Am Pranger:
(nicht nur)Jugendamt Lauterbach(Hessen)
Zitat>
Donnerstag, 25. November 1999 • Seite 5

Lauterbacher Anzeiger

Kritik via Internet: 
Neue Erfahrung für betroffenen Vogelsbergkreis







Thema „Kinder und Jugendhilfe" wird im Frühjahr auf kreispolitischer Ebene behandelt
 
 

Von Manfred Pachten

VOGELSBERGKREIS. Das Internet macht's möglich: Fühle ich mich von Ämtern und Behörden ungerecht behandelt, mache ich es weltweit bekannt - in der Hoffnung, Mitstreiter zu mobilisieren. Eltern aus dem Vogelsberg, deren Kinder nach Gerichtsbeschluss in Pflegefamilien untergebracht wurden, haben dfesen Weg beschritten. Sie nutzen dabei die Webseite der „Aktionsgemeinschaft zur Verwirklichung der Rechte des Kindes e. V." mit Sitz in Güglingen. Auf einigen Internetseiten wird äußerst scharf Kritik am Kreisjugendamt geübt, anfangs sogar mit Namensnennung von Mitarbeitern des Amtes. Die Vorwürfe sind so massiv, dass der Vogelsbergkreis bei der Fuldaer Staatsanwaltschaft eine strafrechtliche Überpüfung gegen die Aktionsgemeinschaft beantragt hat.

Das Ergebnis dieser Überprüfung will der Vogelsbergkreis nach Angaben des Rechtsamtsleiters Dr. Amo Wettlaufer erst einmal abwarten. Anhängig ist auch derzeit noch ein Petitionsverfahren im Hessischen Landtag, dem eine Sammelbeschwerde betroffenen Eltern gegen das Jugendamt zugrunde liegt. Im Peti-tionausschuss des Landtages wird u. a. der Frage nachgegangen, ob die Arbeitsweise des Vogelsberger Jugendamtes den geltenden Rechten der Kinder und deren Familien gerecht wird. „Erst nach Ab-schluss dieser Verfahren wollen wir ausführlich berichten", so Wettlaufer.

Der Privatfernsehsender „Pro Sieben"hatte vor einer Woche in seinem Mägazin „Die Reporter" die im Internet veröffentlichten umstrittenen Fälle aufgegriffen, was letztlich dazu führte; dass sich nun der Vogelsbergkreis mit der Frage auseinanderzusetzen hat wie er mit dieser neuartigen, über das Internet  weltweit Verbreiteten öffentlichen Kritik umgeht. Kreisbeigeordneter Marx: „Das ist für uns eine ganz neue Erfahrung."Die Möglichkeit, über eine Gegendarstellung Dinge richtig zu stellen, könne man" - so Marx - „schlicht vergessen".

Eine Statistik, wie viele solcher im Internet veröffentlichten strittigen Fälle es im Vogelsbergkreis gibt, wird im Jugendamt nicht geführt. Nach Angaben des Jugendamtsleiter Josef Wanke gehen die Eltern in der Regel dagegen an, werden ihre Kinder in Pflegestellen gebracht. Sie schöpfen ihre rechtlichen Möglichkeiten aus. Es gebe aber auch Fälle, wo mit den Eltern einvemehmlich gehandelt werde. Nach Angaben von Wanke sind zur Zeit 239 Kinder, die aus Vogelsberger Familien heraugenommen wurden, in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht. 38 Kindern werde gegenwärtig ambulante Hilfe zuteil. Ambulante Hilfe erhielten derzeit 116 seelisch behinderte Kinder. Rudolf Marx betont gegenüber dem „Lauterbacher Anzeiger": „Das Kinder- und Jugendhilfegesetz verpflichtet uns, für das Wohl des Kindes zu sorgen". Dabei stelle sich das Amt auch immer wieder die selbstkritische Frage, ob richtig gehandelt worden sei. Marx ließ nicht unerwähnt, dass der Kreis für Hilfsmaßnahmen monatlich Tausende von Mark ausgebe. Die Unterbringung von Pflegekindern koste sehr viel Geld. Die Entscheidung, ob Kinder aus der Familie herausgenommen werden, fälle nicht das Jugendamt oder einer seiner Mitarbeiter, sondern nach eingehender Prüfung ein Gericht.

Der Verein „Hilfe für das verlassene Kind", Träger des „Hauses am Kirschberg" in Lauterbach sieht sich ebenfalls über Internet scharfer Kritik ausgesetzt. Wie die Heimleiterin Gerhild Hoos-Jacob erklärte, werde man, was die Reaktion des Vereins auf die erhobenen Vorwürfe befrifft, genauso verfahren wie der Vogelsbergkreis.

Etwa im kommenden Frühjahr, wenn die juristischen Verfahren abgeschlossen sind und das Ergebnis des Landtagspetitionsausschusses vorliegt, soll das Thema Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere die Problematik „Herausnahme von Kindern aus Familien und Unterbringung in Pflegefamilien oder Heimen", auf der kreispolitischen Ebene aufgearbeitet werden. Dies soll - so l. Beigeordneter Rudolf Marx - im „Jugendhilfeausschuss" des Vogelsbergkreises geschehen.

Es ist nicht auszuschließen, dass am Ende dieser Beratungen politische Schlussfolgerungen dahingehend gezogen werden, dass die Kinder- und Jugendhilfe im Vogelsberg unter Umständen durch Aufstockung des Fachpersonals noch zu verbessern ist. Gerhild Hoos-Jacob vom Haus am Kirschberg deutet im Gespräch mit dem Lauterbacher Anzeiger einen Aspekt an, der ihrer Ansicht nach etwas mit der Verärgerung der Herkunftsfamilien und deren massiven Kritik an denen, die ihnen die Kinder wegnehmen, zu tun hat. „Die Arbeit mit den sogenannten abgebenden Eltern muss verbessert werden", sagte sie. Diese Familien brauchten Hilfestellung, damit sie sich schnell stabilisieren und die Perspektive gewinnen könnten, eines Tages ihre Kinder wieder in die Familie zurückzubekommen. Diese Stabilisierung der Herkunftsfamilien dürfe freilich nicht zu lange dauern, weil dann die Bindung des Kindes zur Pflegefamilie schon zu stark geworden sei. Dies wiederum würde die Rückkehr in die Familie erschweren. <Zitatende
 

Siehe Leserbrief von Frau Wentz,Lauterbach zu obigem Artikel
siehe Stellungnahme von Bundesinnenminister Otto Schily zu Veröffentlichungen Internet. (DPA Berlin)
Bericht: durch Vermitlung Dritter Datum: 09.12.1999 Mail: 
Verteiler:Eingang Pranger
Letzte Änderung: 
 Überarbeitet am:  ; Adresse der Webseite: http://www.gabnet.com/pranger/medien1.htm