"Inflation
der Liebe" ... ? Hinweise zur Gewaltfrage
Sicherlich gab
es Gewalt von und gegen Menschen als Ausdruck zerstörerischer
Aggression gegen
und von Menschen in unterschiedlichen Formen und Herkünften
schon immer.
Und auch dumpfskinniges Schlagdrauf ist ebensowenig neu wie Aus-
brüche
von Berufskriminellen aus Verwahranstalten: Neu ist, dass im Deutsch-
land der endneunziger
Jahre einerseits rechtsextremistische Rollkommandos und
andererseits
- gelegentlich - professionelle Helfer mitmischen.
Neu erscheint
mir im Deutschland dieser Jahre auch ein Trend zur - mit Blick
auf Ort und
Zeit kaum voraussagbaren, eruptiven und insofern auch vulkanisch
ausbrechenden
- Gewalt als unkontrollierbarem Verhalten: Seis gegen sich, seis
gegen andere.
Doch so sehr diese Ausbrüche irritieren und so schwer sie vor-
auszusagen und
zu ertragen sein mögen: Sie sind im gesellschaftlichen Gesche-
hen selbst angelegt
als Ausdruck jener "Momentpersönlichkeit", deren Umrisse
A. Mitscherlich
bereits Mitte der 60er Jahre ansprach: Ich-schwache, unsichere
und zerrissene
Menschen, die auf allgemeine Sozialtrends reagieren. Und ob
sie es wollen
oder nicht: Diese zugleich verstärken. Entsprechende Zustände
mangelnder sozialer
Regungen nennen Sozialwissenschaftler, die diesen Namen
verdienen, seit
E. Durkheims Suicide-Studie Anomie: Mit Werte- und Normenver-
lust einhergehende
Bindungslosigkeit ist in der Tat auch Ausdruck zeittypi-
scher Individualisierung,
Differenzierung
und Pluralisierung. Und damit zu-
gleich (und
so paradox dies zunächst erscheinen mag) in unsere moderne soziale
Welt grundsätzlich
eingelagert: Jeder für sich ("Individualisierung"), das
ganze Soziale
undurchschaubar-verwirrend ("Differenzierung") und is-eh-alles-
egal und bekanntlich
relativ ("Pluralismus").
Dies ist der
verhaltensleitend-mentalitäre Unterboden struktureller Gewalt
von Menschen
(in) dieser Gesellschaft. Und weil´s weder das Gewaltgen noch die
Gewaltgene bei
uns Menschen gibt - müssen wir damit leben, dass auch alle
situativen,
eruptiven und vulkanischen Gewalthandlungen Ausdrucksformen unseres
eigenen menschlichen
Gattungsvermögens sind: Von aufloderndem Hass und gnaden-
loser Selbst-
und Fremdvernichtung als Kehrseite überbordend-grenzenloser
Liebe, Spontaneität
und Creativität:
"Das Gebot: Liebe
deinen nächsten wie dich selbst" - schrieb Sigmund Freud
1929 - "ist
undurchführbar;eine so grossartige Inflation der Liebe kann nur
deren Wert herabsetzen,
nicht die Not beseitigen (...). Wenn jenes grossartige
Gebot lauten
würde: Liebe deinen nächsten wie dein Nächster dich liebt"
- so
Freud folgerichtig
-, "dann würde ich nicht widersprechen."
So gesehen ist
der zu erkennende Zuammenhang von neuer deutscher Gewalt
("Fidschis aufmischen
is´ echt geil, eh´ ") und scheinbar politischer ("Liebe
euch doch alle")
wie scheinbar unpolitischer ("hat Euch alle lieb"; "...und
sie lieben mich
doch alle") dabei jeweils enttäuschter Liebe eben kein Zufall.
Vielmehr ein
sich wechselseitig bedingender und Gewalthandlungen beeinflussen-
der grundsätzlicher
Zusammenhang. Auf den es gerade aus der Sicht jeder dia-
lektisch-kulturanalytischen
Sozialpsychologie
als Subjektwissenschaft von
(wie auch immer)
handelnden und/oder unterlassenden oder/und duldenden Menschen
aufmerksam zu
machen gilt... nicht zuletzt, um alle Folgen von eigenen oder
fremden Schädigungen
umso wirksamer - auch praktisch - eingrenzen zu können.
Und dies sicherlich
nicht nur, aber auch dadurch, um gerade bei Gewalttätern
so affektiv
überfrachtete wie emotional enttäuschte Gefühle von Liebe
nicht in
Form zerstörerischer
Gewaltakte auflodern zu lassen. Sondern sie in alltags-
praktisch lebbare
Massstäbe übertragen zu helfen.
In diesem - wie
ich meine auch präzisen - Sinn ist jede Psychologie der
Gewalt praktisch
herausgefordert.