Am Pranger:
(nicht nur)Jugendamt Lauterbach(Hessen)
von Horst Schmeil, Berlin
Vater-Mutter-Kind-Haus

Ein Pilotprojekt zur Förderung einer kindzentrierten, familienfreundlichen Gesellschaft

c/o Horst Schmeil, Werderstr. 20a, 13587 Berlin, Tel/Fax: 030/336 30 40; eMail:paPPas@berlin.snafu.de; Wir bauen Brücken

Fuldaer Zeitung
Magazin am Wochenende
Redaktion Junge Leute

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Betr.: "Nie mehr nach Hause zurück" und "Ersatzfamilie in einem Kinderdorf"

Die Berichte über bzw. von den beiden Jugendlichen lassen mit erschreckender Deutlichkeit die Mängel des Schutzes der Familie durch die staatliche Ordnung und die sich daraus ergebenden Folgen erkennen. 

Im Fall Natascha ist ein kleines Mädchen durch die Trennung der Eltern zu einer sozialen Halbwaisen geworden, die völlig zerbrach, als ihr mitgeteilt wurde, der "Papa" sei gar nicht ihr Vater. Damit konnte sie sich nicht mehr mit ihrer Herkunftsfamilie identifizieren und konnte auch gegenüber der Mutter keinerlei Vertrauen aufbauen. 

Die Folge davon ist, daß sie - wie deutlich dargestellt wird - keinerlei Bindungsfähigkeit mehr aufbauen kann. Abgesehen davon, daß dieses Mädchen bereits in der Psychiatrie war, weil sie das nicht verkraftet hat, was ihr ein Leben lang angehängt bleibt, kostet das den Steuerzahler monatlich allein im Kinderheim monatlich 8000.- DM, im Jahr sind das 100.000.- DM, in den acht Jahren ihres Heimaufenthaltes wird es eine knappe Million sein, die das Kind den Steuerzahler kostet. Das Ergebnis dieser Erziehung wird in Fachkreisen nicht hoch eingeschätzt, da sie bereits jetzt völlig bindungslos ist und sich auf niemanden mehr verlassen kann. Sie wird diesen Betrag weitgehend als Erwachsene abtragen müssen, so daß sie mit dieser Bürde ins Leben entlassen wird.

Ähnlich ist es mit Torek, dem 14-jährigen Jungen, der über das Kinderdorf und seinen Einschätzungen in einem Psychologendeutsch schreibt, daß sich mir als Pädagogen die Haare sträuben. Auch hier ist eine zerbrechende Familie Hintergrund für den Heimaufenthalt, der als Familienersatz getarnt wird. Die Folgen werden bei ihm sein, daß er aufgrund seiner bereits sehr überzogenen Schreibereien eine überangepaßte Persönlichkeit werden wird, die für jede Anweisung von oben dankbar ist, wenn er sie ohne Kritik äußern zu müssen durchsetzen kann, ein Beispiel für den Schreibtischtäter. 

Auch er kostet die Gemeinde monatlich 8000.- DM, die mindestens noch vier Jahre gezahlt werden müssen. Auch das sind bis zu seiner Volljährigkeit, die nicht dazu führen wird, daß er aus dem Heim entlassen wird, ein "Restbetrag" von mehr als einer halben Million DM.

Da allein, wie im Landkreis Vogelsberg kürzlich mitgeteilt wurde, ca. 300 Kinder dort in Fremdunterbringung sind, bedeutet das im Vogelsbergkreis Kosten von ca. 300 Millionen DM allein dafür, daß diese Kinder von ihren Eltern getrennt leben müssen. Im Landkreis Fulda wird es nicht wesentlich anders sein. 

Von einer prophylaktischen Arbeit oder einem gemeinsamen Sorgerecht und der gemeinsamen Verantwortung der Eltern -also Vater und Mutter - für die gemeinsamen Kinder wurde kein Wort geschrieben. Dabei hätten die Jugendämter die Aufgabe, in derartigen Fällen helfend und unterstützend so einzugreifen, daß die Familie erhalten bleibt und gestärkt wird. 

Neben dem Einhalten des Grundrechtsschutzes ist diese Art der Hilfe, wobei es sich vielfach um eine ambulante handeln sollte, nicht nur kostengünstiger, denn es sind dafür allenfalls ein - bis zweitausend DM im Monat über einen abgegrenzten Zeitraum zu zahlen, und die Kinder hätten dann auch gelernt, wie man in einer Familie Konflikte austrägt, um sich die Formen einer angemessenen Streitkultur anzueignen. 

Das jedoch werden diese beiden Jugendlichen nicht mehr lernen können. 

Ihnen bleiben nur die Formen, die in Einrichtungen üblich sind - meist Gewalt - die dann irgendwann einmal dazu führen werden, daß sie in einer psychiatrischen Anstalt oder einem Gefängnis landen. Dort befinden sich bereits zu ca. 80 % aller "Insassen" Menschen, die aus derart gestörten Verhältnissen kommen, weil ihnen "zum Wohle des Kindes" die Möglichkeit einer normalen Erziehung, notfalls mit professioneller Hilfe für sie und ihre Eltern, durch staatliche Angebote verwehrt wurden.

Es wird Zeit, daß die dazu beauftragten Institutionen diese Aufgaben wahrnehmen und nicht weiterhin mit der Zerstörung der Familien dafür sorgen, daß diese Kinder keine Zukunft haben. Da hilft alle Schönfärberei eines Kinderdorfes nicht. Hier, wie in anderen Formen der Fremdunterbringung, kann von den dort untergebrachten Kindern nicht nur der Notruf: "SOS" erfolgen: es ist "Mayday."

Horst Schmeil

Vater-Mutter-Kind-Haus

Berlin 

Sehr geehrtes Redaktionsteam, ich bitte den Leserbrief ungekürzt zu veröffentlichen.

Bericht: Horst Schmeil, Berlin Datum: 18.01.2000 Mail:  Horst Schmeil <pappas@berlin.snafu.de>
Verteiler:Eingang Pranger
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