| Die Not treibt sie; doch nicht die wirtschaftliche, wie bei den Arbeitsmigranten
von Süd nach Nord und neuerdings von Ost nach West, sondern die "kulturelle",
die soziale, die ökologische und was noch alles immer... Eigentlich
müßten die ""pull - factors"", die die Touristen
zu den Urlaubsländern hinziehen, überwiegen.
Doch wenn man heute tiefer geht, wird man meist feststellen, daß
die "push - factors", die die Touristen aus ihren Heimatländern
hinaustreiben, schwerer wiegen
Die Abhängigkeit von einer derartigen Droge verwandelt das ganze Leben des Tourismuskranken quasi in eine simple Vor - oder Nachurlaubszeit, mit dem Ergebnis, schließlich nur v o n und f ü r die Urlaubsreise zu leben Es ist nicht verwunderlich, daß sich die Tourismusabhängigen beim Fortschreiten der Krankheit langsam aber sicher an das Medikament gewöhnen, so daß immer größere Dosen in immer kürzer werdenden Abständen notwendig werden Dies ist nicht zuletzt eine zusätzliche Erklärungsdimension des sich ausbreitenden Phänomens eines zweiten, dritten oder mehrmaligen jährlichen Urlaubs Wenn man ferner bedenkt, daß die Zahl derer, die gerne bereit wären, ihre "entwickelten" lndustriegesellschaften für immer zu verlassen, ständig steigt, (so betraf diese Zahl Anfang 1993 beispielsweise in Großblitannien die Hälfe der Bevölkerung) könnte man diese wohl temporäre Migration des Tourismus auch als Vorboten bzw. als Erprobung einer ständigen Emigration umdeuten Mit anderen Worten, man könnte einen exzessiven Tourismuskonsum, aber auch selbst eine gewöhnliche 0815 Urlaubsreise, manchmal als einen latenten Auswanderungsanlauf sehen; also als einen bewußten oder unbewußten Versuch, nicht nur dem Heimatland einfach den Rücken zu kehren. sondern auch das Gelände in den Urlaubsländern zu erkunden. um sich eventuell dort "einen Platz an der Sonne", wenn möglich für immer, zu sichern Mancher Tourist gibt sich dem Glauben hin, die Bereisten müßten ihm nur dankbar sein. wegen seiner mitgebrachten Devisen. Wenige jedoch wollen wahrhaben, daß sie mit der heutigen ''harten" Form des Turismus hochempfindliche Monokulturen und einseitig Abhängigkeiten fördern, sowie zu einer allgemeinen Desorientierung der dortigen Wirtschaften und Gesellschaften beitragen Das Ergebnis: statt ''Entwicklung" einzuführen, helfen sie mit, ihre eigenen "entwickelten" Probleme in diese Länder auszuführen und zu verpflanzen Bezüglich der Auswirkungen, die heute die existierenden Entwicklungsmodelle -sowohl des Tourismus als auch insgesamt die des primären, sekundären und tertiären Sektors - auf die Umwelt haben, ist inzwischen Allen bekannt, daß diese verschandelt und tagtäglich auf dem Altar des leichten Profits und der sogenannten Entwicklung geopfert wird Das Ergebnis dieser Praxis ist die Zementierung der Küsten mit Mammutbauten und architektonischen Ausgeburten direkt am "Wellenschlag", die Störung empfindlicher Ökosysteme, das Wuchern anarchischer Bebauung, die Vergeudung und Verschmutzung des Wassers, die Zerstückelung des Landes und die Grundstücksspekulation, die Aufgabe oder die, aus der Überausbeutung der chemischen Landwirtschaft erfolgte, Zerstörung von Ackerland, die Verjauchung der Meere, Seen und Flüsse inzwischen hat jegliche Art von Verschmutzung,Verseuchung und Degradierung der Umwelt nicht nur das Leben von Touristen und Einheimischen lebensunwert gemacht, sondern tendiert dahin, das ganze Mittelmeer, das mehr als ein Drittel der internationalen touristischen "Flutwelle " aufnimmt, vom "Mare Nostrum" in ein "Mare Monstrum" umzuwandeln Anders reisen würde etwas anderes bedeuten als das, was üblicherweise verschiedene touristische Staatsbeamte oder bestimmte Vetreter der touristischen Wirschaft mit dem Begriff "Alternative Formen des Tourismus " meinen und propagieren Diese Formen des Tourismus stellen nichts "Alternatives" dar; sie sind lediglich komplementär, das heißt Unterteilungen und integrale Bestandteile einer und derselben Sache: des bestehenden Modells des "harten" und devisenzentrierten Tourismus Das Gleiche gilt auch für die Formel "qualitativer Tourismus", die in letzter Zeit oft gebraucht wird, natürlich nicht in dem Sinne der menschlichen Qualität, sondern in dem der Devisen-Quantität, also des Inhalts der Taschen der Touristen Man spricht also von Qualität und sieht den Menschen lediglich als Geld-Bringer also als " Touristanthropus Mark(o)- oder Dollar(o)phorus" Kann man sich wirklich vorstellen, was für ein Tourismus entstehen würde, wenn, beispielsweise,jeder der vielen Millionen Ausländer, die in Deutschland, Europa und der ganzen Welt leben, arbeiten oder studieren, sei es auch nur einen einzigen Kollegen, Kommilitonen oder Freund, zu sich nach Hause - und nicht etwa in ein anonymes Hotel irgendwelcher touristischen Ghettos - einladen würde?! Dasselbe kann man sich nicht nur bei Ausländern, sondern auch bei Deutschen, Wessis wie Ossis, und den Menschen der ganzen Welt vorstellen, unabhängig, ob sie im Ausland oder im Inland leben bzw. ob sie allein, mit Familie oder in beruflicher, gewerkschaftlicher, sozialer, politischer oder sonstiger Gruppenform verreisen würden Ein solch "qualitativer" dezentralisierter , und sich auf die eigenen Kräfte stützender Tourismus, der Philia (Freundschaft), Physe (Natur) und Philoxenia (Gastfreundschaft) bieten würde "3 Ph s ". also, eines anderen menschen- und naturfreundlichen Tourismus -, würde materielle genauso wie geistig-menschliche Devisen zur Folge haben Darüberhinaus würde er nicht nur zum Wachstum eines anderen ausländischen und inländischen sozialen Öko-Tourismus, sondern auch zu einem wirklichen Verständnis und einem gleichberechtigten Zusammenleben von Aus- und lnländern in den jeweiligen Gesellschaften beitragen Auf seine menschliche Art würde ein solcher Tourismus gleichzeitig einen kleinen Beitrag zur Bekämpfung der Phänomene von Xenophobie,Nationalisnmus und Rassismus leisten, welche sich besonders in letzter Zeit gefährlich ausbreiten Dadurch könnten bei uns diejenigen sozialen und ökologischen Antikörper geschaffen bzw. gefördert werden, die notwendig sind,um eine aktive internationalistische Völkerverständigung und Solidarität voranzubringen Die Sprachbarrieren sind nicht unbedingt der Grund für unsere Kontaktschwierigkeiten, denn letztere haben wir ja, trotz gleicher Nationalität, mit den eigenen Landsleuten auch. im Übrigen: Das demokratische Recht auf Tourismus darf nicht zum Recht auf Neokolonialismus ausarten Das Recht auf Reisen darf nicht die Rechte der Bereisten verletzen, denn die Reiselust kann leicht zur Reiselast ausarten Wir wissen aber auch: Außer der Ein-, Zwei -, Vielsamkeit, gibt es noch viele Arten von harten sozial- und umweltunverträglichen "-ismen" (Kapital-, Imperial- realexistierend Sozial- und was noch alles immer), die es schon immer gab und geben wird und vor denen wir uns schützen müßten.
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