Unter dem Pflaster liegt der Strand - Die 68er

4. „Frauenpower macht Männer sauer“

Autor:
Anselm Weidner, SÜDDEUTSCHER RUNDFUNK 

Redaktion:
Detlef Clas, SCHULFUNK 

Musik 1:
Power to the people … 

Sprecher:
Unter dem Pflaster liegt der Strand.

Musik 2:
Let it be ...

Sprecher: 
Frauenpower macht Männer sauer! - Nichts war folgenreicher nach 68 als die Frauenbewegung -

CUT 1:
Ich war es gewöhnt, daß Mutti Vati alles machte. So bin ich erzogen worden. In den Wohngemeinschaften wurde man deftig umsozialisiert, und seitdem hab ich mich dran gewöhnt. Ich wasche meine Wäsche selber. Wer einkauft und kocht, muß nicht abwaschen - und umgekehrt. Und geputzt wird gemeinsam. Und all diese Dinge hat man sich angewöhnt, ich hab sie mir bis zu heutigen Tag erhalten. 

Sprecher:
68 und die Folgen im Privatleben - Donnerwetter Herr Fischer! Aber das war schon ein harter und folgenreicher Umerziehungsprozeß von der patriarchalen „Zu Hause macht Mutti alles - Welt“ in die neue Welt des „Alles im Haus wird gleich geteilt zwischen Mann und Frau“.

CUT 3:
Umsozialisiert in den Wohngemeinschaften, in den Ehen, Beziehungen, auch in der Partei - die Frauenquote ist ne Selbst­verständlichkeit geworden - die Hälftung aller Mandate und Parteiämter. 

Sprecher:
Sagen wir, das wird angestrebt. Die Frauenbewegung, wie Joschka Fischer, auf dem langen aber erstaunlich erfolgreichen Weg durch die Institutionen. Soviel Frauenpower macht den Grünen nicht unbedingt sauer, aber der Alt-68er hat wohl schon noch schwer dran zu tragen:

CUT 4:
Wir wurden umsozialisiert - und so ist es nun, man sollte der Vergangenheit nicht nachtrauern. 

Sprecher:
Ach ja, die schöne alte Zeit der männlichen Alleinherrschaft, sie ist dahin! Aber wie zahm sind doch diese Zeiten, in denen die alte patriarchale Aufteilung der Welt in Wirtschaft, Wissenschaft und die Welt der Politik für die Männer - und Kinder, Küche, Kirche für die Frauen nicht mehr so einfach klappt, Frauen mehr und mehr ehemalige Männer­domänen besetzen. Wie frech, wild und lebendig ging es hierzulande in den ersten Kämpfen darum zu:

Zitatorin:

„Wir machen das Maul nicht auf! Wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft: mit klein­bürgerlichen Schwänzen, sozialistischem Bumszwang, sozialistischen Kindern, Liebe, …Schwulst, sozialistischen Lebenshilfen, revolutionärem Gefummel, sexual­revolutionären Argumenten, gesamt­gesellschaftlichem Orgasmus, sozialistischem Emanzipations­geseich - GELABER!

Wenn´s uns mal hochkommt, folgt: sozialistisches Schulterklopfen, väterliche Betulichkeit; dann werden wir ernstgenommen, dann sind wir erstaunlich, wundersam…dürfen an den Stammtisch;… dann tippen wir, verteilen Flugblätter, malen Wandzeitungen, lecken Briefmarken… Kotzen wir´s raus: sind wir penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, zu kurz gekommen, irrational,…lustfeindlich,…zickig… frauen sind anders! Befreit die Sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.“

Sprecher:
Die Frauen des Frankfurter Weiberrats sind sauer auf die sturen SDS-Männer, denen diese erste fundamentale Kritik an der Männerherrschaft - zumindest im Nachkriegsdeutschland - egal zu sein scheint. Auf ihrem Flugblatt vom November 68 ist eine Genossin, abgebildet, lasziv auf einer Matratze hingestreckt, ein Hackebeil in der Hand, einen phallischem Hut auf dem Kopf, über sich numeriert sechs Penis­trophäen von sechs namentlich aufgeführten Eminenzen des Frankfurter SDS.

Dieses Flugblatt des Frankfurter Weiberrats, voller Wut auf die SDS-Männer, verdeutlichte nur, was seit ein paar Monaten brodelte und gärte. Die Genossinnen wollten sich mit ihrer Rolle nicht abfinden, in der Politik fürs Flugblattdrucken und fürs Bett der Genossen gut genug zu sein, und an der vollkommen männer­dominierten Universität - für wissenschaftlich unbedeutend oder gar minderwertig gehalten zu werden. Damals waren an den west-deutschen Universitäten knappe 25 % Frauen. Es gibt eine kurze Phase des Aktionismus, etwa als im Wintersemester 68/69 in einer Ästhetik-Vorlesung von Adorno einige Frauen „oben ohne“ erschienen.

Iring Fetscher, Politologe und Freund und Kollege dieses wohl wichtigsten Denkers der Frankfurter Schule, weiß und erinnert sich:

CUT 5:
Die brilliante Formulierung seiner Vorlesung, daß die für ihn eine beinahe sakrale Bedeutung hatte, und jemand, der ihn dabei störte, hat ihn unglaublich verstört. Ob das nun durch barbusige Mädchen war, oder durch Studenten, die sagten, wir wollen jetzt lieber über Vietnam diskutieren, statt über die Iphigenie. Und ich glaube, er hat diese barbusigen Mädchen hat er eher als barbarisch empfunden, denn als obszön.

Sprecher:
Es gärt und brodelt unter den politisierten Frauen der frühen Revolte. Sie hören von Womens Lib in den USA. Betty Friedans „Weiblichkeitswahn“, Kate Milletts „Sexus und Herrschaft“ und „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir sind die wichtigen Bücher auf dem Weg aus den zunehmend als feindlich empfundenen männlichen Territorien in die neuen, eigenen weiblichen Gefilde.

CUT 6:
Das könne doch wohl nicht so weitergeh´n, der SDS würde hier für demokratische Verhältnisse und für die Emanzipation der Arbeiterschaft und der Völker in der Dritten Welt auftreten, aber was zuhause geschehe, sei sozusagen nicht Thema. Zu Hause passiere die Unterdrückung von Frauen und sie unfähig machen, sich an der Gesellschaft, an der Öffentlichkeit, an der Politik zu beteiligen.

Sprecher:
Sigrid Rüger, Mitte der 60er Jahre studentische Konvents­sprecherin an der Freien Universität Berlin und Vorstands­mitglied im SDS, zitiert Helke Sander aus dem damals gerade gegründeten „Aktionsrat zur Befreiung“ der Frau. Helke Sander hatte auf der 23. Delegierten­konferenz des SDS im September 68 in Frankfurt noch recht versöhnlich und in schönstem SDS-Deutsch gesagt:

Zitatorin:

„Wir stellen fest, daß der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamt­gesellschaftlicher Verhältnisse ist… dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt, indem man ihm den Namen Privatleben gibt… Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmus­schwierigkeiten?… Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion … nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, daß der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konter­revolutionärer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann ihre Konsequenzen ziehen müssen.“
Sprecher:
Aber die Herren am SDS-Vorstands­tisch waren damit beschäftigt, den Hauptwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital zu lösen und wollten sich mit dem „Neben­widerspruch“ der Frauen nicht beschäftigen.

CUT 7:
Die Dritte Welt und die Universität und die Proletarier und die Gewerkschaften, das war alles Aktualität und das hatte man auch schon durchdacht, aber eben die eigene Situation und die private Situation, hatte man noch nicht durchdacht. 

Sprecher: 
SDS-Obertheoretiker Hans-Jürgen Krahl am Rednerpult begründete gerade umständlich, warum diese Diskussion über die angebliche Unterdrückung der Frauen im SDS jetzt nicht möglich sei, da trafen ihn Tomaten mitten ins Gesicht.

CUT 7b
: Ich saß ziemlich weit vorne und hatte zu meiner Abenderfrischung ein Säckchen Tomaten mir in der Mittagspause gekauft, wollte die aber wirklich nur essen. Aber in dem Moment kamen die mir unheimlich gelegen, die lagen da und ich hab´ das Netz geöffnet und hab´ sie geworfen bei uns, und irgendwie dazu irgendwelche Sprüche… „Du bist ein Konter­revolutionär“, ich glaube der Hans Jürgen Kral hat da grade geredet und hat sie also auch abbekommen. Das hat doch sehr viele insofern erschüttert, als wir ja gewohnt waren, Tomaten und Eier gegen das Amerikahaus zu werfen, aber das es sozusagen jetzt auch uns selber trifft, also in dem Fall dann die männlichen Genossen …

Sprecher: 
Sigrid Rügers Tomatenwurf am 13. September 1968, „ein Wurf ins Schwarze“, wie Alice Schwarzer später schreiben wird, der gilt als der Beginn der neuen deutschen Frauenbewegung.

CUT 8:
Es kamen sehr früh archaische Formen von Machtstrukturen in dieser Massenradikaldemokratie wieder auf. Was übrigens sehr früh die Frauen dann erkannt haben. Eine weitere Revolte in der Revolte wurde ja von den Frauen durchgeführt - gegen die männer­beherrschenden Positionen. 

Sprecher:
Sollte man den Genossen Rabehl nicht auch gleich mit Tomaten bewerfen? Was heißt hier archaische Machtstrukturen - im SDS hatte sich, um mit Marx zu sprechen, „die ganze alte Scheiße“ der alten hierarchischen Männerwelt wiederholt. Und was heißt hier „Revolte in der Revolte“? So läßt sich diese autonome Aktion der Frauen gerade nicht in die politische Strategie der Männer einverleiben. Nein, die Genossen hatten sich die allgemeine Emanzipations­bewegung wohl geschlechtslos gedacht … und nicht bemerkt, daß gerade eine neue Front im Kampf um Befreiung von den alten Autoritäten eröffnet worden war, ein eigenständiger Emanzipations­kampf der Frauen begonnen hatte.

CUT 9:
Ich fand es schon beeindruckend, wie sie die Tomaten auf diesen daherredenden Krahl, den ich auch nicht verstand immer, obwohl ich ihn natürlich bewunderte, geschmissen hat. Klar, sie haben mir auch einen Teil des Lebens gezeigt. 

Sprecher:
Sie, das sind die Frauen für Hajo Funke, damals SDS-Mitglied und heute Politologie-Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Ein Männerbekenntnis - aber Frauen hatten damals und haben heute immer noch als Mütter oft alleinverantwortlich Kindern die Welt zu zeigen.

Cut 1O:
Seit Ende 67, Anfang 68, gab es diesen Aktionsrat zur Befreiung der Frau schon, und auch die Vorstellung, Kinderläden zu etablieren, damit die Frauen - also, - von der Betreuung der Kinder zeitweise freigestellt wurden, um über sich nachzudenken, also es war auch der Gedanke, sie sollten eine Ausbildung machen, sich qualifizieren. Das war damals noch ein sehr starker Glaube an die Qualifizierung.

Zitator:

    „Sie haben die längsten Beine und die kürzesten Röcke. Ihre Haare tragen sie so lang wie einst Jesus Christus und ihre Musik ist so laut wie ein startendes Düsenflugzeg. … Während die Antibabypille zum täglichen Konsumgut wird, sind die Schülerinnen allenfalls über die Fortpflanzung der Regenwürmer aufgeklärt. Politik und Sex sind tabu an deutschen Oberschulen. Das soll jetzt anders werden. Deutschlands Schüler proben den Aufstand.“
Sprecher:
Heißt es im Mai 67 in der Zeitschrift „konkret“ unter der Überschrift „Sex mit 17“. Die sexuelle Revolution dieser Zeit, da waren die Genossen ja ganz einverstanden. Schließlich hatten sie ja auch bei Wilhelm Reich in dessen „Funktion des Orgasmus“ gelesen, daß der freie Mensch sich durch den freien Fluß der orgastischen Wellenbewegung ohne Behinderung durch neurotische Körper­panzerung auszeichne. Also sagten sie ja zu allem, was sexuelle Freiheit verhieß. Reichlich verbalradikal, aber deshalb nicht weniger enthüllend, schlug man sich damals in dieser SDS-Männer­gesellschaft ja feixend mit dem flotten Spruch „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ auf die Macho-Genossen-Schultern.

CUT 11:
Die sexuelle Revolution, wie sie in der Studenten­bewegung stattfand, und möglich wurde auch durch die Pille, hat ja nicht unbedingt zum Vorteil der Frauen gereicht. Frauen waren verfügbarer, grade durch die Möglichkeit, unerwünschte Schwangerschaften zu verhüten, und andererseits auch dem Druck viel stärker ausgesetzt: Wenn du was bist, dann vögelst du auch mit mir. Alles andere ist verklemmt und bürgerlich, dann gehörst du einfach nicht zu uns… also, es war sehr massiv, dieser Druck.

CUT 12: 
Die Möglichkeit, verschiedene Männer ausprobieren zu können, zum Beispiel, kann auch positiv sein, ja. Und sich nicht festlegen zu müssen, und eben auch sagen zu können: Also hör mal, mit dir schlafen war o.k., aber mehr will ich im Moment nicht. Aber wir wissen ja nun leider, daß Frauen anders sozialisiert sind als Männer, daß für Frauen eher die Beziehungsebene wichtig ist, als jetzt dieser reine Sex, daß Frauen ne andere Art der sexuellen Empfindsamkeit haben als Männer.

Sprecher:
Ob das nun biologisch so festgelegt sei oder Resultat der Erziehung, sei mal dahingestellt, sagt Ute Straub, eine Feministin der ersten Stunde aus Heidelberg. Schon hier, an dieser Stelle des Geschlechter­kampfes, angeblich biologisch begründete Tendenz zur Treue bei der Frau und polygame Veranlagung des Mannes, kündigt sich das zentrale Thema der Frauenbewegung an: Frauen­unter­drückung als Folge von Männermacht. Der biologische Unterschied wird zur Legitimation von Herrschaft benutzt. Nein, die Pille, so Ute Straub, die habe die Emanzipation und Gleichheit in der Sexualität wahrhaftig nicht gebracht:

CUT 13:
Wenn irgendwas da verbessert wurde in Richtung auf mehr Gleichberechtigung auch in Sachen Sex und auf mehr Ausgleich in Lust usw., dann ist das eigentlich immer nur den Frauen zu verdanken. Denn, also Männer hatten damals ja keine Ahnung, wie sie mit den Frauen umzugehen hatten, weil es hat ihnen ja niemand beigebracht. Frauen hatten dann die Möglichkeit, sich in sexuellen Erfahrungen mit anderen zu erfahren und zu gucken, was brauch ich eigentlich, um wirklich Lust zu empfinden? Und das haben sie ja zum Teil dann auch wieder zurückgetragen, ja, und ihren Typen gesagt: Also hör mal, so nicht, und jetzt sei doch mal nicht so rappelig, usw. Von den Männern kam doch erstmal da nichts. 

Sprecher:
In London pfeifen Ende der 6Oer Jahre Frauen Männern auf offener Straße hinterher und kneifen erstaunten Passanten in den Hintern. In der Kunst läßt Niki de Saint Phalle schon Mitte der 6Oer Jahre Ausstellungsbesucher in bunte Polyester-Puppen, großbusige Nanas mit gewaltigen Hintern durch ein großes Loch zwischen den gespreizten Schenkeln eintreten. Der Spieß der Männermacken und Männermacht wird umgedreht, und ebenso der Slogan, der damals in Aktion und Sprache noch radikalen Frauenbewegung: Die Herrschaft der Schwänze hat ihre Grenze!

CUT 14:
Es gab da nämlich eine Miß-Wahl in der Stadthalle, und die wurde also gestürmt von diesen Frauen unter der Parole: Wir sind nicht süß, wir sind sauer - Wir brauchen keine Fleischbeschauer! Das war ein großer Skandal damals, und das war sozusagen der Anfang in Heidelberg - ähnlich hat sich das auch in anderen Städten abgespielt - und aus dieser Gruppe hat sich dann eine größere Gruppe entwickelt, die ein leerstehendes Haus besetzt hat, um ein Frauenzentrum dort einzurichten. Das Haus war nur vier Tage besetzt, dann kam die Polizei, hat die Heizungen rausgerissen, die Fenster zugenagelt, wie das eben so üblich war und ist, aber es wurde dann von einem Mäzen ein Hinterhaus zur Verfügung gestellt hier, und da konnte sich ein erstes Frauenzentrum etablieren. 

Sprecher:
Das war 1972. Wie überall in der Republik sind Frauen in Aktion gegen Männer­herrschaft. Der Marsch gegen die Genossen der Studenten­bewegung bleibt irgendwie stecken. Die drängen jetzt in die Betriebe, passen sich nicht selten, einschließlich Heiratszwang, der einst von den Studenten für kleinbürgerlich gehaltenen Arbeiterschicht, an. Von den Männern getrennt verfolgen Frauen ihre eigene Befreiung, ihre Emanzipation. In allen größeren deutschen Städten entstehen autonome, partei­unabhängige Frauenzentren, Frauengruppen, Frauenhäuser, eigene Frauen-Gesundheits­zentren, Frauenbands, wie die „Flying Lesbians“ oder „Schneewittchen“ machen Frauenmusik, eigene Frauen­buch­läden verkaufen das immer reichhaltigere Angebot an Frauenliteratur. Ein Netzwerk beginnt zu wachsen, Frauen entdecken und entwickeln ihre eigene Kultur. Frauen entdecken Frauen.

CUT 15:
Das Bestreben, einen eigenen Raum für Frauen zu schaffen. Ich denke, das war einfach unbedingt wichtig. Denn wo auch immer im öffentlichen Raum wir uns bewegten, das war ja männer­dominiert und ist es nach wie vor. Und Räume, in denen Frauen unter sich können, auch zwanglos unter sich sein können, ohne Angst vor Anmache, ohne - ja - von vornherein schon auf bestimmte Verhaltensweisen festgelegt zu sein, mit der Chance, eigene Verhaltens­weisen, Kommunikations­weisen zu entwickeln, das gabs eben nicht. Und von daher war es wichtig, die Frauenzentren zu haben, es war wichtig, die Frauen­buch­läden zu haben, es war wichtig, Frauenprojekte zu gründen, in denen dann nur Frauen arbeiteten. 

Sprecher:
„Wir brauchen den liebevollen Blick“, sagt Christine Thürmer-Rohr, eine Professorin für Frauenforschung, „ein freundliches Territorium, das geht nicht mit Männern zusammen.“ In Selbst­erfahrungs­gruppen zum Beispiel entstand ein neues Bewußtsein vom Körper und der eigene Raum wurde eine Art Experimentier­bühne, um herauszufinden, was Frauen können, gemeinsam feiern z.B. und die eigene Sprache wiederfinden, auch um nun in aller Öffentlichkeit sagen zu können, was Männer­herrschaft ist und wo und wie sie sich überall ausdrückt. Alice Schwarzer, die Sprecherin der radikalen Feministinnen, erzählt, was sie oft erlebt hat, wenn sie mit mehreren Frauen in eine Kneipe kommt:

CUT 16:
Wenn man also nur mit Frauen unterwegs ist und es ist ein bißchen später und man betritt ein Lokal, da wird man eigentlich sehr oft und sehr lieb gemeint angesprochen und irgendein netter Mann, der seinen Charme für diesen Abend noch nicht unterbringen konnte, der sagt dann: „Na, so allein heut´ abend?“ (Lachen)

Sprecher:
Die anderen Frauen, mit denen sie da in die Kneipe gekommen ist, sind einfach inexistent für den männlichen Blick.

Sprecher:
Alice Schwarzer spricht bei einer Podiums­diskussion in Düsseldorf vor fünfzehn Jahren über das Thema „Was ist Feminismus?“

CUT 19:
Ich gehöre zu den Feministinnen, die für den Kernpunkt jeder Bewußtwerdung halten, daß man begreift, daß das biologische Geschlecht nicht die Ursache sondern der Vorwand ist für diese angebliche Natur des Mannes und die Natur der Frau. Daß man sozusagen Menschen halbiert, und daß eine wirkliche Menschwerdung von Frauen - und übrigens auch Männern - immer beinhalten muß auch die Befreiung ein Stück von der Weiblichkeit, von der sogenannten, nicht. Also, ein Teil dessen, was wir als Frauen sind, haben wir zu konservieren, das sind auch sehr schöne Eigenschaften, nicht, diese soziale Empfindsamkeit, die Mütterlichkeit, das haben aber endlich auch die Männer zu lernen. Und einen anderen Teil, den die Männer bisher für sich gepachtet haben, den haben wir uns anzueignen: rein ins Berufsleben, rein ins öffentliche Leben, auch mal kämpfen können, zu wagen offen zu dünken, nicht nur heimlich schlau zu sein und verbindlich zu lächeln. Wir Frauen sind ja in einer Männerwelt, die uns nicht nur von außen unterdrückt und ausbeutet und begrenzt. Wir Frauen haben das Patriarchat ja auch in uns. 

Sprecher:
„Wenn wir komplementär zum männlichen ein beschränktes weibliches Verhaltens­repertoire entwickeln“, sagt die Radikal­feministin und Herausgeberin der feministischen Zeitschrift „Emma“, „und uns doppelt anpassen als Mutter und Geliebte in der Familie - und im Beruf und der Politik uns wie Männer verhalten, dann sind wir Mittäterinnen bei der männlichen Beherrschung der Welt.“

Freilich, in der Abgrenzung von der patriarchalen Welt gab es in der Frauenbewegung auch manch dogmatische Verirrungen und eine Art Spaltung, die aber nie die irrwitzigen Formen des partei-kommunistischen Sektenwesens und des irreal-sozialistischen Mummenschanzes der Studenten­bewegung annahm. Mitte bis Ende der 7Oer Jahre gibt es unter den Feministinnen…

CUT 20:
Die einen, die eher politisch gearbeitet haben, nach wie vor Paragraph-218-Arbeit machten und ähnliches, und die anderen, die dann auch grade so Mitte der 7Oer Jahre, auf diese esotherische Ebene abdrifteten, Astrologie, Tarot, die Wiederkehr der Hexen, die Vollmond­nacht­tänze. 

Sprecher: 
Sicher, es gab da manch Verbohrtes, aber Astro- und Kräuter­frauen z.B. verkörpern ja auch den Versuch, wiederzubeleben, was in alten Zeiten weise Frauen wußten. So sehr die wieder­entdeckte Spiritualität immer in der Gefahr ist, zur selbstgenügsamen Innerlichkeit zu verkommen, sie kann auch eine Kraft sein, wie etwa die der damals wieder gelesenen Mystikerinnen Hildegard von Bingen oder Teresa von Avila. Es gab diese Fallen der Selbsterfahrung, der Spiritualität, der Mütterlichkeit, aber die gefährlichste Falle - so mag das im Blick auf die ganze Frauenbewegung heute aussehen - ist die der Teilhabe an Macht und Geld.

CUT 21:
Ich war so fünf Jahre im Stadtrat - und da war sozusagen die Domestizierung, möcht´ ich sagen, perfekt, denn in so einem männer­dominierten Gremium, wie das der Stadtrat eben damals war, und bestimmte Ausschüsse dann noch mehr, kann ich mich nicht mit gesellschafts­kritischem revolutionärem Verhalten qualifizieren, sondern allenfalls indem ich mitmache, indem ich mithalte, indem ich die anderen mit ihren eigenen Waffen schlage. 

Sprecher:
Rein ins öffentliche Leben als Feministin und gleichzeitig Frau bleiben, das sagt sich so leicht.

CUT 22:
Ich hab hier in Heidelberg als erste feministische Stadträtin sozusagen, auch versucht, diese weiblichere Sprache einzuführen. Hab darauf geachtet, daß eben nicht nur von den Stadträten, sondern auch von den Rätinnen die Rede ist, und war da natürlich, da mußte man sein - mußte Frau sein - penetrant, und das hatte dann zur Folge, daß, als ich promotiert hatte, der Bürgermeister mich immer nur noch mit Frau Doctora Straub anredete, ja, und sich halbtot lachte dabei und das wahnsinnig witzig fand und einige dieser ältlichen Stadträte eben auch. 

Sprecher:
Frauen gegen die von Männern geordnete Welt, eine Welt, über die die Männer auch mit ihrer männlichen Sprache verfügen. Mit solcher neu gewonnenen Sensibilität kämpft frau, als emanzipierte Frau, eigentlich an allen Fronten, sagt Ute Straub, nicht nur gegen die dämlichen Männer, die noch nichts vom weltweiten Aufbruch der Frauen kapiert haben. Die eigenen Parteifreunde machen es einem auch nicht leicht.

CUT 23:
Dieser Schock, daß in dieser Männer-dominierten Politik zunächst mal bei den Versammlungen knallhart gefetzt wurde - da wurden sich Gemeinheiten um die Ohren geschmissen und Angriffe gestartet - da hat´s mir jedesmal den Magen umgedreht. Und hinterher saßen die Jung´s aber friedlich beim Biertisch zusammen, als wenn nichts gewesen wäre, ja, da waren die Männer­freundschaften plötzlich wieder da, alles war alles eitel Sonnenschein. O´28

Sprecher: 
Und auffällig, wie in der Frauenbewegung Maximen wieder auftauchen und praktiziert werden, die in der anti­autoritären Studenten­bewegung zwar von zentraler Bedeutung waren, aber nur postuliert, theoretisch gefordert wurden, nämlich Privates und Öffentliches, Politisches nicht zu trennen:

Cut 24:
In den Frauenkreisen herrschte Konsensprinzip, d.h. es wurde immer viel geredet, bis alles klar war. Es gab nicht diese Trennung von Politik und Privatem. Auch das Private ist politisch, war ja eine ganz ganz wichtige Maxime der Frauenbewegung. Zum Beispiel ganz einfach das Problem „Kinderbetreuung“. Jede Frau hat das Problem - und früher war das ja noch viel extremer - ihre kleinen Kinder irgendwo unterzubringen.

Sprecher:
Also muß man sich politisch organisieren für die Durchsetzung von Kinderkrippenplätzen. Politik fängt bei jeder und jedem Einzelnen an! Und wie folgenreich und - anders als die Studentenbewegung - politisch erfolgreich war und ist diese vor 25 Jahren aufgebrochene Frauenbewegung schließlich im langen Marsch durch die Institutionen.

Cut 25:
Ich erinnere mich daran, wie wir belächelt worden sind, als wir uns um die Stellen­ausschreibungen gekümmert haben, und da durchgesetzt haben, daß also Behörden­ausschreibungen, Stellen­ausschreibungen, erst in der weiblichen, dann in der männlichen Form kommen sollen. Da hieß es, „Habt Ihr nichts Wichtigeres zu tun?“. Da sagen heute zum Teil die selben Personen, das war eigentlich gut. Und wir Hamburger waren die ersten. Oder Diskussionen um Anrede Frau/Fräulein. Skeptisches Lächeln darüber, daß junge Frauen mit Frau angeredet werden sollen, weil das doch ein Kompliment ist, wenn man möglichst lange mit Fräulein angeredet wird. Oder die Verblüffung, als wir anfingen, darüber zu diskutieren, daß die unterschiedlichen Altersgrenzen, die es für das Arbeiten im Öffentlichen Dienst gibt - also Einstieg und Aufstieg -, daß die unterschiedlich geregelt werden müßten zwischen Männern und Frauen, bzw. zwischen Personen, die Kinder haben und solchen, die keine. Weil wir gesagt haben, Frauen sind dadurch benachteiligt, daß für Männer und Frauen die gleichen Altersgrenzen gelten. Absolutes Unverständnis, weil Gleichstellung hieß doch Gleichbehandlung. Es hat sich geändert, es ist akzeptiert, die Altersgrenzen sind angehoben worden, abhängig davon, ob jemand Kinder erzogen hat. 

Sprecher:
Eva Rühmkorf, die erste Gleichstellungs­beauftragte der Bundesrepublik. Inzwischen gibt es die nicht nur in jedem Bundesland, in Behörden und Betrieben, jede größere Kommune hat sie. Der Anteil der Frauen an den Schulabschlüssen, die zum Studium berechtigen, liegt mittlerweile bei 45 Prozent. Und etwa 4O % der Studienanfänger sind Frauen; jeder dritte neue Betrieb wird von Frauen gegründet. Also es gibt eine Erfolgsbilanz!

Sprecher:
Wie anders Frauen inzwischen in der sogenannten großen Politik auftreten:

Zitatorin:

„Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, deren Lebens­verhältnisse normiert sind, auf Einheitsmoden, Einheits­wohnungen, Einheits­meinungen und eine Einheitsmoral…, was dazu geführt hat, daß sich Menschen abends hinlegen und vor dem Einschlafen eine Einheitsübung vollführen, wobei der Mann meist eine fahrlässige Penetration durchführt. Fahrlässig, weil die meisten Männer keine Maßnahmen zur Schwangerschafts­verhütung ergreifen. Sie sind gleichwertig an der Entstehung einer Schwangerschaft beteiligt, dennoch entziehen sie sich der Verantwortung. Mit Strafe bedroht sind Frauen bei einem Abbruch. Erst später greifen die Mäner als Hüter der Moral wieder ein, indem sie Strafgesetze machen … Eine wirkliche Wende wäre es, wenn hier oben zum Beispiel ein Kanzler stehen und die Menschen darauf hinweisen würde, daß es Formen des Liebesspiels gibt, die lustvoll sind und die Möglichkeit einer Schwangerschaft ausschließen … Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus hier im Bundestag einzustellen.“
Sprecher:
Aus der ersten Bundestagsrede der Grünen Abgeordneten Waltraud Schoppe. Sprach´s und der Bundestag verwandelte sich in einen johlenden gröhlenden Männermob. Damals ging es um den Paragraphen 218. Die Kampagne gegen das Abtreibungsverbot brachte der Frauenbewegung Anfang der 7Oer Jahre den Mobilisierungsschub. Und heute: Die Frauenbewegung am Ende? Für ihre augenblickliche Schwäche gibt es viele Erklärungen:

Cut 27: 
Es ist viel erreicht worden, aber jetzt hab´ ich auch so ein bißchen den Eindruck, die Frauen lehnen sich im Moment zurück und delegieren. Sie delegieren an ihre Funktionärinnen, die sie ja nun gottseidank auf die wichtigen Positionen gebracht haben, zumindest ein paar, und die sollen die Sache jetzt auch managen. Und die Bewegung, die Basis, die macht jetzt erstmal ein bißchen Pause. 

Sprecher:
Stirbt die Frauenbewegung etwa an ihrem eigenen Erfolg? Die integrierte, weil delegierte Frauenbewegung. Solche, zumeist in männer­dominierten Verwaltungen, Parlamenten undsoweiter domestizierte Frauenpower, macht Männer nicht mehr sauer, gereicht ihnen vielleicht gar zur Zierde, wird zahnlos. Und, so Ute Straub, die sich inzwischen auch aus der Kommunalpolitik zurückgezogen hat:

Cut 28:
Es gibt ja, wie bei anderen sozialen Bewegungen im Moment auch in der Frauenbewegung keinen Nachwuchs in dem Sinne. Da sind ja nicht jetzt massenweise junge Frauen, die sozusagen in unsere Fußstapfen treten wollten, sondern die sagen eher, so ein alter Käse, laßt uns damit in Ruhe. Denn die haben ja eben viele Probleme, die wir hatten, gar nicht mehr, die haben ja schon ein ganz anderes Selbstbewußtsein, die treten ganz anders auf. 

Sprecher:
Aber was hat die Frauenbewegung so zahnlos gemacht? Was ist aus dem Kampf geworden für eine Welt frei von männlicher Aggression und Verfügungsmacht, die doch alles zugrunde richtet: Die Erde, die Freundlichkeit, das menschliche Gespräch? Was ist aus dieser frühen Radikalität des Feminismus geworden? Wo ist die hin angesichts einer Welt, in der mit Kriegen und Umwelt­zerstörung das Patriarchat wie nie zuvor auf dem Vormarsch zu sein scheint? Wie sagt doch die feministische Professorin Christine Thürmer-Rohr:

Zitatorin:

„Ein durch den Konflikt der Geschlechter verschärfter Konflikt; ein verschärfter, veränderter und vermutlich noch lange dauernder Kampf zeichnet sich ab. Die Männer haben dabei - die historische Situation ist gekennzeichnet durch den Niedergang des abendländischen Mannes - mehr zu verlieren. Für die meisten gilt wohl der Satz: Die machen die Augen zu und hoffen, daß der Kelch an ihnen vorübergeht. Die Hoffnung wird sich kaum erfüllen.“
Copyright © SDR

zurück zur Liste