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Sloterdijk
und die geistigen Grundlagen der Republik |
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| /VON THOMAS ASSHEUER
Verstehe, wer will. Seit Jahren warnen ungezählte Ethik-Professoren vor den Gefahren der Gentechnik für das humanistische Menschenbild. Nichts passiert. Doch kaum hält ein Philosoph einen Vortrag, der dem Humanismus die Totenglocke läutet, entzündet sich eine Kontroverse, die alles in den Schatten stellt. Und doch. Könnte es sein, dass der Urheber des „deutschen Bebens",
der Schriftsteller und Philosoph Peter Sloterdijk, eine falsche Fährte
gelegt hat? Geht es ihm wirklich nur um
Und was hat all das mit der Berliner
Republik zu tun? Ganz einfach. Wenn Humanismus passe ist, sind Unrecht
und Ungerechtigkeit kein Skandal mehr. Und siehe da, plötzlich gewinnt
Sloterdijk der Krise des Sozialstaats eine gute Seite ab. Endlich, so lässt
er
Das sollte reichen. Doch einige schwarzgrüne Kesselpauker aus dem
Orchestergraben der Republik entdecken in Sloterdijks Phantasmen eigene
Wünsche. Dass auch Antje Vollmer
mitspielt, ist symptomatisch, und ihre Polemik in der FAZ (27. 9. 99) liest
sich wie ein
Andere pusten ins selbe Horn. Selbst im Tagesspiegel heißt es
deutsch, aber glücklich, das altlinke Alarmsystem der Sloterdijk-Kritiker
habe sich stets gegen die .Wiederkehr des
„Das Deutsche in den Deutschen". Das scheint des Pudels Kern beim Streit um ein philosophisches Irrlicht. Wieder einmal deutsche Tiefe gegen flache Kritik? Deutscher Mythos gegen westliche Massenkultur? Aber welche Denker und Dichter müssen aus den „sinnlichen Gärten" des Deutschen befreit werden? Dass Heidegger 1933 ein Nazi war, hat sich auch nach 1989 nicht geändert, was kein Grund ist, ihn nicht zu lesen. Im Übrigen: Hat Anfang der achtziger Jahre nicht genau jenes linksliberale Milieu Sloterdijks Heidegger-Lektüren enthusiastisch gefeiert, dem man heute Zensur zur Last legt? Und seit langem gibt eine Feuilleton-Allianz aus Postmoderne und Neo-konservativismus den Ton an, während sich die Generation Berlin an das Horrorgemälde vom linken Übermoralisten klammert, der mit vorgehaltener Meinungspistole die deutsche Kultur in den Untergrund jagt. Es ist nicht zu fassen. Kaum verlangt Sloterdijk den neuen Mythos, rufen
die Quartiermacher der Republik nach deutscher Identität. Immunschutz
ist ansteckend. Aber hat nicnt der zu
Blühender Unsinn ist auch die Forderung nach einer „metaphysischen
Neugründung" der Republik, von interessierten Kreisen mit Feingespür
für die innere Bedürfnislage der äußeren Nation in
die Welt gesetzt. Was soll das sein? Eine Staatsschutzphilosophie mit eingebauter
Feinderkennung und geistiger Krisenfederung? Auch wenn der Berliner Weltgeist
seine Tropfkerze mit dem Licht der Vernunft verwechselt: Im Auge des Philosophen
spiegeln sich Theorien - und nicht der Staat. Die Philosophie gehört
dem freien Geist, der sich Traditionen anverwandelt und, anders als Sloterdijk,
die Grenze
Noch etwas kann man aus dem Streit lernen, der in einem bayerischen Schloss aufstieg, um der Republik die Zunge zu lösen. Die neuheidnischen Pamphlete der Rechtsintellektuellen besitzen einen Erfahrungskern, den zu verkennen niemand sich leisten kann. Aus ihnen spricht die Panik vor der bedeutungslosen Welt, die Furcht, der Medien-Kapitalismus könne einen neuen Banalisierungsschub auslösen, bei dem kein Stein und kein Wort auf dem anderen bleibt. Oder in der Lesart des liberalen Literaturwissenschaftlers George Steiner: Nach 1989 hat der Westen seine Binnenspannung eingebüßt und muss sich nicht mehr über kulturelle Werte rechtfertigen, sondern kann unmaskiert zeigen, was ihn im Innersten zusammenhält: Geld, Macht und Wissen. Doch inzwischen stehen die „Kinder der Freiheit" einer Welt, die fast nur die Börsenkurse als legitime Notierung des Schicksals anerkennen will, mit Skepsis gegenüber. Weil die linke Kulturkritik sanft verdämmert, weil postmoderne Denker die Erfahrung des Lebens gern im Säurebad der Ironie auflösen, kommt Fundamentalkritik von rechts. Und nicht zufällig endet Sloterdijks zweiter Band der Sphären mit Spenglers Klage über die trostlose Freiheit der Stadt-Nomaden. Nun liegen die Karten auf dem Tisch. Die Berliner Republik gewinnt an Kontur. Im Schlagschatten von Sloterdijk versammelt sich die Koalition derer, die den „Geist der Bundesrepublik" überwinden wollen. Das ist ihr gutes Recht. Doch damit, so ahnt Patrick Bahners in der FAZ, eröffnen sich Aussichten auf den geistigen Bürgerkrieg. Eine Kulturkritik, mit aggressivem Ressentiment gegen Sozialstaat und „Massenkultur" aufgeladen, ist durchaus geeignet, die demokratische Kultur zu vergiften. Die Evolution in eigener Regie Je mehr man es dreht und wendet: Das, was inzwischen der „Sloterdijk-Streit" heißt, entwickelt sich zu einer auf unterschiedlichen Bühnen inszenierten, wundersamen Chamäleon-Affäre. Die Zuschauer reiben sich inzwischen fast täglich erstaunt die Augen über'des Streites neue Kleider. Da war einmal die Empörung über einen — mehr oder minder geheimen — als faschistoid gebrandmarkten Skandaltext zur biologischen Menschenzüchtung, nicht mehr ganz taufrisch allerdings, war er doch schon Jahre zuvor einem kunstsinnigen Basler Publikum vorgetragen worden ohne größeren Eklat. .(Merke: Wenn man dasselbe in Basel oder auf Schloss Elmau sagt, es ist eben nicht dasselbe!) Aus der Elmauer Empörung wurde hand-kehrum ein geschichtsphilosophischer
Wettstreit in Sachen Nekrologie nach dem Muster: Sagst du meine Kritische
Theorie tot, schreibe ich
Bedauerlich ist allerdings, dass in der Hitze des Gefechts auch schon mal vergessen wird, worüber man sich eigentlich streiten sollte. Statt die im Elmau-Vortragstext - zugegebenermaßen mehr provokant als kompetent - ausgesprochene Botschaft zu diskutieren, hat man sich männiglich darauf geeinigt, lieber über den Boten zu klatschen; statt des gemeinten Sackes schlägt man vorsichtshalber gleich den Esel; es könnte sich ja um einen trojanischen handeln. Den philosophischen Beobachter, der von der — zumindest voreiligen —Todesanzeige
der Kritischen Theorie unbeirrt an seinem ideologiekritischen Geschäft
festhält, wundert das
Nun aber, da der Kampf bereits in die vierte Runde geht, zeigt das Publikum
deutliche
Längst beeinflussen die Menschen ihre Entwicklung Lässt man all die Nietzsche-Philologie und Heideggerei beiseite, geht es bei dem von Sloterdijk angesprochenen Problemfeld vordringlich um drei Fragen: 1. Gilt die „große biologische Rahmenerzählung" von der Evolution nicht nur deskriptiv und als ex-post-Erklärung, sondern auch präskriptiv und prognostisch? Anders: Wenn die Evolutionsbiologie uns lehrt, dass jede Spezies sich entweder biologisch weiterentwickelt oder ausstirbt, warum sollte das nicht auch für Homo sapiens sapiens gelten? Und was würde das bedeuten, vorausgesetzt, er stürbe nicht aus? 2. Bedeutet die uns spätestens seit Herder geläufige These, dass die kulturelle Evolution der Menschen Fortsetzung der natürlichen Evolution sei, auch, dass Homo sapiens sapiens nun seine natürliche Evolution „in die eigene wissenschaftlich-technische Hand" nimmt? 3. Vorausgesetzt, die beiden ersten Fragen könnten bejaht werden,
nach welchen Prinzipien und Normen sollen wir über die von uns selbst
vorzunehmenden evolutionären
Es bedarf weder "besonderen Scharfsinnes noch spezieller Schulung, um
zu bemerken, dass zum einen die beiden Fragen sich nur scheinbar auf objektive,
das heißt „bloß"
Aber auch ein Bereich, der gegenwärtig explosionsartig wächst,
sollte hier nicht vergessen werden. Der Mensch hat — völlig ohne genetische
Anthropotechnik — bereits eine
Und selbst im engeren biologischen Bereich, den wir hierzulande (aus
guten Gründen der Erinnerung an die „beispiellos verdüsterten
Jahre" nicht nach, sondern vor 1945) ungern
Wir sehen deutlich, dass Sloterdijk in einer Beziehung Recht hatte (ob
er es nun so gemeint hat oder nicht): Die Frage nach Regeln und Normen,
mit deren Hilfe wir uns in den
Indessen — das ist noch nicht alles; es geht Sloterdijk um die Elite.
Dass es mit dem Griff in das Züchtungsgruselkabinett doch nicht so
ganz ernst war, sieht man daran, dass Sloterdijk
Nicht in der abwegigen Züchtungsidee liegt also die Bedeutung von
Sloterdijks „Menschenpark"-Rede, sondern allein in ihrer geschilderten
massenmedialen Funktion. Wie der Subtext zum Menschenpark-Streit
wirkte eine in der vergangenen Woche lancierte Meldung, dass es Genforschern
aus der Schweiz und den USA gelungen sei, „lebensfähige Tiere als
Miniaturen zu kreieren", was etwa für Norbert
Lossau in der Welt vom 24. September offenbar hinreichender Anlass für
einen Leitartikel zur Beantwortung der bangen Frage war: „Erster Schritt
zum Mini-Menschen?" Solange die Gentechnikdebatte mit Publizität dieser
Art rechnen muss, hat die Bio- und Genethik ihre Schularbeiten noch nicht
zufriedenstellend gemacht.
Insofern hat Sloterdijk seine Schuldigkeit getan. Jetzt kann er gehen und an seinem „Sphären"-Projekt weiterarbeiten. Oder sich vielleicht einmal in einem Pflanzenzüchtungslabor darüber informieren, wie schwierig das, was er den schaudernden Zuhörern als Menetekel an die Elmauer Wand geschrieben hat, schon bei Zuckerrüben oder Mais zu realisieren ist — von den Menschen ganz zu schweigen. |
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W. Ch.Zimmerli lehrt Systematische Philosophie in Marburg. Von Oktober an wird er die private Universität in Witten/Herdecke leiten
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Burkard Kircher: SLOTO ANTHROPOTECH & das ZARATHUSTRA-PROJEKT oder Dolly läßt grüßen |
| Autor: Assheuer/Zimmerli |
| Erstellungsdatum 9.02.1998 G*A*B - Datum: Mail: brain@gabnet.com |
| Verteiler: HAUPT / MÄNNER / BOYS / POLITIK /JUSTIZ / WIRTSCHAFT/ LITERATUR/ KUNST / BÜCHER / TOURISMUS / PSYCHOLOGIE / PHILOSOPHIE / PHYSIK / CHRONOLISTE |
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| © G*A*B; Überarbeitet am: ; Adresse der Webseite: http://www.gabnet.com/phil/sloter1.htm |