| Lieber Gerhard,
für Deinen Appell an Schröders Mannen vielen Dank. Leider
hat's nix genutzt. Selbst wenn er gekommen wäre, hätte einer
wie Schröder angesichts der maximal 80 Leutchen im Plenum und der
fehlenden Kamerapräsenz zahlloser Fernseh- und Rundfunksender auf
dem Absatz kehrt gemacht.
Dabei hatte es an vorbereitenden Maßnahmen wahrlich nicht gefehlt.
Vom goldstuckierten Saal mit vornehm blauen Stuhlreihen bis zur Kaffee-
und Snacktheke nebst Bedienung mangelte es an nichts. Angefangen bei den
Organisatoren bis hin zur Buchhandlung Jürgensen vor ihrem üppigen
Büchertisch harrte alles der Scharen, die da angesagt waren und kommen
sollten und dann kurz vor der Startminute immer noch nicht herein strömten.
Was war passiert?
Wie Paul Bludau mir sagte, war die Veranstaltung vom Gleichstellungsausschuß
boykottiert worden und zahlreiche verbindlich eingeplante Leute deshalb
nicht erschienen. Wie sich später heraus stellte, war außerdem
eine breit angelegte Pressemitteilung ergangen, daß die mangelnde
Zahlungsmoral der Väter den Staat im Tempo der galoppierenden Schwindsucht
ausblute und nunmehr "Väter-Jäger" eingesetzt werden müßten,
um die Säumigen am viel zu reichlich bemessenen "Selbstbehalt" zu
packen und endlich an den Zahlungstropf zu zwingen. Mit der Quintessenz
"Männer sind Schweine" war also wieder einmal zum feministischen Rundumschlag
ausgeholt und darüber völlig vergessen worden, daß Statistiken
stets interpretationsbedürftig sind und die Wahrheit viele Gesichter
hat.
Für mich dennoch rätselhaft ist, wieso gerade Väter sich
durch einen Boykottaufruf von dem Besuch eines für sie außerordentlich
wichtigen Diskussionsforums abhalten lassen sollten. Weit glaubhafter erscheint
mir da doch das von mir bei ähnlichen Anlässen beobachtete schlichte
Desinteresse oder auch die Angst davor, sich als Betroffener zu outen bzw.
sich durch den Anschein des Widerstands bei den auf Demut eingeschworenen
Jugendämtern und Ex-Frauen keine Chance auf eine gutwillige Umgangsregelung
mit dem eigenen Kind zu verscherzen.
Ich glaube, was mir unlängst ein Vater aus Limburg schrieb, könnte
auch in Wuppertal gelten. "Ich käme ja zu gern mal zu einer Veranstaltung,
bei der Sie dabei sind. Ihr Buch ist für mich echt so etwas wie die
Bibel geworden. Ich habe mich danach zum ersten Mal seit langer Zeit wieder
wie ein Mensch und verstanden gefühlt. Aber wenn meine Ex spitz kriegt,
daß ich da war, habe ich als Retourkutsche sofort einen Wisch von
ihrer Anwältin auf dem Tisch, daß ich mein Kind nicht mehr sehe."
Knapp nach Ablauf des Nachzüglern zugestandenen akademischen Viertels
und dem Zusammenrücken der Anwesenden, damit die gähnende Leere
der zweiten Saalhälfte weniger auffiele, hielt Thomas Martin als Moderator
sein Eröffnungsplädoyer. Nacheinander rief er uns auf: Ursula
Schmidt, eher bekannt als "rote Ulla", Gleichstellungsbeauftragte der
SPD in Bonn, dann Ursula Lietz, Fraktionsvorsitzende der CDU in
Wuppertal und Bundestagskandidatin, als Dritte im Bunde mich selbst und
schließlich Matthias Matussek vom "Spiegel". Ein Statement
war gefragt, mit dem jeder von uns sich in die Diskussion einführen
sollte.
Nervös die Hände bald in die Jackentasche steckend und gleich
wieder heraus ziehend, trat "die rote Ulla" ans Rednerpult. Zu Spannung
lief die Veranstaltung jedoch erst nach ihren doch recht ermüdenden,
nimmer enden wollenden Wahlparolen und den um Paroli bemühten Gegenslogans
der Wuppertaler CDU-Dame auf, als mit den Statements von mir und vor allem
Matthias Matussek "Butter bei die Fische" kam.
Die zugunsten der Gastronomie angesagte Kunstpause legte die gerade
erst aufgekommene Stimmung ein wenig lahm. Doch da jedermann die Minuten
eifrig zur eigenen Polemik nutzte, gelang Thomas Martin rasch ein erneuter
Einstieg. Die Diskussion verlief in steigendem Maße leidenschaftlich.
Persönliche Schicksale standen gegen die marktschreierisch und mit
viel Verve vorgebrachten feministischen SPD-Klischées.
Der von diesen Berichten teilweise sichtbar angeschlagenen CDU-Dame
hingegen fehlten immer wieder die Worte. Zum Schluß waren die mehrheitlich
vertretenen Männer gemeinsam mit einigen stimmgewaltig argumentierenden
Frauen kaum noch zu zügeln. Die Podiumsdiskussion griff auf den Saal
über, und die Schmerzgrenze war schnell erreicht. Die "rote Ulla"
gab sich väterfreundlich, malte vollmundig ihre Zukunftsvision von
einer Gesellschaft, in der Familie die sind, "die gemeinsam aus einem Kühlschrank
essen", alle Frauen erwerbstätig und alle Kinder in der staatlich
organisierten und finanzierten Ganztags-Fremderziehung untergebracht sind.
Scheidung falle, so Schmidt, eben leichter, wenn beide zuvor erwerbstätig
gewesen seien. Zugleich präsentierte sie ein Wahlversprechen nach
dem anderen. Wollte man ihr glauben, hätte die SPD das Geheimrezept
für die Erneuerung des Paradieses auf Erden. Vor allem die Reform
des Kindschaftsrechts wäre dann angeblich sofort väterfreundlich
ausgedehnt, so daß alle unehelichen Kinder mit ehelichen gleich gestellt
würden und alle durch die Bank einen Rechtsanspruch auf ihren Vater
bekämen. Daß dieser schon jetzt nicht durchzusetzen ist, stimme
zwar in Einzelfällen, sei im übrigen aber gegen den Willen der
SPD so verabschiedet worden. Insgesamt habe die SPD das bestmögliche
in dieser Sache erreicht.
Und natürlich ist nie auf SPD-Mist gewachsen, was seit 1977 an
Frauenförder- und Männerverhetzungsprogrammen, an Mädchen-Stärkungs-
und Jungen-Dämpfungsprogrammen, an Scheidungsdramen und Kinderelend
aus dem Füllhorn des Feminismus' strömt. Nicht bereit war
die "SPD-Hinterbänklerin", - wie Matussek sie nannte - einen Einzelfall
aus dem Plenum zu dem ihren zu machen und positiv für Vater und Kind
zu lösen. Matussek hatte sich verbürgt, eine breit angelegte
"Spiegel"-Story zu bringen, wenn sie dies schaffe. Mit der Bemerkung, daß
sie seine Art zu diskutieren und seinen Stil nicht leiden könne und
deshalb mit ihm und "Spiegel" nichts machen wolle, lehnte Ulla Schidt ab.
Sie habe kein Interesse an einem Einzelfall. Alle im Plenum sollten
ihren Fall vorlegen. Dann werde man alles in Ruhe sichten und prüfen
und gegebenenfalls klären. Im übrigen gab Ulla Schmidt sich,
wie gesagt, erschüttert, beteuerte immer wieder, daß sie selbstverständlich
dafür sei, daß Kinder Väter haben. Auf Befragen räumte
sie ein, geschieden und alleinerziehende Mutter einer erwachsenen Tochter
zu sein, aber immer gearbeitet und ihren Ex-Mann nie abgeschoben zu haben.
Irgendwann beschwor sie sogar die Situation herauf, wie sie kämpfen
wolle, käme ihr jemals in ihrem eigenen Wahlkreis ein solcher Fall
der Väterausgrenzung zu Ohren, murmelte mir aber im Anschluß
an ein kleines Interview, das wir für eine diverse Sener beliefernde
Medienagentur gegeben hatten, zu: "Sie immer mit Ihren armen, armen Vätern."
Nun denn...
Wie gesagt, Matussek heizte die Diskussion heftig an. Seine Polemik
ist ebenso geschliffen wie bissig-aggressiv und gänzlich rücksichtslos,
- oder sollte ich besser sagen, rückhaltlos - so daß vor allem
die Frauen immer wieder den Atem anhalten, weil sie so viel Direktheit
und unverblümte Kritik nicht gewohnt sind. Ich denke, Matussek gibt
den Männern ein Stückweit ihre Identität zurück und
neuen Mut, sich zur Wehr zu setzen, indem er ihnen das Gefühl vermittelt,
daß sie sich wehren dürfen, ohne als frauenfeindlich verschrien
und verachtet zu werden.
Wer einmal die Erleichterung, ja, geradezu Befreiung in den Gesichtern
mancher Männer gesehen hat, die Matusseks kämpferische Worte
zu ihren eigenen machen, weiß, wie ausgehungert viele von ihnen nach
einem Beweis der Solidarität waren und sind. Die CDU-Frau Lietz war
neben SPD-Frau Schmidt etwas blass, weil nicht so versiert, weniger "Billiger-Jakob-like"
und alles andere als siegessicher für die eigene Partei-Zukunft.
Im Gegensatz zur SDP-Dame erweckte sie aber den Eindruck, konkret etwas
unetrnehmen zu wollen und hinterließ alle verfügbaren Visitenkarten
zur persönlichen Kontaktaufnahme. Bleibt zu warten, wieviel Theaterdonner
und wieviel echtes Engagement war. Beide Politikerinnen vermittelten übrigens,
daß sie "von allem" bislang keine Ahnung gehabt hätten und in
Wolkenkuckucksheim wohnhaft wären. Aus meiner Sicht haben sie für
den Fall, daß dies stimmt, gänzlich die Bodenhaftung im Volk
verloren und "regieren" ähnlich selbstverliebt wie seinerzeit Louis
XIX und Nachfahren, deren Kontaktaufnahme mit dem Volk in schneidender
Erinnerung sein dürfte.
Abgesehen von dieser generellen Beurteilung der hier zutage getretenen
Realitätsferne bestätigt die vorgebliche Ahnungslosigkeit der
Politikerinnen jedoch auch meinen Eindruck, daß die Aktionen der
Vätergruppen bisher nicht "geballt" genug stattfanden und deshalb
in der Öffentlichkeit noch zu wenig Kraft haben. Was mich am bestroffensten
stimmte, war die Tatsache, daß gleich zu Beginn der Veranstaltung
einer der langjährigen "Macher" der Szene heftig anprangerte, der
"Väteraufbruch" stelle sich mit Heiligenschein dar, obwohl er in Wirklichkeit
eher kontraproduktiv gearbeitet habe und deshalb scharf zu verurteilen
sei. Ungeachtet dessen, ob dies stimmt oder nicht, bin ich überzeugt,
daß derlei Argumente nicht in eine öffentliche Diskussion mit
dem Ziel der Lebensverbesserung für Kinder und Väter gehören.
Dies sind Interna, die im geschlossenen Raum zu blutigen Köpfen und
die Mitglieder betreffenden Konsequenzen führen mögen. Öffentlich
breit getreten, können sie nur dem Gesamtanliegen schaden.
Daß dieser kurze Zwischenfall nicht zum Desaster und Aufbruch
der gesamten Veranstaltung führte, ist letztlich nur Thomas Martin
zu danken, der nach einer kleinen Irritation in der Tagesordnung fort fuhr.
Die von ihm getroffene Auswahl bestimmter Betroffener, welche bereitwillig
ihre Erfahrungen offen legten, erwies sich als geschickter Schachzug.
Keiner der gebetsmühlenartig heruntergeleierten Polit-Dauerbrenner
der Ulla Schmidt hatte auch nur die Chance der Stichhaltigkeit gegenüber
der Brisanz dieser leibhaftig vertretenen Schicksale. An ihnen mußte
jede Plattitüde und jedes Lamento über die im Rosenkrieg zugrunde
gehenden Frauen scheitern. Anerkennend bleibt zu bemerken, daß Frau
Lietz trotz knapp bemessener Zeit und nachdrängender Termine eine
Stunde zugab und auch Frau Schmidt trotz eines in Aachen auf sie wartenden
weiteren Termins sogar bis zum Schluß der Veranstaltung ausharrte.
Optimisten mögen darin einen Beweis erkennen, daß selbst routinierte
Wahlkämpferinnen weniger abgebrüht sind, als der Schein es vermuten
läßt. Seien wir also optimistisch. Immerhin geschehen manchmal
auch heute noch Zeichen und Wunder.
Karin Jäckel , 18 Aug 1998
1) Die
Teilnahme Gerhard Schröder's an diesem Vätertreffen war ursprünglich
angezeigt. |