Frau Dr. Karin Jäckel *
Bericht vom Vätertreffen in Wuppertal ohne Gerhard Schröder1)


Lieber Gerhard, 

für Deinen Appell an Schröders Mannen vielen Dank. Leider hat's nix genutzt. Selbst wenn er gekommen wäre, hätte einer wie Schröder angesichts der maximal 80 Leutchen im Plenum und der fehlenden Kamerapräsenz zahlloser Fernseh- und Rundfunksender auf dem Absatz kehrt gemacht. 

Dabei hatte es an vorbereitenden Maßnahmen wahrlich nicht gefehlt. Vom goldstuckierten Saal mit vornehm blauen Stuhlreihen bis zur Kaffee- und Snacktheke nebst Bedienung mangelte es an nichts. Angefangen bei den Organisatoren bis hin zur Buchhandlung Jürgensen vor ihrem üppigen Büchertisch harrte alles der Scharen, die da angesagt waren und kommen sollten und dann kurz vor der Startminute immer noch nicht herein strömten. 

Was war passiert? 
Wie Paul Bludau mir sagte, war die Veranstaltung vom Gleichstellungsausschuß boykottiert worden und zahlreiche verbindlich eingeplante Leute deshalb nicht erschienen. Wie sich später heraus stellte, war außerdem eine breit angelegte Pressemitteilung ergangen, daß die mangelnde Zahlungsmoral der Väter den Staat im Tempo der galoppierenden Schwindsucht ausblute und nunmehr "Väter-Jäger" eingesetzt werden müßten, um die Säumigen am viel zu reichlich bemessenen "Selbstbehalt" zu packen und endlich an den Zahlungstropf zu zwingen. Mit der Quintessenz "Männer sind Schweine" war also wieder einmal zum feministischen Rundumschlag ausgeholt und darüber völlig vergessen worden, daß Statistiken stets interpretationsbedürftig sind und die Wahrheit viele Gesichter hat. 

Für mich dennoch rätselhaft ist, wieso gerade Väter sich durch einen Boykottaufruf von dem Besuch eines für sie außerordentlich wichtigen Diskussionsforums abhalten lassen sollten. Weit glaubhafter erscheint mir da doch das von mir bei ähnlichen Anlässen beobachtete schlichte Desinteresse oder auch die Angst davor, sich als Betroffener zu outen bzw. sich durch den Anschein des Widerstands bei den auf Demut eingeschworenen Jugendämtern und Ex-Frauen keine Chance auf eine gutwillige Umgangsregelung mit dem eigenen Kind zu verscherzen. 

Ich glaube, was mir unlängst ein Vater aus Limburg schrieb, könnte auch in Wuppertal gelten. "Ich käme ja zu gern mal zu einer Veranstaltung, bei der Sie dabei sind. Ihr Buch ist für mich echt so etwas wie die Bibel geworden. Ich habe mich danach zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wie ein Mensch und verstanden gefühlt. Aber wenn meine Ex spitz kriegt, daß ich da war, habe ich als Retourkutsche sofort einen Wisch von ihrer Anwältin auf dem Tisch, daß ich mein Kind nicht mehr sehe." 

Knapp nach Ablauf des Nachzüglern zugestandenen akademischen Viertels und dem Zusammenrücken der Anwesenden, damit die gähnende Leere der zweiten Saalhälfte weniger auffiele, hielt Thomas Martin als Moderator sein Eröffnungsplädoyer. Nacheinander rief er uns auf: Ursula Schmidt, eher bekannt als "rote Ulla", Gleichstellungsbeauftragte der SPD in Bonn, dann Ursula Lietz, Fraktionsvorsitzende der CDU in Wuppertal und Bundestagskandidatin, als Dritte im Bunde mich selbst und schließlich Matthias Matussek vom "Spiegel". Ein Statement war gefragt, mit dem jeder von uns sich in die Diskussion einführen sollte. 

Nervös die Hände bald in die Jackentasche steckend und gleich wieder heraus ziehend, trat "die rote Ulla" ans Rednerpult. Zu Spannung lief die Veranstaltung jedoch erst nach ihren doch recht ermüdenden, nimmer enden wollenden Wahlparolen und den um Paroli bemühten Gegenslogans der Wuppertaler CDU-Dame auf, als mit den Statements von mir und vor allem Matthias Matussek "Butter bei die Fische" kam. 

Die zugunsten der Gastronomie angesagte Kunstpause legte die gerade erst aufgekommene Stimmung ein wenig lahm. Doch da jedermann die Minuten eifrig zur eigenen Polemik nutzte, gelang Thomas Martin rasch ein erneuter Einstieg. Die Diskussion verlief in steigendem Maße leidenschaftlich. Persönliche Schicksale standen gegen die marktschreierisch und mit viel Verve vorgebrachten feministischen SPD-Klischées. 

Der von diesen Berichten teilweise sichtbar angeschlagenen CDU-Dame hingegen fehlten immer wieder die Worte. Zum Schluß waren die mehrheitlich vertretenen Männer gemeinsam mit einigen stimmgewaltig argumentierenden Frauen kaum noch zu zügeln. Die Podiumsdiskussion griff auf den Saal über, und die Schmerzgrenze war schnell erreicht. Die "rote Ulla" gab sich väterfreundlich, malte vollmundig ihre Zukunftsvision von einer Gesellschaft, in der Familie die sind, "die gemeinsam aus einem Kühlschrank essen", alle Frauen erwerbstätig und alle Kinder in der staatlich organisierten und finanzierten Ganztags-Fremderziehung untergebracht sind. 

Scheidung falle, so Schmidt, eben leichter, wenn beide zuvor erwerbstätig gewesen seien. Zugleich präsentierte sie ein Wahlversprechen nach dem anderen. Wollte man ihr glauben, hätte die SPD das Geheimrezept für die Erneuerung des Paradieses auf Erden. Vor allem die Reform des Kindschaftsrechts wäre dann angeblich sofort väterfreundlich ausgedehnt, so daß alle unehelichen Kinder mit ehelichen gleich gestellt würden und alle durch die Bank einen Rechtsanspruch auf ihren Vater bekämen. Daß dieser schon jetzt nicht durchzusetzen ist, stimme zwar in Einzelfällen, sei im übrigen aber gegen den Willen der SPD so verabschiedet worden. Insgesamt habe die SPD das bestmögliche in dieser Sache erreicht. 

Und natürlich ist nie auf SPD-Mist gewachsen, was seit 1977 an Frauenförder- und Männerverhetzungsprogrammen, an Mädchen-Stärkungs- und Jungen-Dämpfungsprogrammen, an Scheidungsdramen und Kinderelend aus dem Füllhorn des Feminismus' strömt. Nicht bereit war die "SPD-Hinterbänklerin", - wie Matussek sie nannte - einen Einzelfall aus dem Plenum zu dem ihren zu machen und positiv für Vater und Kind zu lösen. Matussek hatte sich verbürgt, eine breit angelegte "Spiegel"-Story zu bringen, wenn sie dies schaffe. Mit der Bemerkung, daß sie seine Art zu diskutieren und seinen Stil nicht leiden könne und deshalb mit ihm und "Spiegel" nichts machen wolle, lehnte Ulla Schidt ab

Sie habe kein Interesse an einem Einzelfall. Alle im Plenum sollten ihren Fall vorlegen. Dann werde man alles in Ruhe sichten und prüfen und gegebenenfalls klären. Im übrigen gab Ulla Schmidt sich, wie gesagt, erschüttert, beteuerte immer wieder, daß sie selbstverständlich dafür sei, daß Kinder Väter haben. Auf Befragen räumte sie ein, geschieden und alleinerziehende Mutter einer erwachsenen Tochter zu sein, aber immer gearbeitet und ihren Ex-Mann nie abgeschoben zu haben. Irgendwann beschwor sie sogar die Situation herauf, wie sie kämpfen wolle, käme ihr jemals in ihrem eigenen Wahlkreis ein solcher Fall der Väterausgrenzung zu Ohren, murmelte mir aber im Anschluß an ein kleines Interview, das wir für eine diverse Sener beliefernde Medienagentur gegeben hatten, zu: "Sie immer mit Ihren armen, armen Vätern." Nun denn... 

Wie gesagt, Matussek heizte die Diskussion heftig an. Seine Polemik ist ebenso geschliffen wie bissig-aggressiv und gänzlich rücksichtslos, - oder sollte ich besser sagen, rückhaltlos - so daß vor allem die Frauen immer wieder den Atem anhalten, weil sie so viel Direktheit und unverblümte Kritik nicht gewohnt sind. Ich denke, Matussek gibt den Männern ein Stückweit ihre Identität zurück und neuen Mut, sich zur Wehr zu setzen, indem er ihnen das Gefühl vermittelt, daß sie sich wehren dürfen, ohne als frauenfeindlich verschrien und verachtet zu werden. 

Wer einmal die Erleichterung, ja, geradezu Befreiung in den Gesichtern mancher Männer gesehen hat, die Matusseks kämpferische Worte zu ihren eigenen machen, weiß, wie ausgehungert viele von ihnen nach einem Beweis der Solidarität waren und sind. Die CDU-Frau Lietz war neben SPD-Frau Schmidt etwas blass, weil nicht so versiert, weniger "Billiger-Jakob-like" und alles andere als siegessicher für die eigene Partei-Zukunft. 

Im Gegensatz zur SDP-Dame erweckte sie aber den Eindruck, konkret etwas unetrnehmen zu wollen und hinterließ alle verfügbaren Visitenkarten zur persönlichen Kontaktaufnahme. Bleibt zu warten, wieviel Theaterdonner und wieviel echtes Engagement war. Beide Politikerinnen vermittelten übrigens, daß sie "von allem" bislang keine Ahnung gehabt hätten und in Wolkenkuckucksheim wohnhaft wären. Aus meiner Sicht haben sie für den Fall, daß dies stimmt, gänzlich die Bodenhaftung im Volk verloren und "regieren" ähnlich selbstverliebt wie seinerzeit Louis XIX und Nachfahren, deren Kontaktaufnahme mit dem Volk in schneidender Erinnerung sein dürfte. 

Abgesehen von dieser generellen Beurteilung der hier zutage getretenen Realitätsferne bestätigt die vorgebliche Ahnungslosigkeit der Politikerinnen jedoch auch meinen Eindruck, daß die Aktionen der Vätergruppen bisher nicht "geballt" genug stattfanden und deshalb in der Öffentlichkeit noch zu wenig Kraft haben. Was mich am bestroffensten stimmte, war die Tatsache, daß gleich zu Beginn der Veranstaltung einer der langjährigen "Macher" der Szene heftig anprangerte, der "Väteraufbruch" stelle sich mit Heiligenschein dar, obwohl er in Wirklichkeit eher kontraproduktiv gearbeitet habe und deshalb scharf zu verurteilen sei. Ungeachtet dessen, ob dies stimmt oder nicht, bin ich überzeugt, daß derlei Argumente nicht in eine öffentliche Diskussion mit dem Ziel der Lebensverbesserung für Kinder und Väter gehören. Dies sind Interna, die im geschlossenen Raum zu blutigen Köpfen und die Mitglieder betreffenden Konsequenzen führen mögen. Öffentlich breit getreten, können sie nur dem Gesamtanliegen schaden. 

Daß dieser kurze Zwischenfall nicht zum Desaster und Aufbruch der gesamten Veranstaltung führte, ist letztlich nur Thomas Martin zu danken, der nach einer kleinen Irritation in der Tagesordnung fort fuhr. Die von ihm getroffene Auswahl bestimmter Betroffener, welche bereitwillig ihre Erfahrungen offen legten, erwies sich als geschickter Schachzug. 

Keiner der gebetsmühlenartig heruntergeleierten Polit-Dauerbrenner der Ulla Schmidt hatte auch nur die Chance der Stichhaltigkeit gegenüber der Brisanz dieser leibhaftig vertretenen Schicksale. An ihnen mußte jede Plattitüde und jedes Lamento über die im Rosenkrieg zugrunde gehenden Frauen scheitern. Anerkennend bleibt zu bemerken, daß Frau Lietz trotz knapp bemessener Zeit und nachdrängender Termine eine Stunde zugab und auch Frau Schmidt trotz eines in Aachen auf sie wartenden weiteren Termins sogar bis zum Schluß der Veranstaltung ausharrte. Optimisten mögen darin einen Beweis erkennen, daß selbst routinierte Wahlkämpferinnen weniger abgebrüht sind, als der Schein es vermuten läßt. Seien wir also optimistisch. Immerhin geschehen manchmal auch heute noch Zeichen und Wunder. 

Karin Jäckel , 18 Aug 1998

1) Die Teilnahme Gerhard Schröder's an diesem Vätertreffen war ursprünglich angezeigt.

*Einen ganz herzlichen Dank an die AutorinFrau Dr. Karin Jäckel für diesen nicht nur MÄnner-weckenden Bericht.

weitere Bücher von Karin Jäckel: 
Der gebrauchte Mann Rezension:Pappa.com Rezension: Süddeutsche 
Furcht vor dem Leben - wenn Jugendliche den Tod als einzigen Ausweg sehen
Lieber Papa, mir geht's gut

weitere Titel von Karin Jäckel : 
"Nur aus Liebe?" und "Die Frau an seiner Seite
erhältlich im Buchhandel oder Netbuch.de

Siehe auch: Matthias Matussek zu Wuppertal und Ulla Schmidt

Bei der Gelegenheit möchten wir uns bei der Stadt Freiburg/i.Br. an dieser Stelle ganz herzlich für das Denkmal bedanken, das sie dem Fortschritt der Kindschaftsrechtsreform gesetzt hat.
Foto: ©Gerhard Hanenkamp,1998
Autor: Dr. Karin Jäckel  Datum 25.8.1997 Mail: c/o brain@gabnet.com
Verteiler: HAUPT / MÄNNER/ POLITIK / JUSTIZ / WIRTSCHAFT / LITERATUR / KUNST / TOURISMUS / PSYCHOLOGIE / PHILOSOPHIE / PHYSIK  / CHRONOLISTE
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