Nachruf zum Tode von Arthur Krajc 
Lieber Arthur,

als ich heute meinen Anrufbeantworter abhörte, erhielt ich die Nachricht, daß Du Dich vor einigen Wochen für immer von uns verabschiedet hast.

Diese Nachricht wird viele von uns betroffen machen, warst Du doch einer der wenigen, der sein Leben in den Dienst einer menschlichen Gesellschaft stellte  und durch die lange Zeit in der Du die schwierige Arbeit gemacht hast, wie durch Deine vielen öffentlichen Auftritte bei Veranstaltungen, Seminaren, Treffen in Deiner nimmermüden, quirlige Art vielen bekannt warst.

Viele haben Dir zu verdanken, daß sie mit ihren Kindern und Eltern wieder zusammen sein konnten. Du hast keinen und nichts geschont, wenn es darum ging, die Wahrheit zu verbreiten. Du wurdest nicht von allen geliebt - dazu hattest Du zuviele Ecken und Kanten - aber geschätzt. Das ist manchmal viel wichtiger.

Die Nachricht, daß Du uns verlassen hast, macht mich traurig, weil mit
Deinem Abschied die Stimme eines großen Kämpfers für die Menschenrechte nicht mehr zu hören ist. Deine mahnenden, oft zornigen Worte werden nie mehr zu hören sein. Nur in Deinen Flugblättern, die immer wieder den Nagel auf den Kopf trafen, die perfekt formuliert waren, die immer den Finger in die Wunde legten, bleiben sie uns erhalten

Auch dafür danke ich Dir, denn sie haben in vielen Fällen bleibenden
Wert bekommen.

Aber keinen Abschied von Dir, wenn nicht auch die menschliche Seite,
beleuchtet wird, die ich im Mai 1995 in Bad Boll auf der Tagung zum sexuellen Mißbrauchsvorwurf kennen und lieben lernen durfte, auch, wenn es manchmal etwas anstrengend mit Dir wurde!

Da kamst Du - wie immer verspätet zu den Veranstaltungen - klein, wieselig, eine grifflose schwarze Aktentasche unter Deinem Arm, bei der bereits die Flugblätter herausblitzten, in den Raum, und legtest davon mehrere Stöße zu den bereits vorhandenen anderen, "offiziellen" Informationen hinzu, ohne um Erlaubnis zu fragen. Es war selbstverständlich, denn Du warst ja Arthur - und viele kannten Dich bereits aus Deiner langen Arbeit.

Immer, wenn Du kamst, - wie gesagt - alle waren schon da - ging ein Raunen durch den Raum, sobald Du erblickt wurdest und die erstaunte Frage nach dem kleinen, alten, quirligen Herrn, der seine Flugblätter in gekonnter und geübter Weise, nahezu ohne daß andere es mitbekamen, auf die Auslagen verteilte, wurde beantwortet mit: "Das ist Arthur, wer das ist, erzähle ich Dir später!"  Das mußte man auch, denn über Dich gab es soviel Anekdoten, daß sie jeden Rahmen einer Tagung sprengten, würden sie im offiziellen Teil erzählt.

Und dann setztest Du Dich oft in die ersten Reihen, hörtest zu - auch wenn es Dir manchmal schwer fiel - und nicht lange danach gab es oft zwei verschiedene Töne: Ein Schnarchen und gleich darauf ein Pfeifen. "Aha", ging es dann durch die Reihen, "Arthur schläft." Niemand nahm es Dir übel, nur, wenn das Pfeifen Deiner Hörgeräte so laut wurde, daß der Redner nicht mehr zu verstehen war, landete von Zeit zu Zeit ein Ellenbogen in Deinen Rippen, ein etwas verstörtes "Was ist denn los?" kam aus Deinem Mund, vom Nachbarn der Hinweis, daß das Hörgerät so laut piepte, daß Du es einstellen solltest und weiter ging unter
oftmaligem Schmunzeln der Zuhörer und der Podiumsteilnehmer, die Dich
kannten.

Je nach Wichtigkeit des Vortrages wiederholte sich dieser Vorgang
quasi als Indikator.

War dann die Diskussion freigegeben, war einer immer mit dabei, der stehend, die Mappe mit den Flugblättern unter dem Arm, etwas schief stehend, mit angewinkeltem rechten Arm, den Zeigefinger kerzengerade in die Luft erhoben, sich mit seinem kleinen, drahtigen Körper ein wenig in die Luft schraubend, ein wildes Pamphlet in die Runde zu geben: Arthur. Es hatte immer seine Wirkung - aber Arthur, hier verzeih mir meinen Spott, der jedoch nicht böse gemeint ist.- sie war nicht immer die von Dir erhoffte. Oft trug sie dazu bei, den Saal aus der
Lethargie zu befreien. Viele haben nicht das gehört, was Du vermitteln wolltest, sondern waren gespannt, mit welchem Engagement Du Deine Beiträge wort- und gestengewaltig "unter das Volk gebracht hast". Es waren nicht immer Sätze, die besänftigend hätten wirken können, denn ein guter Redner warst Du nie, im Gegenteil: Du hast ohne Rücksicht auf Rückwirkungen für Dich nicht nur die Wahrheit benannt, sondern sie auch in Deinen mit viel Verstand und Menschlichkeit geschriebenen Flugblättern allen, die sie lesen wollten - vor allem auch denen, die sie nicht lesen wollten, in die Hände gedrückt. Sie mußten diese Wahrheiten einfach zur Kenntnis nehmen.

Aber qualifiziert schimpfen konnte auf den Tagungen keiner so gut wie Du

- und (ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es könnte sein) einige sind
vielleicht nur deswegen zu den Tagungen gekommen, um Dich in voller
Lebensgröße zu erleben.

Diese Liebe zur Wahrheit hat Dir mit Gerichten und Behörden viel Ärger
eingebracht, doch bist Du immer erhobenen Hauptes aus dem Saal gegangen und hast häufig verdutzte und auf ihren Auftrag hingewiesene Richter, Gutachter, Jugendämter und Rechtsanwälte zurückgelassen - oft ratlos, warum sie manche Sachverhalte nicht mehr so verhandeln konnten, nachdem Du Deinen Auftritt hattest.

Dadurch ist es Dir auch zu verdanken, daß es einige Menschen gibt, die Dir ihre Freiheit, Ehre, den Umgang und die Sorge mit und für ihre Kinder wahrnehmen konnten, obwohl Du selbst sehr darunter gelitten hast, daß Deine Bindung an Deine Kinder auch zerstört wurde und Du nur wenig Einfluß hattest, ihnen einen Weg ins Leben zu zeigen.

Lieber Arthur, oben schrieb ich schon, daß es über Dich viele Anekdoten gibt. Sie oder einige davon zu erzählen, überlasse ich anderen. Erwähnen möchte ich jedoch auch, daß Du bereits in Zeiten des Unrechts in der DDR ein mutiger Mensch warst, der dafür sogar lange Jahre im Gefängnis war. Diese Jahre haben Dich körperlich gezeichnet, aber nicht gebrochen - im Gegenteil: Unrecht war bei Dir ohne Ansehen der Nation oder der politischen Couleur überall da zu benennen und abzustellen, wo es aufgetreten ist. Dafür hast Du Dich unter Aufgabe Deines Privatlebens eingesetzt. Dafür möchte ich Dir danken und mich voller Ehrfurcht, aber auch mit dem Zwinkern in den Augen über Dich als
kleinem, kauzigen Mitstreiter für immer verabschieden.

Du wirst uns nicht nur auf den weiteren  Tagungen  fehlen.

Horst Schmeil

 

Autor: Horst Schmeil
Erstellungsdatum 21.05.1999 G*A*B - Datum:  23.05.1999  Mail:pappas@berlin.snafu.de
Verteiler:HAUPT / MÄNNER / BOYSPOLITIK / JUSTIZ / WIRTSCHAFT / LITERATUR / KUNST / BÜCHER / TOURISMUS / PSYCHOLOGIE / PHILOSOPHIE / PHYSIK  / CHRONOLISTE
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