Wiesbaden und Region "Wiesbadener Kurier" vom 09.05.2000, Seite 3

Kind nicht missbraucht: Freispruch für Beamten

Landgericht hebt Urteil auf / Gutachten einer Psychologin genügt nicht den Ansprüchen / Schadenersatzforderungen

WIESBADEN (cc) 21 Prozesstage lang musste er bangen. Gestern nun konnte der 50 Jahre alte Angeklagte aufatmen: Die erste-Strafkammer des Wiesbadener Landgerichts sprach den Beamten frei, der im Untertaunus wohnt und bei der Stadtverwaltung Wiesbaden arbeitet. Der Mann sei zwangsläufig freizusprechen, befand der Vorsitzende Richter Dr. Steffen Poulet, dessen Kammer die Vorwürfe mit großer Sorgfalt erörtert hatte. Die umfangreiche Beweisaufnahme hatte keinen sicheren Nachweis für die Schuld des Angeklagten erbracht.
Dieser soll - so hatte es noch im vergangenen Jahr nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch Amtsrichterin Claudia Dirlenbach gesehen . ein erst zwei Jahre altes Kind sexuell missbraucht haben. Ort der angeblichen Tat: Das Wohnhaus des Angeklagten, dessen Frau als Tagesmutter Kinder betreute.
In erster Instanz hatte die Richterin den 50-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Angeklagte hätte seine Pensionsansprüche verloren, wäre auch das Landgericht dem Schulspruch gefolgt. Ihr Urteil hatte die Richterin im wesentlichen auf das Attest eines Kinderarztes und auf das Glaubwürdigkeitsgutachten der Diplom-Psychologin Erika Hochreither aus Ludwigshafen gestützt. So hatte der Mediziner im Gespräch mit der Mutter den Verdacht geäußert, das Kind könnte Opfer einer sexuellen Missbrauchs geworden sein, weil es eine Pilserkrankung im Genitalbereich hatte und sich nicht mehr von ihm hatte anfassen lassen wollen - Indizien, die nun nach Einschätzung der Strafkammer auch bei Kindern auftreten können, die keinen sexuellen Übergriff haben erleben müssen.
Das Mädchen selbst hatte zunächst nichts von einem Missbrauch berichtet. Erst nach dem Arztbesuch hatte die Mutter Schilderungen vom angeblichen Missbrauch notiert, Gedächtnisprotokollle von Gesprächen mit ihrem Kind, die allerdings nach Auffassung des Gerichts nicht ausreichen, um darauf eine Verurteilung zu stützen. "Wir können nicht ausschliessen, dass gewisse Aussagen in das Kind hineingefragt wurden", so Poulet, der den "ausgezeichneten Eindruck" unterstrich, den er von der Mutter gewonnen hatte. Sie sei eine "ruhige und sachliche" Frau.
Mit dem Urteil hob die Strafkammer nun schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ein Urteil von Amtsrichterin Dirlenbach auf. Sie hatte nicht nur den Beamten nach einem Tag Verhandlung schuldig gesprochen. Für schuldig hielt sie auch einen weiteren Mann aus dem Main-Taunus-Kreis, weil der sich an seiner Tochter vergangen haben sollte. Auch in seinem Fall hatte Erika Hochreither begutachtet - ebenfalls zu Lasten des Angeklagten.
In beiden Fällen genügte Hochreithers Arbeit nicht den Ansprüchen, die der Bundesgerichtshof im Juli vergangenen Jahres definiert hatte. So hatte sie ihre Expertise zum Teil mit veralteten Methoden untermauert. Im gestern beendeten Verfahren hatte die Psychologin nachzubessern versucht. Zu spät, befand die Strafkammer, sie könne ihr Gutachten nicht mehr in andere Form neu auflegen.
Nun werden Schadenersatzansprüche auf die Psychologin zukommen. Der Vater aus dem Main-Taunus-Kreis hat seine Forderungen bereits beziffert:
Er will die Anwaltskosten ersetzt haben, ein Betrag von rund 80 000 Mark. Und auch der gestern freigesprochene Beamte fordert jetzt die Wiedergutmachung zumindest des finanziellen Schadens.

Kommentar
 von Christoph Cuntz

Zweifel an Psychologin 
Die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs ist in zwei Fällen in sich zusammengefallen. Was bleibt, sind erhebliche Zweifel an der Arbeit einer Psychologin, auf die sich die Anklage maßgeblich gestützt hatte. Anzunehmen ist, dass die Psychologin nicht zum ersten Mal mit veralteten Methoden Gutachten angefertigt und damit Verurteilungen den Weg geebnet hat. Möglicherweise hat sie dazu beigetragen, dass Unschuldige hinter Gitter kamen, wie es jetzt um Haaresbreite wieder geschehen wäre. Schließlich waren beide Angeklagte in erster Instanz aufgrund ihrer Gutachten verurteilt worden. Zwei Freisprüche: Für die Wiesbadener Staatsanwaltschaft muss dies eine deutliche Mahnung sein, die Gutachter in Missbrauchsprozessen künftig sehr sorgfältig auszuwählen.

Das Problem mit der Suggestion
Bundesgerichtshof definierte Erwartungen an Glaubwürdigkeitsgutachten

Sind Kleinkinder Freiwild für alle möglichen Unholde, weil ihnen kein Richter glaubt, wenn sie vom sexuellen Missbrauch erzählen ? Mit Sicherheit nicht. Die Erzählungen von Kleinkindern gelten auch beim Wiesbadener Landgericht nach wie vor für glaubhaft, vorausgesetzt, die Kinder erzählen aus freien Stücken und von sich aus über ihre Qualen. Problematisch wird es aber für die Staatsanwaltschaft, mit ihrer Anklage durchzudringen, wenn die Kinder erst auf Befragen von Eltern, Ärzten oder Gutachtern zu erzählen beginnen. Immer genauer prüfen die Gerichte, ob die Schilderungen der Kinder nicht auf Beeinflussung durch Erwachsene basieren. Und Psychologen, die die Glaubwürdigkeit der kindlichen Zeugen zu beurteilen haben, werden sich an den Kriterien orientieren müssen, die ihnen der Bundesgerichtshof im Juli vergangenen Jahres auferlegt hat. So besteht nach dessen Überzeugung speziell bei kindlichen Zeugen die Gefahr, "dass die ihre Angaben unbewusst ihrer eigenen Erinnerungen zuwider verändern, um den von ihnen angenommenen Erwartungen eines Erwachsenen, der sie befragt, zu entsprechen". In all jenen Fällen aber, in denen Suggestion eine Rolle spielt, müsse "die Entstehung und Entwicklung der Aussage" aufgeklärt werden. Dies stelle besonders dann einen zentralen Analyseschritt dar, wenn es sich bei dem möglichen Tatopfer um ein jüngeres Kind handelt.
Dass das Wiesbadener Landgericht nun zweimal in kurzer Zeit Urteile verworfen hat, die auf den Gutachten der Psychologin Erika Hochreither basieren, macht es der Staatsanwaltschaft künftig schwerer, sexuellen Missbrauch von Kindern anzuklagen: die Liste der Experten, die auf diesem Gebiet als kompetent gelten, ist kurz.
Mit dem Freispruch der Angeklagten ist sie um einen Namen kürzer geworden.

 


Autor: Wiesbadener Kurier, Christoph Cuntz
Erstellungsdatum 09.05.2000 G*A*B - Datum: 13.06.2000              Mail:c/o brain@gabnet.com
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