Am Pranger:
Jugendamt Lauterbach(Hessen)
 Samstag, 5. Februar 2000 Nummer 30

Region

Mediziner erkannte Glasknochenkrankheit nicht: Kurde kam wegen Kindesmisshandlung in U-Haft

Vater unter falschem Verdacht

Von unserem Redaktionsmitglied Boris Schöppner

Hünfeld Eine Fehldiagnose mit schwerwiegenden Folgen: Weil Mediziner davon ausgingen, dass der Kurde Abdurahman Sert seine jüngste Tochter misshandelt hatte, wurde die kleine: Naime fast zwei Jahre lang von ihrer Familie getrennt, kam der Vater von acht Kindern zwei Monate m Untersuchungshaft, wurde das Kind, das an der Glasknochenkrankheit (Osteogenisis Imperfecta) leidet, über eine lange Zeit nicht adäquat behandelt. Jetzt lebt das dreieinhalb Jahre alte Mädchen wieder bei seiner Familie und kann mit seinen Schwestern spielen. Doch die Frage bleibt, wieso die Krankheit erst so spät diagnostiziert wurde.

„Viele haben Fehler gemacht und den Leuten nicht zugehört", sagt Hubert Raulf. Bei ihm, dem Vater der Pflegefamilie, lebte das Kind ein Jahr lang. Ihm wurde die kleine Naime vom Jugendamt anvertraut, weil das Mädchen aus dem „Wirkungskreis des Vaters" herausgebracht werden sollte. Zu diesem Schluss kam das Amtsgericht Hünfeld auf Grund eines Gutachtens des Rechtsmediziners Professor Dr. Reinhard Hilgermann.

Dieser hatte in seiner 40-seitigen Expertise ausgeschlossen. dass bei dern Mädchen „eine krankhafte Knochenbrüchigkeit vorliegt". Und: „Es ergibt sich zwingend, dass sämtliche Verletzungen ausnahmslos auf Misshandlungen zurückzuführen sind." Diese Diagnose stellte er, ohne das Kind jemals gesehen zu haben. Auf Anfrage der FZ sagte Hilgermann, sein Auftrag sei es gewesen, „auf Grund der Aktenlage" ein Gutachten zu erstellen. Der Direktor des Amtsgerichts Hünfeld, Josef Herbst, erklärte hingegen: „Ein Sachverständiger entscheidet selbst, was er zum Erstellen des Gutachtens braucht"

Hilgermann stützte sich vor allem auf die Ausführungen des Direktors der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Fulda, Prof.Dr. Uwe Töllner. Im Alter von sechs Monaten wies die Patientin bereits 30 Knochenbrüche auf.. Zwei Sachverhalte veranlassten den Professor zu der Annahme, das Mädchen sei misshandelt worden. Zum einen Frakturen an für eine Glasknochcnkrankheit ungewöhnlichen Stellen, zum anderen hätten die Eltern häufig den Arzt gewechselt, was auf den Versuch hinweise. Misshandlungen zu verschleiern.

Er sei sehr um das Mädchen besorgt gewesen, sagte Tollner gegenüber der FZ, zumal er in seiner Laufbahn schon sechsmal Kinder an den Folgen von Misshandlungen habe sterben sehen.

Töllner erklärt, der Aufbau des Knochens sei völlig normal, die Knochenkrankheit nicht zu erkennen gewesen. Fünf Professoren und sieben Ärzte seien zu dem gleichen Urteil gekommen, „Wenn etwas wasserdicht gelaufen ist, dann in diesem Fall."

Auch Töllners Ulmer Kollegin, Dr. Angela Foldenauer, die Naime später behandelt hat, bescheinigt ihm, sorgfältig gearbeitet zu haben. In einigen Punkten ist sie jedoch anderer Meinung als der Fuldaer Medizyner. Bei den Röntgenbildern habe sie gestutzt: „An der Knochcndichte ist etwas auffällig."Auch gebe es in diesem Alter und bei einer Glasknochenkrankheit „kerne untypischen Frakturen".

Dreimal habe.sie erlebt, dass Eltern eines Glasknochenkindes in den Verdacht gerieten, es misshandelt zu haben. Sicherheit, ob eine entsprechende Erkrankung vorliegt, bringe nur eine protein-chemische Analyse, für die ein Stück Haut ausgestanzt werden muss. Angesichts der schwerwiegenden Folgen einer Fehldiagnose sagte Foldenauer zu diesem Testverfahren: „Das hätte man machen können,"

Die falsche Diagnose hatte zur Folge, dass das Jugendamt, per Eilverfahren das Kind aus der Familie nehmen wollte- Ohne Dolmetscher versuchten am 4.April 1997 Mitarbeiter des Jugendamtes Naime abzuholen. Der verzweifelte Vater drohte, sich und seine Familie umzubringen. Durch geduldiges Verhandeln gelang es, die Situation zu entschärfen.

Das Jugendamt brachte das Kind erst bei einer Tante unter. Auch dort erlitt es Knochenbrüche. Den Beteuerungen der Familie, das Bein habe sich im Gitterbettchen verkantet und sei dabei gebrochen, glaubte man nicht. Der Vater wurde daraufhin für zwei Monate in U-Haft genommen. Da er jedoch ein Alibi für die Tatzeit nachweisen konnte, in der sich das Kind das Bein gebrochen hatte, kam er wieder frei. Weil auch bei der Pflegefamilie weitere Frakturen auftraten und eine Kinderärztin die Krankheit feststellte, durfte die Tochter im Oktober 1999 zurück zu ihrerFamüie.

Abdurahman Sert hat die Entschuldigung Töllners abgelehnt:

„Mit zwei Worten des Bedauerns wird er meine zwei Jahre des Leidens nicht aufwiegen 'können." Er lässt nun rechtliche Schritte gegen den Arzt, den Gutachter und das Jugendamt prüfen.

 
Abdurahman Sert, Vater von acht Kindern, ist froh, dass seine jüngste Tochter Naime (rechts) wieder bei der Familie ist. Weil ihre Glasknochenkrankheit nicht erkannt wurde, war der Kurde in Verdacht geraten, dem Kind die Knochen gebrochen zu haben, Foto: Boris Schöppner
 
...siehe auch: Expertenopfer
Verfassungsbeschwerde
Ein von uns nicht überprüfter Bericht.
Bericht: durch Vermitlung Dritter Datum: 04.10.1999 Mail:
Verteiler:Eingang Pranger
Letzte Änderung: 
Überarbeitet am:  ; Adresse der Webseite: http://www.gabnet.com/pranger/sert1.htm