TECHNOLOGIE
IM/UND ALLTAG: WAS WIR TUN KÖNNTEN...
WAS WIR TUN KÖNNEN...WAS WIR
TUN. -
HINWEISE AUF EINE ANDERE TECHNIKPSYCHOLOGIE
IM
21. JAHRHUNDERT [1]
Aus bestimmten Gründen zitiere
ich auch im Frühjahr 2002 bewusst, was ich
als Student der Sozialwissenschaften
vor gut fünfundzwanzig Jahren in einem
der alten Bücher über "Technologie"
las. Im "Kapital" schrieb nämlich einer der
damals radikalsten wissenschaftlichen
Kritiker der sich entwickelnden privat-
kapitalistischen Erwerbsgesellschaft,
Carl Marx, in einer bis heute konzeptionell
und methodologisch richtungsweisenden
Anmerkung im dreizehnten Kapitel über
"Maschinerie und grosse Industrie"
1867:
"Die Technologie enthüllt das
aktive
Verhalten des Menschen zur Natur,
den unmittelbaren Produktionsprozesss eines
Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen
Lebensverhältnisse und der ihnen
entquellenden geistigen Vorstellungen."
[2]
Dieses wenn man so will: Schlüsselzitat,
das Technologie als Leitkonzept jeder
subjektwissenschaftlichen Sozialforschung
anspricht, möchte ich kontrastieren
mit meiner Erinnerung von vor etwa
zwanzig Jahren: Damals bescherte uns die
Leiterin des Allensbacher Instituts
für Demoskopie ("das Allensbacher Orakel"),
Frau Professor Noelle-Neumann-Maier-Leibnitz,
ihren "weissen Elephanten",
was meint/e: Gleichsam über Nacht
und in der Tat völlig überraschend behauptete
diese Medien(wirksamkeits)forscherin,
dass die Medien im allgemeinen und das
von ihr jahrelang als (über-)mächtig
behauptete deutsche Fernsehen im Grunde
wirkungslos wären. Was die Dame
aus Mainz und Allensbach nun behauptete
war nicht nur das jähe Gegenteil
ihrer vorgehenden Forschungen. Sondern gene-
rierte sich gleichsam als neues, angeblich
subjektwissenschaftlich bedeutsames
Forschungsparadigma. Plötzlich
sollte die alte Leitfrage von Paul Lazarsfeld und
Mitautoren, was denn die Medien mit
den sie nutzenden Menschen machen, gleich-
sam Schnee von gestern in einer Tabuzone
sein. Und wer immer etwa von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft/DFG
Gelder für eigne Medien(wirksamkeits)-
forschungen einwerben wollte - war
gut beraten, sich diesen gewendeten Nutzeran-
satz ("uses and gratifications appraoch")
Anfang der achtziger Jahre taktisch anzu-
eignen und strategisch vorzutragen.
Aber wie auch immer und was auch immer da
abgelaufen sein mag: Ich will hier
nur -in aller gebotenen Kürze- als jemand, der sich
vor (fünfund)zwanzig Jahrenintensiv/er
mit Medien und ihren möglichen und wirklichen
Wirksamkeit/en wissenschaftlich und
als Sozialforscher beschäftigt hat, einmal be-
hutsam andeuten, was eine am eingangs
zitierten Technologie-Verständnis ange-
lehnte Medien(wirksamkeits)forschung
etwa mit erweitertem Blick auf ästhetische,
medienstrukturelle und technologische
Aspekte zu bedenken und zu leisten hätte.
Dabei geht es nicht nur -nach dem
Motto: Bisschen schwanger gibts auch sozial-
wissenschaftlich nicht - um eine weitere
subjektwissenschaftliche Anlagerung.
Sondern um eine doppelte Perspektiverweiterung
unter Berücksichtigung neuer
medienvermittelter ("medialer") Kommunikations-
und Nutzungsformen. So gesehen,
kann eben nicht nur wie bisher interessieren
was (wir) Menschen wirklich (empirisch)
tun wenn wir Medien technisch anwenden
und, zum Beispiel, neueTechniken, For-
men und Angebote wie etwa Mobiltelephonie
("mobile" bzw. "Handy"), e-mailing
und die endlose Weite des weltweiten
online-Netzes seis strategisch gezielt, seis
im sail-along-surfing scheinbar ziellos
nutzen...sondern vielmehr und insbesondere:
Dass wir (zunächst einige von
uns) auch anders können, die Nichtnutzung der neuen
technisch-apparativen Möglichkeiten
eingeschlossen, und wiederum auch noch anders
könnten. Dies meint konkret eine
an die vor gut zehn Jahren in Ansatz des "utopischen
Paradigma" der empirischen Sozial-
und Kulturforschung angelehnte und doppelt erwei-
terte dialektische Forschungslogik
(des Dritten oder Tertium) mit ihren Konsequenzen.
So gesehn interessiert im Sinne "Möglichkeitssinn"
(Robert Musil) auch, was denn
Menschen mit den Möglichkeiten
eben nicht nur technisch-apparativ, sondern auch
kulturell als creative Anwender von
Medien/Technik(Nutzer, "user") einerseits machen
könnten und andererseits machen
können. Und dies sind nicht selten andere als die
angesonnenen Funktionen etwa des "Handy"
als Mobiltelefoniergerät nutzen (wie sich
an der Simserei, also den ständig
[sms/short message system] Kurzmitteilungen
verschickenden Millionen vorwiegend
junger Menschen hierzulande zeigt..). Wer sich
nur und gleichsam empiristisch nach
dem, was eh augenfällig, sichtbar und letztlich
dann auch weitgehend bekannt ist,
fragt, kann auch dieser neuen kulturellen, medien-
bezogenen und im sozialwissenschaftlichen
Sinn: Technologischen Wirklichkeit und
den sich diese aktiv aneignenden und
sie zugleich aktiv verändernden Menschen als
handelnde Subjekte nicht wirklich
auf die Schliche kommen, sondern wird im Rahmen
eines banalen"Verdoppelungsrealismus"
(Theodor W. Adorno) verbleiben... möge sich
also halt weiter um das kümmern,
was Menschen tun wenn sie tun was sie tun.
Kultur- und Sozialforscher, die diesen
Namen verdienen, unterlassen freilich nicht,
bevor sie irgendwelche empirischen
Forschungsprojekte unternehmen, zu denken.
Und dazu könnte das zitierte Technologie-Verständnis
eines alten Buches auch
heute noch anregen. Jenseits kritisierter
konzeptionell blinder und theoretisch schrum-
pfender Datenrapportierung/en wäre
die angedeutete doppelte Erweiterung nicht nur kulturwissenschaftlich-"gedankenexperimentell"
(Max Weber), sondern konzeptionell
und empirisch zu erproben: Denn in
dem, was (wir) Menschen mit den neuen medial-
technisch-apparativen und mit Blick
auf tendenziell grenzenlose Möglichkeiten etwa
des weltweiten Netzes oder der elektronischen
Netz- und Mobilkommunikation machen
können (was bereits einige schon
tun) liegen immer auch weitergehende, meist ver-
steckte oder unerkannte Hinweise auf
das, was wir (noch) nicht tun, aber -möglicher-
weise zukünftig- tun könnten.
Ich nenne diese beiden Möglichkeiten: Einerseits die
reale und andererseits die potentielle
Möglichkeit von Technologie im Alltag oder auch:
Die empirisch näherliegende konditionale
Anwendung, die schon von einigen (den so-
genannten "Pionieren") praktisch erprobt
wird. Und die empirisch fernerliegende potentielle
Anwendung, die praktisch noch
unerprobt ist, aber als weitere Möglichkeit durchaus
schon gelegentlich aufscheint.
[1]
Die ist (m)eine
erweiterte deutsche Neufassung des
Kongressbeitrags "Technology Within Every-Day-Life:
What People Could Do - What People
Can Do - What People Do. Towards Another Psy-
chology of Technology in 21th Century"
(Berlin 18.Oktober 2001: Innovations for an e-
Society: Challenges for Technology
Assessment", vide http://www.itass.fzk.de/e-society).
Zur englischen
Version mit Hinweisen auf frühere eigne Beiträge (1987-1997)
vide: http://www.richard-albrecht.de/kurztexte/wissenschaftlich/kt_w_04.htm).
-Der
wissenschaftliche
Leitessay erschien unter dem Titel: "The Utopian Paradigm -
A Futurist Perspective"
in: "Communications. The European Journal of Communi-
cation", vol.
16 (1991) No. 3, pp. 283-318, sog."abstracts" in engl., dt. und frz. online
bei: http://www.richard-albrecht.de
[2]
Im Gegensatz
zu dieser eindringlichen Passage empfinde ich etwa eine vergleich-
bare im zahlreich
gelobten neuenBuch von Manuel Castells nicht nur konzeptionell
platt, sondern,
weil der Unterschied zwischen zu Erklärendem (explanandum) und
dem Erklärten
(explanans) methodisch verwischt wird, tautologisch, wenn dieser So-
ziologe über
Technologie schreibt: "To large extent technology expresses the ability
of asociety
to propel it self into technological mastery through the institutions of
society, including
the state. The historical process through which this development of
productive forces
takes place earmarks the characteristics of technology and inter-
weaving in social
relationsships."(vide his book: "The Information Age: Economy,
Society, and
Culture", 1st volume, second edition, pp.12/13; in der inzwischen er-
schienenen dt.
Buchausgabe bei Leske+Budrich im Prolog, S.13). -Auch bei einer
angemessenen
englischen Übersetzung der Technologie-Passage bei Marx wird der
Kontrast deutlich:"Technology
discloses the active relation of man towards nature,
as well as the
direct process of production of his very life, and thereby the process
of production
of his basic societal relations, of his own mentality, and his images
of society,
too." ("Das Kapital", Band 1, Kapitel 13, Anmerkung 89; meine Über-
setzung ins
Englische) [21.Febr.2002].
[2.2002] |