ihren Besuch beendet hatten. Doch auf die Idee, nach anderen Ursachen für den Zustand von Ursula Marquard zu suchen, kam er nicht. Schließlich war sie selbst es, die den Verdacht hatte: Irgendwie mußte das Gift für ihre Krankheit verantwortlich sein, das die Kammerjäger in ihrer Wohnung versprüht hatten. Gegen den Kugelkäfer, den die Schädlingsbekämpfer in dem Wiesbadener Haus gefunden hatten, sprühten sie im regelmäßigen Abstand von drei Monaten ein Insektizid, dessen aktiver Bestandteil Permethrin aus der Gruppe der Pyrethroide ist: ein Stoff, der über die Atemöffnungen von dem Ungeziefer aufgenommen wird und dessen Nervensystem angreift. Bei den Käfern führt die chemische Keule zu einem schnellen Tod. Pyrethroide sind die chemischen Nachbauten eines Naturstoffs. Pyrethrum wird seit Jahrhunderten aus den Blüten von Chrysanthemen gewonnen. Es ist das älteste vom Menschen eingesetzte Insektengift der Welt. Seit dem Ende der siebziger Jahre ist der Ersatzstoff aus der Industrie im Handel. Die Pyrethroide haben aus Sicht der Hersteller und der professionellen Anwender, also der Kammerjäger, einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Naturpyrethrum: Sie sind nicht empfindlich gegen UV-Strahlen. Das bedeutet nichts anderes, als daß das Retortengift auch dann besonders langlebig ist, wenn Licht einwirkt. Vorteil für die einen, Nachteil für die anderen: Denn wo das Gift erst mal ist, da wird man es so schnell nicht wieder los. Der Stoff bleibt jahrelang da, wo man ihn hingesprüht hat: in Ritzen und Ecken, an schwer zugänglichen Stellen, da eben, wo auch die Schädlinge sich gerne verstecken. Und was lange hält, das kann auch lange wirken.» Das Gift funktioniert so, daß die Weiterleitung von Impulsen in den Nerven unterbrochen wird«, sagt Doktor Michael Gagelmann vom Institut für Ökotoxikologie in Heidelberg. »Das Schlimme ist: Die Pyrethroide wirken bei Warmblütern genauso wie bei Insekten.« Spätestens seit den Versuchen des Medizinprofessors Helmuth Müller-Mohnssen könnte diese Erkenntnis Gemeingut sein. 1984 hatte der Wissenschaftler am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit im bayerischen Neuherberg eine Untersuchung im Auftrag des damals noch als Gemeinschaftsinstitut existierenden Bundesgesundheitsamtes durchgeführt. Er isolierte Nervenfasern von Fröschen und setzte sie einer Nährlösung aus, die mit Pyrethroiden angereichert war. Ergebnis: Die Pyrethroide blockierten die Übertragung von Informationen in den Fasern. Müller-Mohnssen ging noch weiter. Er versuchte, die Nervenstränge wieder von den Giftstoffen zu reinigen. Das gelang ihm aber nicht. Die Folgerung daraus war mindestens ebenso brisant wie das erste Ergebnis seiner Versuche. Denn sie ließ nur einen Schluß zu: Die Pyrethroide reichern sich im Körper an und sorgen so für Langzeitschäden. Trotz dieser Untersuchungen blieben die Pyrethroide weiter im Handel. Das Bundesgesundheitsamt hielt die Schlüsse, die Müller-Mohnssen aus seinen Versuchen zog, wohl nicht für stichhaltig genug. Auch im Bonner Gesundheitsministerium gab es keine Reaktionen. Ursula Marquard ging zu mehreren Ärzten und teilte ihnen ihren Verdacht mit- ohne Erfolg. »Die hielten das für ausgeschlossen. Die haben mir alle gesagt, das Mittel wirke nicht beim Menschen.« Auch das zuständige Gesundheitsamt untersuchte die Patientin. Die Symptome ließen sich nicht verleugnen. Nur die entsprechenden Schlüsse wollte keiner ziehen. Auch hier setzte man auf Beschwichtigung. Das Mittel sei nicht gefährlich, hieß es. Damit war der Fall für das Gesundheitsamt erledigt. Statt Hilfe zu bekommen mußte Ursula Marquard erfahren, was es heißt, wenn die Ursachen einer Erkrankung nicht auf den ersten Blick zu definieren und herzuleiten sind. »Die glauben alle, du gehörst in die Klapse<, sagt sie heute bitter. Dabei sprach immer mehr dafür, daß die Vermutung vonUrsula Marquard richtig war. Denn irnmer dann, wenn sie sich nicht in ihrer Wohnung aufhielt, ging es ihr zumindest zeitweise besser. Ein Jahr nach der Schädlingsbekämpfung machte sie Urlaub an der Ostsee - die Symptome waren viel weniger heftig. Manchmal, wenn es ihr besonders schlecht ging, wohnte sie bei Bekannten - und fühlte sich ganz gut. Kaum aber war sie zurück in den eigenen vier Wänden, begannen die Leiden von vorne. Daß keiner der behandelnden Ärzte von Ursula Marquard auf die Idee kam, das Insektengift mit den Krankheitssymptomen in Verbindung zu bringen, muß einen nicht einmal wundern. Es gibt kein spezifisches Krankheitsbild, das eindeutig auf eine Vergiftung mit Pyrethroiden schließen läßt. Infektanfälligkeit, Schwäche, Lethargie, Erkrankungen der Atemwege und Bronchien, Augenreizungen, Benommenheit, Übelkeit und Erbrechen, Akne, Ekzeme, Hautjucken, Koordinationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen, Krämpfe, Muskelschmerzen, Schleimhautreizungen, Schwindel, Unruhe, Erregbarkeit, Zittern: Die Liste der Symptome ist ebenso lang wie unvollständig und läßt auf den ersten Blick kaum Schlüsse darauf zu, was einen Patienten wirklich krank gemacht hat. Da zudem nicht jeder Betroffene die gleiche Kombination von Krankheitssymptomen entwickelt und die Beschwerden sich mit der Zeit ändern, ist es in der Tat schwierig, die wahre Ursache zu erkennen. Wenn man dazu noch in Rechnung stellt, daß viele Kranke nicht wie Ursula Marquard selbst auf die Idee kommen, daß ihre gesundheitlichen Probleme mit dem Versprühen von Gift in ihrer Wohnung zu tun haben könnten, dann ist der Arzt überfordert. Er kann die Ursache der Erkrankung nicht finden. Doch selbst wenn ein Patient die Vermutung hat, daß er mit den Insekten gleich mitvergiftet worden ist, kann der eindeutige Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung kaum hergestellt werden. Pyrethroide sind nur selten im Blut oder im Urin analytisch nachgewiesen worden. Das macht die Argumentation für die Verharmloser einfach. Die sitzen vor allem in der chemischen Industrie. Dort will man sich das lukrative Geschäft mit den Insektenkillern nicht verderben lassen: Außerdem könnten Geschädigte ja vor Gericht gehen und Schadenersatz verlangen. Das wird zwar in Deutschland nicht so teuer wie beispielsweise in den USA. Trotzdem soll das vermieden werden. Tenor in der chemischen Industrie also: Es gibt keine Beweise für chronische Erkrankungen nach dem Gifteinsatz - also spielen sich die Beschwerden nur in der Phantasie der Erkrankten ab. Die Muster kommen einem bekannt vor. Wenn die Zahl von Leukämiefällen in der Nähe eines Atomkraftwerkes erhöht ist, behaupten die Betreiber, daß es sich um einen bloßen Zufall handelt. Frauen, die nach der Implantation von Silikon-Brustkissen an Immunschwäche leiden, bekommen von Herstellern und Ärzten immer wieder vorgehalten, daß die Implantate absolut reizlos und infolgedessen nicht der Auslöser ihrer Krankheit seien. Weil auch in diesen Fällen niemand nachweisen kann, daß Ursache und Wirkung eindeutig miteinander verknüpft sind, bleibt der Schwarze Peter bei den Kranken. Nicht anders ergeht es Ursula Marquard nun seitJahren. Inzwischen ist „ihre Erkrankung so weit fortgeschritten, daß sie keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen kann. Früher arbeitete die Wiesbadenerin als Angestellte bei der Post. Dort mußte sie kündigen, nachdem ihre Erkrankung immer schlimmer geworden war. Heute schlägt sie sich mit Sozialhilfe durchs Leben. Mit der Krankheit kam auch der soziale Abstieg. »Ich will ja gerne wieder richtig arbeiten«, sagt sie. »Aber finden Sie mal einen Arbeitsplatz, wenn Sie so angeschlagen sind wie ich.« Manchmal bekommt sie einen Job. Doch meistens ist sie schon nach kurzer Zeit so gestreßt, daß sie die Arbeit wieder aufgeben muß. Durch die ständigen körperlichen Beschwerden ist sie inzwischen auch psychisch so belastet, daß jeder Versuch, ein ganz normales Leben zu führen, schnell zu Ende ist. Ihre Tochter lebt inzwischen in einem Heim. »Ich war durch meine Krankheit oft so gereizt, das war nur noch Streß für uns beide. Manchmal habe ich einfach rumgebrüllt - obwohl ich das gar nicht wollte. Ich bin überhaupt nicht mehr tolerant, alles nervt mich sofort.« Früher, sagt Ursula Marquard, war das nie so. Die Resignation ist ihr deutlich anzumerken. Daß die Tochter unter den psychischen Problemen der Mutter litt - keine Frage. Dazu kommt noch, daß auch sie deutliche Symptome der Schädigung durch die Pyrethroide zeigt, weil sie natürlich in derselben Wohnung wie ihre Mutter auch derselben Belastung ausgesetzt war. Konzentrationsschwierigkeiten und Müdigkeit in der Schule führten schließlich dazu, daß das Kind immer verhaltensauffälliger wurde. Es versuchte auf diese Weise, die Aufmerksamkeit zu bekommen, die andere Kinder durch gute Leistungen erzielten. So kam es, wie es kommen mußte. Heute geht die Tochter auf eine Sonderschule: Das gesellschaftliche Aus, noch bevor das Kind überhaupt eine Chance gehabt hätte, daran etwas zu ändern. Professor Helmut Müller-Mohnssen, der in seiner Kartei mehrere hundert Krankengeschichten von Pyrethroid-Opfern gesammelt hat, hat Ursula Marquards Beschwerdeprofil mit seinen Erkenntnissen verglichen. Seine Einschätzung läßt keine Zweifel zu. Die neurologischen Störungen der jungen Frau und ihrer Tochter weisen klar auf eine j:hronische Vergiftung mit Insektiziden hin. Dafür spricht nach Ansicht des Mediziners auch, daß bei einer Analyse des Staubs aus der früheren Wohnung der Patientin das Pyrethroid Permethrin in einer hohen Dosis gefunden wurde: 27 Milligramm pro Kilo Staub. Eine Größenordnung, die um ein Vielfaches höher liegt als die Empfehlung, die das frühere Bundesgesundheitsamt für Innenräume vorgegeben hat. Die Berliner Behörde sah ein Milligramm pro Kilo Staub als die höchste zulässige Konzentration vor. Daß Ursula Marquard schon vor dem Einsatz der Kammerjäger in ihrer damaligen Wohnung den gefährlichen Pyrethroi-den ausgesetzt war, erhöht noch die Plausibilität der Symptome, die die Frau entwickelt hat. Einige Jahre lang hatte sie mit Elektroverdampfern versucht, Mücken aus ihrer Wohnung fernzuhalten. Der Wirkstoff dieser Insektentöter, die man einfach in eine Steckdose steckt: Pyrethroide. Durch Hitzeeinwirkung wird das Gift verdampft. Die Bewohner der Räume sind ständig einer großen Dosis des Gifts ausgesetzt. Da es oft Jahre dauern kann, bis ein Mensch Symptome zeigt, ist es nicht verwunderlich, daß Ursula Marquard erst dann reagierte, als mit dem Kammerjägereinsatz die Giftmenge in ihrer Wohnung drastisch erhöht wurde. Müller-Mohnssens Fazit: Das Krankheitsbild enthält »objektive Hinweise für das Bestehen eines Kausalzusammenhanges zwischen der Insektizid-Exposition und den geklagten Beschwerden einer chronischen Insektizid-Intoxikation«. Er ist nicht der einzige, der den Fall Marquard so beurteilt. Der Trierer Nervenarzt Peter Binz, ebenfalls ein anerkannter Fachmann, kommt zum selben Ergebnis. Bei ihm ist die Frau aus Wiesbaden seit 1993 in Behandlung. Schon bald stellte er fest, daß Ursula Marquard »schwere Leistungsschäden, (...) vor allem auf sprachlichem Gebiet«, hat. »Es handelt sich nicht um eine angeborene, sondern offensichtlich um eine erworbene Schädigung.« Binz geht noch weiter. Er attestiert der Frau eine »Multiple Chemical Sensibility (MCS), das heißt, die Zahl der Stoffe, auf die sie schwere Reaktionen hat, wird immer größer, und die Auslöseschwelle wird immer geringer«. In den USA wird diese Überempfind-lichkeitsreaktion auf geringste Mengen chemischer Stoffe schon lange beobachtet und ernst genommen. Einer der größten Kritiker des Einsatzes von Pyrethroiden, Professor William Rea vom Environmental Health Center in Dallas, hat seit Jahren Patienten mit diesem Syndrom (vgl. Zeitung für Umweltmedizin, Nr. 8, Heft 1/1995). Seine Therapieempfehlungen reichen von möglichst giftfreien Wohnräumen über pestizidfreie Nahrung, den Verzicht auf gechlortes Wasser auch bei der Körperreinigung bis hin zu erhöhten Gaben von Vitaminen, Mineralien und Aminosäuren. Vorschläge, die die Ärzte auch Ursula Marquard gemacht haben. Und die sie befolgt hat - soweit ihr das möglich war. Immer wieder ist sie umgezogen, insgesamt dreimal. Raus aus der pyrethroidverseuchten Wohnung: Das war noch relativ einfach. Aber alle Möbel wegwerfen, die gesamte Kleidung austauschen: Das war nicht drin. Eine solche Radikallösung konnte sich die kranke Frau einfach nicht leisten. Stühle und Tische, Sofas und Regale hat sie gründlich gereinigt, das mußte genügen. Erst jetzt, in Wohnung Nummer drei, geht es ihr etwas besser. Vielleicht auch deshalb, weil sie inzwischen viele Möbel verkauft hat. Nicht, weil sie sich neue hätte leisten können. Ganz im Gegenteil: Sie hat sie verkauft, um wieder ein paar Mark flüssig zu haben, damit sie die laufenden Kosten decken kann - einkaufen gehen im Supermarkt oder die Telefonrechnung zahlen, damit ihr der Anschluß nicht wieder gesperrt wird. Auch die Vitamine sind eigentlich zu teuer, als daß die Sozialhilfeempfängerin sie zahlen könnte. Die Krankenkasse jedenfalls tut es nicht, obwohl die Notwendigkeit von Ärzten bescheinigt ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Vorschlag, auf gesunde, möglichst unbelastete Lebensmittel aus biologisch-dynamischem Anbau umzustellen. »Wie soll ich das denn machen mit den paar Mark, die ich habe«, fragt Ursula Marquard. Eine gute Therapie im Alltag ist auch eine Frage des Geldes. So entsteht ein regelrechter Teufelskreis. Weil die billigen Lebensmittel, weil die Möbel und die Kleidung aus dem Discount mehr Schadstoffe enthalten, reagiert die Patientin mit den bekannten Symptomen. Je schlimmer die Krankheit, desto weniger aber ist die Frau in der Lage, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Also fehlt ihr im Endeffekt das Geld, das nötig wäre, um Schadstoffe in ihrer Umgebung bewußt zu vermeiden. Wer sich Gesundheit nicht leisten kann, der hat eben Pech gehabt. Das Problem mit den Pyrethroiden hätte längst anders behandelt werden müssen, dann wäre Menschen wie Ursula Marquard ihr Schicksal vielleicht erspart geblieben. So können bis heute Schädlingsbekämpfer das gefährliche Gift sprühen, ohne daß die Anwendung in irgendeiner Weise reglementiert wäre. Viele erzählen den Kunden nach wie vor, daß die Präparate »mindergiftig« seien. In Wiesbaden war das nicht anders. Auf die Frage, ob sie ihrer Pflicht nachgekommen sei, die behandelten Wohnungen nach der Sprühaktion und einer angemessenen Einwirkzeit wieder zu dekontaminieren, also von dem Gift zu befreien, antwortete eine Mitarbeiterin der beauftragten Firma, daß das nicht nötig sei: »Das baut sich innerhalb von ein paar Tagen ab. Außerdem kann es nicht nach außen dringen, das bleibt, wo es ist. Und die saubere Hausfrau putzt da sowieso drüber.« Bis auf letzteres stimmt davon nichts. Das zeigt, wie schlecht ausgebildet Kammerjäger in Deutschland sind. »Kammerjäger wird man, indem man sich einen Gewerbeschein besorgt«, sagt Michael Gagelmann vom Institut für Ökotoxikologie in Heidelberg. »Dazu muß man keinerlei Qualifikation nachweisen. Der Verband der Kammerjäger macht zwar Fortbildungsveranstaltungen. Teilnehmen muß daran allerdings keiner.« In anderen Ländern ist man da längst weiter. In Ungarn etwa dürfen nur Ärzte, Biologen oder Chemiker Schädlinge mit der chemischen Keule bekämpfen. Es muß ja nicht gleich ein Hochschulstudium sein. Aber eine geregelte Ausbildung für einen so hochsensiblen Job sollte es auch in Deutschland geben. Unverständlich ist auch, daß sich im Drogerie-Supermarkt jeder mit den verschiedensten Pyrethroid-Präparaten für den privaten Gebrauch eindecken kann, ohne daß das Gefährdungspotential der Sprays oder der bereits erwähnten Elektroverdampfer auch nur annähernd präzise beschrieben wird. Da werben die Hersteller bis heute mit Slogans in großen Lettern wie »einfach und zuverlässig« oder »zeitgemäß - gezielt wirksam« auf den Verpackungen. Erst im Kleingedruckten weisen sie darauf hin, daß die Wirkstoffe von Nahrungsmitteln ferngehalten werden sollen und daß bei Mißbrauch Gesundheitsschäden drohen. Daß der Mißbrauch jedoch bereits beginnt, wenn man die Mittel ganz regulär einsetzt, das steht auf keiner Packung. Bei den Pyrethroiden kommt noch dazu, daß die Industrie bewußt mit dem Prädikat »Bio« hantiert. Schließlich handele es sich bei dem Gift um einen dem »natürlichen« Pyrethrum nachempfundenen »naturnahen« Stoff. So wird der Verbraucher in die Irre geführt. Denn die meisten setzen »naturnah« mit ungefährlich gleich. Eine Quelle für Pyrethroide, die bis heute den wenigsten bekannt ist, sind Teppiche und Teppichböden. Fast alle, die aus Wolle hergestellt sind, werden in Deutschland mit Permethrin behandelt. Das soll die Motten fernhalten. Mehr als zweieinhalb Tonnen (!) des Giftes werden so jährlich in Deutschlands Wohnstuben und Schlafzimmer transportiert. Aufgeschreckt von diesen Zahlen hat das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, das früher ein Teil des Bundesgesundheitsamtes war, die Initiative ergriffen. Anfang 1995 veranstaltete es eine Anhörung zum Thema Pyrethroide. Teppiche, die mit dem Gift behandelt wurden, sollten deutlich gekennzeichnet werden; Bekleidung sollte gar nicht mehr mit dem Stoff besprüht werden; Laien sollten keine Pyrethroide mehr kaufen können, die lange Zeit wirken: Das sind einige der Empfehlungen, die am Ende der Anhörung standen. Eigentlich hätte all das schon längst eine Selbstverständlichkeit sein müssen. Passiert ist allerdings noch immer nichts. Die meisten Mittel unterliegen nach wie vor keiner Zulassungspflicht. Das heißt aber auch, daß sie nicht von staatlichen Stellen kontrolliert werden, bevor sie auf den Markt kommen. Auch das wird wohl vorerst so bleiben. Für die jetzt schon schwer Geschädigten käme sowieso jede Regelung zu spät. Damit die Menschen in den Gesundheits- und Sozialämtern begreifen, daß Ursula Marquard keine Simulantin ist und ihre Krankheit nicht vortäuscht, werden sich noch viele Experten lautstark zu Wort melden müssen. Manchmal, wenn die Krankheit ihr sehr zu schaffen macht, wenn sie das Gefühl hat, daß sie eigentlich keinen Raum mehr betreten kann, ohne daß sie auf die eine oder andere chemische Substanz reagiert, dann kann Ursula Marquard nicht einmal mehr an den letzten Strohhalm glauben, die Spezialklinik in Norddeutschland. Eigentlich war die 32jährige keine, die so schnell aufgab. Mit der Vergiftung, dem damit einhergehenden Verlust des Arbeitsplatzes, mit dem sozialen Abstieg und der zunehmenden Isolierung hat sich das gründlich geändert. »Ich weiß nicht, wie das noch weitergehen soll«, sagt s |