| Im Vorgriff auf die Preisverleihung bescheinigte
Thomas Schmid (in einer unsäglichen "Würdigung" in der Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung vom 7. Oktober 2001) Jürgen Habermas "bundesdeutsches
Mittelmaß". Doch wer ist schon Schmid? Der pinkelt dem Habermas vielleicht
auf den großen Zeh, wenn er meint, dessen Knie erreichen zu können.
Egal!
Vor der Paulskirche wurde der Friedenspreisträger Jürgen Habermas
als "Kriegsphilosoph" beschimpft, drinnen ging es recht friedlich zu, es
wurde keine "Sonntagsrede" gehalten, die auf Provokation und Konfrontation
angelegt war. Habermas hielt eine nachdenkliche Rede, die zum Nachdenken
denn halt auch aufforderte. Von Habermas, dem Philosophen der "Verständigung",
war anderes auch nicht zu erwarten.
Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung vom 15. Oktober 2001) hat
die Rede von Jürgen Habermas bei der Verleihung des Friedenspreises
des Deutschen Buchhandels recht kritisch gewürdigt. "Darf man", so
schreibt Franziska Augstein, "in Zeiten des Krieges einen 'Friedenspreis'
in Empfang nehmen, ohne sich über die Diskrepanz zwischen dem Ehrentitel
und der Lage jenseits der Festbühne äußern?" Und: "Wer
Habermas ehrt, wird ihm nicht verdenken, daß er sich über den
Krieg nicht äußern wollte. Seine Rede hob denn auch mehr auf
das Thema der Gentechnik ab. Offen bleibt, ob er damit eines Tages Weitsicht
bewiesen haben wird oder ob es ihm selbst womöglich bald einfallen
wird, sich über die eigene Diskretion zu ärgern."
Die Dankrede von Jürgen Habermas kann so gelesen werden
... muß aber nicht, weil
1. Habermas sehr wohl auf die Ereignisse vom 11. September 2001 einging.
Gleich am Anfang seiner Rede (Glaube, Wissen - Öffnung, in: Süddeutsche
Zeitung vom 15. Oktober 2001) sagt Habermas: "Wenn uns die bedrückende
Aktualität des Tages die Wahl des Themas sozusagen aus der Hand reißt,
ist die Versuchung groß, mit den John Waynes unter uns Intellektuellen
um den schnellsten Schuß aus der Hüfte zu konkurrieren." Daß
der Habermas keiner ist, der mit Lucky Luke (schießt schneller als
sein Schatten und dürfte John Wayne schon ein bißchen überlegen
sein) sich messen könnte, sollte bekannt sein. Habermas denkt sicher
nach, kann ob dieser altertümlichen Eigenart, die die Tendenz einer
"Historisierung" (die Reemtsma in seiner Laudatio ordentlich niedermachte)
seines Wirkens vielleicht befördert, auch einmal "ins Gras beißen",
weil im zivilisierten "Wilden Westen" manchmal auch zuerst geschossen und
dann gefragt wird. Die Preisverleihung wurde also eine "Stunde der Selbstbesinnung,
die die aktuelle Bedrohungssituation in ihrem geistesgeschichtlichen Gehalt
zu verstehen suchte: als eine Aktualisierung des großen Traditionsthemas |
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'Glauben und Wissen' ..." (Christian Geyer, Der letzte
Metaphysiker, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Oktober 2001).
Daraus ergibt sich, daß
2. die Rede von Habermas als unpolitische und der Weltlage unangemessene
halt gerade nicht gehört werden konnte. Das wurde in der Sendung "Kulturzeit"
vom 15. Oktober 2001 ähnlich gesehen, wenn auch in der Anmoderation
von Scobel (das ist der, der die Weisheit mit Löffeln gefressen zu
haben meint) kräftig entgegengerudert wurde. Habermas geht explizit
auf die Folgeprobleme und Katastrophen der Säkularisierung ein ...
wenn das zum Verständnis der gegenwärtigen Weltlage nicht auch
beiträgt und vielleicht Möglichkeiten eröffnet, einer kapitalistisch
globalisierten Welt ein humaneres Gesicht erstmals zu geben, dann könnten
wir Habermas wirklich vergessen. Bei einem Theoretiker und intervenierenden
Intellektuellen, für den immer die Verständigung und die "Anschlußfähigkeit"
(so Reemtsma in seiner Laudatio) wesentlich waren und sind, ist diese Thematik
aber halt keine, die den Systemen zweckrationalen Handelns anheim gegeben
werden kann, denn
3. "Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich
im Modus der Übersetzung. Das ist es, was der Westen als die weltweit
säkularisierende Macht aus seiner eigenen Geschichte lernen kann.
Sonst wird der Westen auch der arabischen Welt nur als Kreuzritter einer
konkurrierenden Glaubensmacht oder als Handlungsreisender einer instrumentellen
Vernunft, die jeden Sinn unter sich begräbt, erscheinen." (Habermas
in der Dankesrede, a.a.O.) Darüber mal nachzudenken würde sich
lohnen, wenn auch
4. wir uns nicht täuschen sollten, weil es mit der Geschichte halt
immer Probleme gibt: "Nachher weiß man's besser." (Habermas. a.a.O.)
Das ist für einen Habermas schon recht trivial, belehrt uns aber,
daß selbst ein "Staatsphilosoph" sich belehren lassen muß.
Darin unterscheidet er sich denn auch nicht von meiner Großmutter,
die immer sagte: "Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu!"
Die Oma wurde 94, Habermas ist erst 72!
Schluß!
Gruß |