Matthias Matussek 

Preisgekrönter Schreiber

Matthias Matussek, 43, hat mit «Die vaterlose Gesellschaft. Überfällige Anmerkungen zum Geschlechterkampf» erstmals ein Sachbuch geschrieben. Bisher veröffentlichte Matussek neun Bücher mit Kurzgeschichten und Romanen. Die letzten beiden, «Fifth Avenue » eine Sammlung von Kurzgeschichten, und «Rupert», ein Roman erschienen beim Zürcher Diogenes-Verlag. Matussek schreibt seit mehreren Jahren vielbeachtete Essays und Reportagen im deutschen Nachrichten­magazin «Der Spiegel» Er ist Träger des begehrten Kisch-Preises. Matussek ist verheiratet und Vater eines vierjährigen Sohnes. Er lebt in Berlin.


Buchautor Matthias Matussek:
Die Väter werden abgezockt
Mein Buch ist überspitzt, ein Wutausbruch. Ich zeige die Männer als Opfer


Geschiedene Väter werden entrechtet und ihrer Kinder beraubt. Dies sagt der deutsche Autor Matthias Matussek in seinem neuen Buch. Bissig und polemisch rechnet er mit einer ganzen Frauengeneration ab.


Ein Interwie der Zeitschrift - SCHWEIZER FAMILIE - Ausgabe 26/98

INTERVIEW: HANSJÖRG HONEGGER ............FOTOS: ANNETTE HAUSCHILD

Schweizer Familie Bei der Lektüre Ihres neuen Buches: «Die vaterlose Gesellschaft» könnte man meinen, die Frauen hätten die Macht übernommen,

Matthias Matussek: Im Familienrecht gewiss. Das ist der einzige Bereich, wo die Frauen ein Freispiel haben. Ich habe manchmal den Eindruck, dass das Familienrecht als Ersatz-Arena herhalten muss für all die Kämpfe, die von den Frauen nicht einseitig gewonnen werden können. Im Arbeitsrecht beispielsweise.

SF: Übertreiben Sie nicht ein wenig?

Matussek: Ich bekomme seit der Veröffentlichung des Buches koffernweise Briefe von Vätern, die ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen. Ein Vater, der seine Kinder verliert, wird entrechtet und seelisch zerstört. Immer mehr Väter wollen sich nicht damit zufneden geben, den Check rüber­zu­reichen und Ruhe zu geben. Immer mehr Väter gehen vor Gericht und kämpfen darum, ihre Kinder sehen zu können. Jede Mutter mit diesem Impuls kriegt Altäre aufgebaut: So muss eine Mutter sein. Vom Vater wird verlangt, dass er sich still verkrümelt, Unterhalt bezahlt und ansonsten nicht stört. Mein Buch hat es deshalb manchmal so schwer. Der öffentliche Raum ist einseitig vergiftet,

SF: Schuld daran ist Ihrer Meinung nach das Meinungs­monopol emanzipierter Journalistinnen. Das tönt ganz schön paranoid.

Matussek: Ich glaube nicht. Ich polemisiere ja nicht gegen emanzipierte Frauen, sondern gegen machtgeile Betriebsnudeln. Das ist ein Unterschied. Wirklich emanzipierte Frauen haben es nicht nötig, Kinder als Wirtschaftsgeiseln zu nehmen, Väter auszugrenzen und abzuzocken. Aber die Reizschwelle ist enorm tief, wenn es um Frauen­feindlich­keit geht. Man muss sich jede Bemerkung genau überlegen. Sobald es um die Männer geht, kommen die alten Vorurteile immer gleich waggonweise. Nehmen Sie das Thema Viagra: Die Kerle sind halt dämlich, wollen die Frauen nur benutzen, haben nur Sex im Kopf und so weiter.

SF: Sie selbst üben sich nicht gerade in vornehmer Zurückhaltung. Ich zitiere aus Ihrem Buch: "Föngewellte Moderatorin, Girlie-Mutter, Heulsusen der Spassgeneration, Lollipop-Mütter" Sie schlagen mit dem grossen verbalen Knüppel auf die Frauen ein. Beleidigend und unter der Gürtellinie.

Matussek: Mein Buch trägt zwar den Titel Sachbuch. Und es wird eine Fülle von Zahlen und statistischem Material ausgebreitet. Aber das Buch ist genausogut ein Plädoyer, ein Wutausbruch, eine Polemik. Es ist überspitzt und parteilich. Ich will die Seite schildern, die bisher unterschlagen wurde. Wenn ich von Lollipop-Müttern rede, ist das eine Tatsachen­beschreibung. Nicht alle Mütter sind Lollipop-Mütter. Aber es gibt diese jungen Frauen, die nach einer drei- oder vier­jährigen Kurzehe sagen: "So, das war's. Der Alte geht mir auf die Nerven. Der soll bezahlen und kann sich seine Vaterschaft abschminken." Diese Frauen gehen sehr sorglos um mit Trennung und Sorgerecht, vor allem mit dem Wohl der Kinder. Polemik ist berechtigt, weil ein höheres Gut auf dem Spiel steht: Das der Familie und der Kinder.

SF: Die wenigsten Frauen sind so berechnend, wie sie behaupten.

Matussek: Ich zwinge das Augenmerk der Leser auf die Väter, die wirklich unter den Tisch fallen, die ohnmächtig sind gegenüber dem Gesetz. Das sind mehr und mehr. Nicht weil Frauen bösartig sind. Sondern weil gesetzliche Strukturen geschaffen worden sind, die eine bestimmte Haltung ermuntern. Die sind nicht von vornherein berechnend, sondern werden im Krisenfall von der Trennungs­industrie dazu aufgefordert, von Anwälten, Ämtern, sogar Richtern. Sie sind selber Geiseln dieser Mechanismen

SF: Können Sie ein Beispiel nennen?

Matussek: Das Paar steckt in der Krise. Die Frau liest in Therapeuten­büchern von der Ehehölle. Eine ganze Industrie, macht der Frau klar: Du bist dumm, wenn du in dieser Beziehung bleibst. Du bist dumm, wenn du diese Krise gemeinsam mit dem Mann überwinden willst. Du bist dumm und unter-emanzipiert, wenn du nicht ausbrichst und den Alten uber denTisch ziehst, denn du hast die Möglichkeit dazu

SF. Die Frau wird also von den Medien beeinflusst?

Matussek: Ja. Diese Frauen übernehmen eine herschende gesellschaftliche Praxis. Es ist dieses Girlie-Böse-Mädchen-Blabla, das ihnen austreibt, Frustration auszuhalten. Mein Buch versucht zu rufen: Stopp, das ist nicht normal! Kinder haben ein Anrecht auf eine Familie Und wir müssen Strukturen und Gesetze schaffen, die es erschweren, willkürlich Farnilien zu zerbrechen. Egal ob Mann oder Frau. Ich glaube nicht, dass der Appell, wir sollten uns wieder vertragen, hilft.

SF: Eine Änderung der Gesetzt nützt auch nichts. Es geht um ein zwischen­menschliches Problem.

Matussek: Das Kind hat ein Anrecht auf beide. Der Umgangsboykott eines Elternteils ist ein


«...Anwälte beiziehen ist wie Waffen in ein Krisengebiet liefern... »

Verbrechen am Kind. Das müsste streng bestraft werden, wie das zum Beispiel in Frankreich der Fall ist, damit würde eine Menge Unglück verhindert.

SF: Reden Sie aus eigener Erfahrung?

Matussek: Die hat jeder zweite in einer Trennungsgesellschaft. Mein Sohn Markus hat ein Anrecht auf mich und meine Frau Wir sind jetzt sieben Jahre verheiratet, und wir hatten auch unsere Beziehungskrisen. Damals spürte ich den eisigen Windbauch der Trennungsindustrie. Ich musste mir überlegen, was passiert, wenn wir uns trennen Ich blickte in den Abgrund:. Ich würde meine Vaterschaft verlieren. Ich bin unglaublich stolz darauf, dass wir diese Krise als intakte Familie überstanden haben

SF: Für viele Frauen ist die Trennung ein Schritt in die Armut. Trotz Unterhaltszahlungen

Matussek:Das ist sie für beide. Mittlerweile hat die Trennungsindustrie derartig verheerende wirtschaftliche Folgen, dass 75 Prozent aller unterhaltssäumigen Väter selber zum Sozialamt gehen müssen Der Staat hat den Frauen versprochen, als Ersatzmann einzuspringen wenn die Beziehung scheitert. Aber er karin sein Versprechen zunehmend weniger eirihalten, weil er selber pleite ist. Immerhin hat die Frau nach dem Scheitern einer Beziehung noch den Trost durch das Kind. Juristen sprechen von einem emotionalen Besitzstand Auch wenn das eine monströse Zusammenziehung von zwei Wörtern ist, trifft es den Sachverhalt genau.

SF: Warum lassen Sie die Anwälte ungeschoren? Die verdienen am meisten am Scheidungskrieg.

Matussek: Sie haben recht, es fehlt ein Kapitel über Anwälte. Einen Anwalt in einer Scheidung beizuziehen ist dasselbe, wie Waffen in ein Krisengebiet zu liefern.

SF: Väter entdecken ihre Kinder meist erst nach der Trennung. Sie streiten um ein Sorgerecht, das sie auch etwas früher hätten wahrnehmen können

Matussek: Auch dazu gibt es eine andere Seite. Ich verlange nur Fairness. Oft ist es der Vater, der arbeitet und die Familie ernährt. Ihm hinterher im Scheidungsverfahren genau daraus einen Strick zu drehen ist eine Sauerei. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, wo der Mann zehn Stunden täglich malocht. Der kann nachmittags nicht mit dem Kind in den Zoo gehen. Trotzdem ist er ein guter Vater.

SF: Viehe Frauen sind nicht mehr damit zufrieden, den ganzeri Tag zu Hause zu sitzen und Haushalt und Kinder zu erledigen.

Mutussek: Die Frauen möchten doch bitte schön auch anerkennen, dass es eine neue Generation von Vätern gibt. Die Trennungsväter, die ich schildere; wollen sich ja um ihre Kinder kümmern. Aber sie dürfen nicht.

SF: Paradox?

Matussek: Absolut paradox. Die Fönwellen sitzen im Fernsehstudio und schwingen die grossen Reden über die Ausreisserväter. Und grenzen damit genau die Väter aus die sich kümmern wollen. Die Windeln wechseln wollen. Mein Blick ist ein Plädoyer für die Emanzipation. Frauen, werdet berufstätig: Lasst die Kinder bei den Männern irn Trennungsfall! Geht arbeiten und lebt die


«« Frauen, überlasst das Sorgerecht den Männern! Geht arbeiten»» 


Erfüllung im Berufsleben. Überlasst das nicht mehr den Männern Streitet nicht mit allen juristischen Tricks darum zu Hause bleiben zu dürfen und Unterhalt: zu kassieren, und tarnt das nicht noch als Mutterliebe. Gegen diese Verlogenheit versuche ich vorzugehen.

SF. Was meint Ihre Frau zu Ihrem Buch?

Matussek: Sie ist sehr ambivalent, Auf der einen Seite hat sie Angst um mich, weil man nie weiss, was auf diesen Lesungen passieren kann. Dann geht pausenlos das Telefon, weil ich wirklich für viele verzweifelte Väter eine sehr hilflose, sehr überforderte Anlaufstation geworden bin. Das stört sie auch ein bisschen. Also, diese «Vätersülze » geht ihr auf den Keks, Auf der anderen Seite ist sie auch Journalistin und respektiert, dass ich mich engagiere

SF: Ihr Buch ist von einer genüsslichen Unkorrektiteit, die im Moment sehr gut im Markt liegt.

Matussek: Das war ganz sicher nicht kalkuliert. Ich hatte wirklich Lust, gegen Regeln zu verstossen. Ich hatte Lust, zu provozieren. Gerade die Stellen, die am meisten überspitzt sind, haben an den Lesungen die grösste Resonanz.

SF: Die Frauen reagieren heftig auf ihr Buch. Warum darf man nicht sagen, dass es den Männern schlechtgeht?

Matussek:In unserem Sozialstaat ist die Ohnmachtsbehauptung die stärkste Waffe Bisher war immer der Mann der Täter und die Frau das Opfer. Jetzt zeigt mein Buch Männer als Opfer und Frauen als Täter, Das ist wirkungsvoll. Doch mit dem ohnmächtigen Mann haben nicht nur Frauen Schwierigkeiten, sondern auch Männer.

SF: Sie engagieren sich mit Herzblut für ohnmächtige Männer Ein Gefühl, das Sie selber auch schon erlebten?

Matussek:Das kennt wohl jeder. Absolute Ohnmacht. Gerade im Geschlechterverhältnis.

SF: Wie reagieren Sie? Mit Gewalt, mit Aggression?

Matussek:Ich setze mich verbal zur Wehr. Ich habe grosse Schwierigkeiten, Ungerechtigkeit zu akzeptieren. Ich bin viertes von fünf Kindern. Meine Kindheit mit meinen vier Brüdern war Kampf. Ich war im Jesuiteninternat. Ich habe gelernt, dass man irn Rudel ein bisschen lauter schreien muss, um gehört zu werden. 

Provokative Thesen Matthias Matussek will in seinem Buch « Die vaterlose Gesellschaft » keine ausgewogene Darstellung der herrschenden Situation. Er bekennt parteilich, polemisch und leidenschaftlich zu sein. Er nimmt Stellung für verlassene Männer, die ihre Kinder nicht sehen dürfen Zwei Punkte kritisiert Matussek vor allem  Das herrschende Recht. In Deutschland, und etwas weniger in der Schweiz, wird in weit uber 90 Prozent der Fälle das Sorgerecht für die Kinder der Frau überlassen. Häufig werden Streitigkeiten zwischen den Eltern auf dem Buckel der Kinder ausgetragen. Matussek plädiert für eine Änderung der Gesetzgebung. Bestraft werden soll, wer unbegründet und aus niedrigen Motiven das Umgangsrecht eines Elternteils hintertreibt. Scheidungen sollen, nicht noch leichter gemacht, sondern wieder erschwert werden. «Frauen sollten lernen wieder etwas mehr Frustration zu ertragen », so Matussek.  Den Feminismus. Eine gewaltige Breitseite schiesst Matussek gegen die «feministische Meinungsnomenklatura » wie er es nennt. Der Feminismus beherrsche das öffentliche Gespräch, Wer anderer Meinung sei, werde sofort beschimpft und verspottet. Dabei. bleibe, so Matussek, die eigentliche Emanzipation der Frau mehr und mehr auf der Strecke und kippe sogar ins Gegenteil: «Frauen, emanzipiert euch. Geht arbeiten, statt vor Gericht dafür zu streiten, zu Hause zu sitzen und Unterhalt von einem Mann zu kassieren
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...unser Beitrag von:
Charles Baudelaire, fr. Schriftst., 1821 - 1867
Die Männer, die mit den Frauen am besten auskommen, sind dieselben, die wissen, wie man ohne sie auskommt.
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Autor: Hans-Jörg Honegger  Datum 00.06.1998 Mail: c/o brain@gabnet.com
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