Am Pranger:
(nicht nur)Jugendamt Lauterbach(Hessen)
Samstag, 5 Februar 2000 Nummer 30

GASTKOMMENTAR

Streit sollte im Gespräch gelöst werden

Ersatzfamilie in einem Kinderdorf

Von Twek Schlehuber

Für immer mehr Kinder und Jugendliche ergibt sich im Laufe ihres jungen Lebens die Situation, ihr Zuhause auf Grund von Spannungen innerhalb der Familie verlassen zu müssen Sie stehen dann der völlig neuen Welt eines Heimes oder Kinderdorfes gegenüber.

Auch im Falle von Natascha sind Streitigkeiten und Auseinandersetzungen m der Familie Ausgangspunkt für ihr weiteres Schicksal. Wie so oft trennen sich die Eltern, die Familienbande beginnen zu bröckeln. Familiärer Streit und die Unfähigkeit, zwischenmenschliche Probleme im Gespräch zu lösen, fuhren zum Auseinanderdriften derFamilienzusammengehörigkeit. Jeder geht seinen eigenen Weg. Irgenwann ver-

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selbständigt sich die Situation, der Einfluss auf die Kinder geht verloren. Die Jugendlichen flüchten in.sich selbst, ins Ungewisse oder zu Verwandten und Bekannten

Die Polizei und das Sozialamt werden eingeschaltet. Kinderpsychologen entscheiden zusammen niit Familienberatern über den weiteren Weg des Einzelnen. Stellen die Psychologen ein gestörtes, nicht mehr zu reparierendes Zusammenleben in der Familie fest und droht dem Jugendlichen weiterer Schaden, wird eine Heimunterbringung notwendig.

In der „Ersatzfamilie" lernt der Bewohner unter Hilfestellung geschulter Betreuer aufkommende Unstiinmigkeitea zu bewältigen, über die Schwierigkeiten des Alltags zu reden und sich in einer „normalen Familie" zu bewegen. Auch für Natascha war die Einweisung in das Kinderdorf in Maberzell die richtige Entscheidung Die 14-Jährige hat ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Sie hat konkrete Vorstellungen und Pläne für die Zukunft. Aus den Fehlern ihrer Mutter glaubt sie gelernt zu haben und möchte diese unbedingt vermeiden. Ich hoffe für sie, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Am Beispiel von Natascha kann man erkennen, wie wichtig es ist, dass es Kinderdörfer gibt und Menschen, die einen Sinn darin sehen, anderen zu helfen.



*Tarek Schlehuber (14) stammt aus Rückers und besucht das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium in Schlüchtern

Junge Leute     Magazin am Wochenende                                             M 5

Auf und davon - viele Jugendliche hauen von zu Hause ab.                                Foto: Arnulf Müller

Die 14-jährige Natascha K. kam vor viereinhalb Jahren nach Maberzell ins Kinder- und Jugenddorf

Nie mehr nach Hause zurück

Von Dominika Hanshen

Den Ort, an dem Ausreißer wie Natascha K. (Name von der Redaktion geändert) ein neues Zuhause gefunden haben, stellen sich viele wahrscheinlich komplett anders vor. Die 14-Jährige wohnt in einer Idylle: Einfamilienhäuser, die Anfang der 80er Jahre erbaut worden sind, reihen sich aneinander. Straßen und Vorgärten sehen gepflegt aus, und abends sind in den beleuchteten Räumen Bilder von Kindern zu erkennen. Das Zimmer von Natascha ist geräumig. Die 14-Jährige ist ein hübsches, groß gewachsenes und schlankes Mädchen mit braunen Haaren, die ihr bis zum Kinn reichen, und hat große braune Augen, die selbstbewusst in die Welt sehen. Vor viereinhalb Jahren ist sie aus dem Vorort einer hessischen Großstadt nach Maberzell gezogen - ohne Familie. Mit ihren Eltern lag sie nur noch im Clinch. Ein neues Zuhause fand sie im Kinder- und Jugenddorf St. Elisabeth Maberzell. Dort wohnt sie mit sechs anderen Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren zusammen, die alle Ähnliches erlebt haben wie die 14-Jährige.

Nataschas Geschichte ist schnell erzählt: Als sie zwei Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Sie blieb bei ihrer Mutter, die ein halbes Jahr spater einen Mann kennen lernte und bald darauf ein zweites Mal heiratete. Mit sieben Jahren bekam Natascha eine Schwester, und mit acht erklärten ihr ihre Eltern, dass „Papa" gar nicht ihr leiblicher Vater ist. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Natascha, ihre Eltern und Schwester eine ganz normale Familie, doch die „Aussprache" zwischen Natascha und ihren Eltern hatte Folgen. Plötzlich wollte sich das achtjährige Madchen von ihrem Stiefvater nichts mehr sagen lassen, verscirwand öfters, zweimal sogar für mehrere Tage, wenn zu Hause Streit war. Dann fluchtete sie zu einer Freundin, die in Nataschas Augen eine richtige Familie hatte, in der „es nie Streit gab" und oft „alle zusammensaßen". Von dort wurde sie oft von der Polizei abgeholt und nach Hause gebracht.

Immer wenn Natascha Streit mit ihren Eltern hatte, herrschte anschließend in der Familie tagelanges Schweigen. Eine Situation, die das Madchen sehr belastet hat, so erzahlt sie heute. Ihre Mutter, die „es jedem recht machen wollte", konnte ihrer Tochter in solchen Situationen keinen Ruckhalt geben. Eines Tages wussten die Eltern nicht mehr weiter und fragten das Jugendamt um Rat. Natascha wurde in eine Psychiatrie nach Marburg geschickt. „Dort wurden ich und die Beziehung zu meinen Eltern analysiert", berichtet Natascha. Der Psychiater riet ihr, nicht mehr nach Hause zurückzukehren. „So kam ich mit zehn Jahren nach Maberzell."

Ihre Eltern sieht sie heute nur noch ab und zu - an Wochenenden und in den Ferien. Zurückkehren mochte Natascha nicht mehr. Sie weiß, es würde nicht lange gut gehen. „Es gab einen Zeitpunkt, da wurde mir klar, dass es nie wieder wie früher werden kann." Die 14-Jährige macht einen reifen Eindruck und erzählt ohne jede Gefühlsregung, dass sie ihre Mutter kaum vermisst. Nur an eine einzige Sache denkt Natascha gern zurück: Das sind die Feste wie zum Beispiel Weihnachten, die sie mit ihrer Familie zusammen gefeiert hat.

Ansonsten ist die 14-Jahrige zufrieden mit ihrer Ersatzfamilie und den Erziehern, die „reden und fragen, wenn ein Problem auftaucht, und nicht einfach nur schweigen". Dennoch sind für Natascha die Erzieher kein Elternersatz, genauso wie sie die Kinder und Jugendlichen, mit denen sie zusammenwohnt, eher als Freunde bezeichnet und nicht als ihre Geschwister. „Dafür ist das Vertrauen nicht groß genug", erklärt das Mädchen.

In ihrer Freizeit reitet sie und trifft sich mit Freunden, die oft zu ihr ins Jugendheim kommen wollen, wenn sie Krach mit ihren Eltern haben. Die haben sich Nataschas Zuhause sowieso ganz anders vorgestellt, „mit langen Schlafsälen und so". Um so erstaunter waren sie, als sie das Zimmer ihrer Freundin sahen, das genauso groß war wie das ihre. Bis zu ihrem Schulabschluss in zirka drei Jahren will Natascha noch im Kinder- und Jugenddorf Maberzell bleiben und dann eine Ausbildung machen. Irgendwann in ferner Zukunft möchte sie ihren leiblichen Vater kennen lernen, der „irgendwo in Frankreich wohnt". Und sie mochte auch mal selbst eine „richtige Familie haben und nicht die Fehler meiner Mutter wiederholen".
 

weitere Kommentare und Ausführungen zu obigem Themenbereich. Horst Schmeil, Berlin
Bericht: Dominika Hanshen Datum: 18.01.2000 Mail: 
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